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Mittwoch, 16. Mai 2012

Nataschas Tanz und das Waidwerk


In seiner voluminösen, aber überaus lesenswerten Kulturgeschichte Rußlands, die 2002 unter dem Titel „Nataschas Tanz“ erschienen ist, hat sich der britische Historiker Orlando Figes auch mit der Bedeutung der Jagd im Zarenreich zur Mitte des 19. Jahrhunderts beschäftigt. Vieles von dem, was er dort beschreibt, trifft m.E. in Rußland auch heute noch zu: Jagen (und Angeln) als zeitweiliger Abschied vom „normalen“ Leben und Hinwendung zur „ursprünglichen“ Natur und Lebensweise. (Hier hatte ich darüber schon etwas geschrieben.) Dies scheint mir doch ein signifikanter Unterschied zum deutschen Jagdverständnis zu sein, das gerne betont, wie wichtig die Jagd in unserer Kulturlandschaft ist.

Doch lassen wir Figes zu Wort kommen:
"[...]

Von allen ländlichen Vergnügungen kam die Jagd einer nationalen Institution am nächsten, denn sie vereinte den Adligen und den Leibeigenen als Sportskameraden und Landsleute. Das frühe 19. Jahrhundert war das goldene Zeitalter der Jagd, was wiederum damit zusammenhing, daß der Adel nach 1812 das „gute Leben auf dem Landsitz“ wiederentdeckte. Es gab Adlige, die ihre Laufbahn im Verwaltungsdienst aufgaben und sich aufs Land zurückzogen, um sich ganz der Jagd zu widmen. Der „Onkel“ der Rostows in „Krieg und Frieden“ ist ein typisches Beispiel:
„Warum treten Sie nicht in den Staatsdienst ein, Onkel?“
„Ich habe einmal gedient, habe es aber dann aufgegeben. Ich tauge nicht dazu, klare sache, und damit hopp! Habe mich in all den Kram niemals hineinfinden können. Das ist eure Sache, bei mir langt’s dazu nicht mit dem Verstand. Siehst du, mit der Jagd, da ist es etwas anderes […]“
Es gab zwei Arten der Jagd in Rußland: Die klassische Jagd mit Hundemeuten, die etwas sehr vornehmes war, und die einfache Art zu jagen, wie sie Turgenjew in seinen „Aufzeichnungen eines Jägers“ (1852) verewigt hat und bei der ein Mann, nur von seinem Hund und einem Leibeigenen begleitet, zu Fuß loszog.



Die klassische Jagd wurde im Stile eines militärischen Feldzugs durchgeführt, dauerte manchmal mehrere Wochen und umfaßte Hunderte von Reitern, riesige Hundemeuten und ein enormes Gefolge von Jagdknechten, die auf den Landsitzen der Adligen kampierten. Lew Ismailow, der Rjasaner Adelsmarschall, nahm 3000 Jäger und 2000 Jagdhunde mit auf seine „Feldzüge“. Baron Mengden hielt sich für die Jagd eine Einheit besonders guter Jagdknechte mit eigener scharlachroter Livree und speziellen Araberpferden. Wenn sie mit dem Baron an der Spitze aufbrachen, nahmen sie mehrere hundert mit Heu und Eicheln beladene Karren, eine Krankenstation auf Rädern für verwundete Hunde, eine fahrbare Küche und so viele Bedienstete mit, daß das Haus des Barons völlig verwaist war und seine Frau und Töchter nur mit einem Mundschenk und einem Pagen zurückblieben. Diese Art der Jagd war nur möglich, weil der Adel über ein riesiges Heer von Leibeigenen und nahezu sämtliche Ländereien verfügte – Bedingungen, die bis zur Befreiung der Leibeigenen im Jahr 1861 gültig blieben. Wie bei der englischen Jagd handelte es sich ernsthafte, steife Angelegenheit, bei der gesellschaftliche Hierarchien strikt eingehalten wurden und den Jagdknechten, wenn sie nicht ohnehin mit den Hunden liefen, eindeutig eine untergeordnete Rolle zukam.

Im Gegensatz dazu war Turgenjews Art der Jagd beinahe egalitär, und zwar auf eine ausgesprochen russische Weise. Wenn der Adlige mit seinem leibeigenen Gefährten auf die Jagd ging, ließ er die zivilisierte Welt seines Palastes hinter sich und betrat die Welt der Bauern. Dieser Sport schweißte Junker und Knecht zusammen. Sie kleideten sich ähnlich, teilten Essen und Trinken, wenn sie unterwegs anhielten, schliefen Seite an Seite in Bauernhütten und Scheunen, unterhielten sich, wie Turgenjew es in den „Aufzeichnungen“ schildert, in kameradschaftlichem Geist über das Leben und schlossen dadurch oft eine enge und dauerhafte Freundschaft. Das Ganze war mehr als nur die übliche sportliche Männerkumpanei. Was den Gutsbesitzer betraf, so war die Jagd für ihn eine ländliche Odyssee, eine Begegnung mit unentdecktem Bauernland, und es war beinahe nebensächlich, wie viele Vögel oder Tiere er dabei schoß. In der letzten, sehr poetischen Episode der „Aufzeichnungen“ faßt der Erzähler alle Freuden der Jagd zusammen und erwähnt den Sport selber dabei kaum. In dieser wundervollen Schilderung findet die innige Liebe des Jägers zum ländlichen Rußland und seiner wechselnden Schönheit im Laufe der verschiedenen Jahreszeiten ihren Ausdruck:
„Aber nun ein Morgen im Sommer, im Juli! Wer außer dem Jäger hat erfahren, was für eine Freude es ist, im Morgenrot durch die Büsche zu streifen? Als grünes Band legt sich die Spur Ihrer Füße auf das tauige, weiß schimmernde Gras. Sie biegen einen nassen Strauch auseinander – und schon umgibt Sie der aufgespeicherte warme Duft der Nacht; die Luft ist ganz durchtränkt mit der frischen Bitterkeit des Wermuts, mit dem Honig des Buchweizens und des Wiesenklees; in der Ferne steht wie eine Mauer der Eichenwald und glänzt und rötet sich in der Sonne; es ist noch kühl, aber man spürt schon die nahende Hitze. Man wird schwindlig im Kopf und ganz benommen vom Überfluß der Wohlgerüche. Der Buschwald nimmt kein Ende … Höchstens in der Ferne leuchtet hier und da das Gelb des reifenden Roggens und in schmalen Streifen das Rot des Buchweizens. Da knarrt ein Wagen; ein Bauer kommt im Schritt gefahren; er stellt sein Pferd beizeiten in den Schatten … Sie wechseln einen Gruß mit ihm und gehen weiter; hinter Ihnen erklingt das helle Klirren der Sense. Höher und höher steigt die Sonne. Rasch trocknet das Gras. Nun ist es schon sehr heiß geworden. Es vergeht eine Stunde, eine zweite … Der Himmel färbt sich am Rande dunkel; in stechender Glut brütet die unbewegte Luft.“
[...]" (Figes: Nataschas Tanz, Berlin 2011, S. 132 ff.)


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Samstag, 20. November 2010

Herbstzeit ist Messezeit


Zumindest in Rußland. Dort finden alljährlich im Herbst mehrere Waffenmessen statt. Die wohl bedeutendste für Zivilpersonen ist die Ausstellung Arms & Hunting in Moskau. Vom 14. bis 17. Oktober präsentierten sich im Alten Gostiny Dwor die Aussteller aus aller Welt dem russischen Publikum, wobei der Schwerpunkt auf Jagd- und Sportwaffen sowie Jagdzubehör lag.

Der Fotograf Witalij Kusmin war ebenfalls wieder vor Ort und hat in seinem Blog zwei Bilderserien von der Messe veröffentlicht: Teil 1 und Teil 2. Sie vermitteln einen kleinen Eindruck von der "Waffenszene" in der RF. Und von der Gesetzeslage, denn Nachtzielgeräte sind z.B. nicht verboten.



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Fotos: vitalykuzmin.net.

Freitag, 3. September 2010

"Jagd in Steppe, Wald und Eis"


Hin und wieder passieren schöne Zufälle. So hat am Montag - zeitgleich mit meinem Beitrag über die herrschaftliche Jagd in der Sowjetunion - das JagdWaffenNetz die Rezension eines Buches von Christoph Stubbe über die Jagd in Sibirien publiziert. Und wie der Zufall es will, liegt derzeit eine Anthologie von Jagdgeschichten sowjetischer Schriftsteller auf meinem Schreibtisch. "Jagd in Steppe, Wald und Eis" wurde von Helmut Sträubig zusammengestellt und ist 1969 in zweiter Auflage in Leipzig erschienen.

Der Band ist eine Mischung aus Fachbuch und Belletristik. Die letztere Komponente wird durch den aus Jagdgeschichten bestehenden Hauptteil dargestellt. Dafür hat der Herausgeber über zwei Dutzend Erzählungen sowjetischer Autoren zusammengestellt, die um die Themen Jagd und Wild kreisen. Ausdrücklich wurden vor allem weniger bekannte Schriftsteller ausgewählt, um sie dem deutschen Publikum näherzubringen. Der Herausgeber weist jedoch darauf hin, daß es im russischen Sprachraum eine lange jagdliterarische Tradition gibt, die bis ins 19. Jahrhundert zurückreicht - wie etwa Turgenjews "Aufzeichnungen eines Jägers". Es dürfte nur wenige Länder geben, in denen die Jagd einen derart großen Einfluß auf das Volksleben im allgemeinen und die Kunst im besonderen hatte.

Die Geschichten in Sträubigs Band sind in der Regel sehr gut zu lesen und vermitteln einen Eindruck von den jagdlichen Verhältnissen in der UdSSR. Die eher fachliche Komponente des Buches stellt neben dem Anhang, der u.a. Karten über die Verbreitung einzelner Wildarten enthält, sowie den zahlreichen Farbfotos die vom Herausgeber verfaßte Einleitung dar, die z.T. sehr interesante Informationen enthält. An dieser Stelle schließen sich auch einige vom JagdWaffenNetz aufgeworfene Fragen an.

Sträubig weist zum einen auf die vielen unterschiedlichen Klimazonen hin, in den sich das Gebiet der SU erstreckt hat. Daraus folgte ein großer Artenreichtum. Die Bestände mancher Arten, die zuvor vom Aussterben bedroht waren, konnten durch Schutzmaßnahmen wieder auf ein hohes Niveau gebracht werden. Des weiteren werden - natürlich geschätzte - Zahlen für die 1960er Jahre genannt: 2,5 bis 3 Mio. Saigas, 800.000 bis 900.000 Wildschweine, 700.000 Elche, 500.000 Rehe etc. (vgl. S. 16).

Die Jagd hat hier seit Jahrhunderten immer auch wirtschaftlichen Zwecken gedient, sei es zur Beschaffung von Nahrung oder zum Gewinnen der Felle. Das ist vermutlich einer der größten Unterschiede im Vergleich mit Deutschland, auch wenn z.B. die Bejagung von Pelztieren seit deren Zucht auf Farmen rückläufig ist. Doch es gab in der SU nicht nur Berufsjäger. Die Jagd als Freizeitbetätigung hat sich großer Beliebtheit erfreut. Im Jahr 1965 hatten die Jagdvereinigungen, der allerdings nicht alle Jäger angehörten, über zwei Millionen Mitglieder. Zum Vergleich: Damals hatte die Sowjetunion knapp 230 Mio. Einwohner. Voraussetzung für die Jagdausübung war - wie auch hierzulande - das Absolvieren einer Ausbildung, die mit der Jagdscheinprüfung abschloß.

Kommen wir zum Thema Waffenbesitz, das von Sträubig (leider) nicht thematisiert wird. Es ist ja bekannt, daß die Jagdwaffenvergabe in der DDR extrem restriktiv erfolgte und ein privater Waffenbesitz für den Durchschnittsbürger de facto unmöglich war. Das war jedoch nicht in allen sozialistischen Staaten der Fall. Meinem Kenntnisstand zufolge war es in der UdSSR für einen Jäger durchaus möglich, eigene Waffen zu erwerben. Die Crux bestand allerdings darin, daß man zunächst fünf Jahre lang glattläufige Waffen ohne Beanstandung besessen haben mußte, bevor man auch solche mit gezogenem Lauf erwerben durfte. Folglich wurden zumeist Flinten zur Jagd eingesetzt, was jedoch bisweilen eine höchst suboptimale Wahl war, selbst mit Slugs.

Demgegenüber war die öffentliche Akzeptanz für Waffenbesitz und -tragen recht groß. So beschreibt einer der Autoren - A. Schachow (vgl. S. 52 ff.) - wie Moskauer Jäger vor den Toren ihrer Stadt auf die Pirsch gehen - Fahrten mit Bus und Straßenbahn inklusive. Dabei befanden sich die Flinten wohlgemerkt nicht in einem verschlossenen Behältnis, sondern wurden am Riemen über der Schulter getragen. Dieser Anblick hat weder Miliz noch KGB auf den Plan gerufen, sondern war akzeptierte Normalität, wenn man von ein paar witzigen Kommentaren anderer Passanten absieht.

Nun zu einem weiteren Kritikpunkt des Rezensenten vom JagdWaffenNetz:
"[...]

Wie reizvoll muss heute deshalb mit moderner Waffe und Ausrüstung eine Jagdreise nach Sibirien sein [...]? Man muss dazu nicht, wie der Verfasser anzunehmen scheint, in übel riechenden Hütten auf dem Boden schlafen. Das hat nichts mit Jagd zu tun, sondern mit den Rahmenbedingungen eines harten Lebens in Armut und unter dem Kommunismus.

[...]"
Hinsichtlich der Reize einer sibirischen Jagd will ich nicht widersprechen. ;-) Doch bezüglich der Lebensumstände möchte ich es einmal so formulieren: Jagd und Angeln (letzteres ist Volkssport!) haben in Rußland und der früheren SU nach meiner Beobachtung häufig etwas mit der Sehnsucht nach einem einfachen, ursprünglichen Leben in freier Natur zu tun. Das spiegelt sich auch in der Jagdliteratur wider. Selbst Jäger, die gut betucht sind, lieben es, sich in Tarnanzug und Stiefel zu kleiden, durch die Wälder zu streifen und ihre Nahrung am offenen Feuer zuzubereiten. Und die Jagdhütte ist dementsprechend rustikal gehalten. Es ist natürlich nicht immer so, aber doch ziemlich oft. Insofern ist dies weniger eine Frage des Budgets, sondern eher eine der Kultur und des Lebensstils.

Hinzu kommt noch ein zweiter Aspekt, der gewiß zum Schmunzeln anregt, nämlich der Naturschutz. Es gab, schon vor Aufkommen der Grünen, in der SU agile Umweltschützer, die schon vor Jahrzehnten für die Einrichtung von Schutzgebieten gesorgt haben. Darin fand selbst die Forstwirtschaft teilweise nur mit Pferdefuhrwerken statt, obwohl im Land sicher keinen Mangel an Traktoren herrschte.
Anders war die Lage vermutlich hinsichtlich der selbstgefertigten Flintenlaufgeschosse. Wenn ein russischer Jäger dergleichen heute noch tun sollte, dann nicht, weil es keine fertigen Produkte zu kaufen gäbe. Das Angebot auf den Jagd- und Waffenmessen ist in Rußland fast ebenso groß wie hierzulande.

Es gäbe noch viel über die Jagd in Rußland und den anderen Nachfolgestaaten der Sowjetunion zu schreiben. Die Lektüre der hier genannten Bücher kann für das Verstehen der dortigen Situation mit Sicherheit hilfreich sein.


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Montag, 30. August 2010

Die großen Jäger


Wenn man das Führungspersonal der sozialistischen und kommunistischen Parteien betrachtet, so fällt auf, daß sich viele aus dieser Personengruppe als große Jäger inszeniert haben. Die Jagdleidenschaft der führenden DDR-Genossen wie Erich Honecker u.a., deren Jagdausübung oft alles andere als weidgerecht war, ist allgemein bekannt. In der Sowjetunion war es kaum anders. Angefangen hat es mit Lenin, der eigentlich Wladimir Uljanow hieß. Er war kein entrechteter und unterdrückter Bauer oder Proletarier, sondern stammte aus einer wohlhabenden Familie, der umfangreiche Ländereien gehörten. In seiner Jugend studierte er Jura und führte zwischenzeitlich auch das Leben eines müßigen Landbesitzers, denn seine Mutter hatte ihm ein eigenes Gut geschenkt, auf dem er lernen sollte, verantwortlich zu wirtschaften.



Dieser feudale Lebensstil ist Lenin später immer wieder vorgehalten worden - war der spätere Berufsrevolutionär doch stolz auf seine adelige Herkunft. Zudem galt er trotz seiner Begeisterung für den Marxismus nicht als liberaler und fortschrittlicher Landbesitzer (die es auch gab). Im Gegenteil, er bezog fast sein gesamtes Einkommen aus Pachtzahlungen und Zinsen und verklagte 1891 sogar seine kleinbäuerlichen Nachbarn. "Im Privatleben war Lenin der Inbegriff des herzlosen Gutsbesitzers, den seine Regierung eines Tages vernichten sollte" (Orlando Figes: Die Tragödie eines Volkes, S. 156).
(Gewisse Ähnlichkeiten mit dem Vorsitzenden der Linkspartei Klaus Ernst sind sicher rein zufällig: "Wir predigen Wein, aber wir trinken ihn auch." ;-))



Uljanow fröhnte seit seiner Jugend einer weiteren Leidenschaft der Landjunker: der Jagd. Und es sagt viel über das Justizsystem des Zarenreiches, daß er, als er 1897 zu drei Jahren Verbannung verurteilt wurde, seine Jagdflinte nach Sibirien mitnehmen durfte. Nicht nur das, auch seinen Aufenthaltsort durfte er sich aussuchen und wählte das für sein mildes Klima bekannte Dorf Schuschenskoje. Seine Frau, Nadjeshda Krupskaja, durfte ihn begleiten, ebenso eine Kiste mit Büchern. Die einzigen Einschränkungen in der Verbannung des umstürzlerischen Rädelsführers waren die Postzensur und das Verbot, Schuschenskoje zu verlassen.
In dieser komfortablen Situation las Uljanow/Lenin viel und bildete sich theoretisch fort (trotz allem konnte er Kontakt zu seinen Genossen halten), er ging auch regelmäßig auf die Jagd. Und er sollte dieser Passion fast sein gesamtes Leben treu bleiben.



Einer seiner späteren Nachfolger, Leonid Breshnjew (der "zweite Iljitsch"), machte es ähnlich. Bei einem Treffens mit dem jugoslawischen Staatschef Josip Tito posierte er in Western-Manier mit Flinte sowie Revolver und großem Jagdmesser am Gürtel. Und während Lenin noch selbst in die Natur ging, um das Wild aufzustöbern, ließen sich Breshnjew & Co. später die Tiere bis vor die Laufmündung treiben.



Bleibt die Frage: Warum übt die Jagd gerade auf linke Berufspolitiker eine solche Faszination aus? Ist es das feudale, fast schon zaristisch zu nennende Flair, womit man in der angeblich klassenlosen Gesellschaft seine Sonderstellung herausheben kann? Gewissermaßen als Krönung der ohnehin schon privilegierten Nomenklatura?



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Dienstag, 20. Juli 2010

Aktuelles aus der russischen Waffenindustrie


In der Vergangenheit hatte ich über verschiedene Entwicklungen der Waffenindustrie in Rußland berichtet. Dazu zählte auch die - aus deutscher Sicht nur schwer nachvollziehbare - Preisentwicklung. So wurde im Forum Talks.guns.ru behauptet, daß Innenministerium und Föderaler Sicherheitsdienst derzeit nur Präzisionsgewehre des finnischen Herstellers Sako beschaffen würden, weil ihnen das in Ishewsk produzierte Modell SW-98 zu teuer geworden sei.
Dieser Tage habe ich nun einen Zeitungsartikel auf Gazeta.ru finden können, in dem konkrete Zahlen genannt werden. Es handelt sich um ein Interview mit dem Duma-Abgeordneten Igor Barinow, der zugleich Mitglied des Verteidigungsausschusses des Parlaments ist. Auf die Frage nach den Kosten des im Inland produzierten Rüstungsmaterials antwortet Barinow:
"[...]

Die Preise für die Produkte des militärisch-industriellen Komplexes wachsen stärker als die Inflation und die Löhne. Zum Beispiel [die Rakete] Topol ist innnerhalb von drei Jahren zweieinhalb mal teurer geworden, und das Scharfschützengewehr kostete zu Beginn der 2000er Jahre weniger als 30.000 Rubel und jetzt kauft das Ministerium für Verteidigung [die Gewehre] für 400.000 [Rubel].

[...]"
Rechnet man die eben genannten Rubelpreise für das SW-98 in Euro um, dann betrug der Preis zunächst knapp 770 € und ist später bis auf rund 10.250 € pro Waffe gestiegen. Den Hauptgrund für diese drastische Verteuerung sieht der Abgeordnete im Fehlen genügender Konkurrenz. M.a.W.: Es gibt in der RF zu wenige Anbieter, die somit als Monopolisten agieren können.

Dies treibt die staatlichen Nachfrager zu Käufen im Ausland. War man das schon seit Jahren von den diversen Sicherheitsbehörden gewöhnt, so sind die jüngsten Beschaffungsvorhaben des Verteidigungsministeriums ein Alarmsignal: Drohnen in Israel, evtl. Landungsschiffe in Frankreich (Stichwort: "Mistral") und u.U. sogar Panzerungen für SPWs in Italien oder Deutschland. Dieses Ministerium war bis dato eine sichere Bank, denn es hat grundsätzlich nur in Rußland selbst eingekauft. Jetzt sollte die russische Waffenindustrie jedoch aufwachen und sowohl an ihren Preisen als auch an ihrer Qualität arbeiten.

In die gleiche Richtung gehen auch die Bemerkungen, die Präsident Dmitrij Medwedew anläßlich der Amtseinführung des neuen stellvertretenden Verteidigungsministers Wladimir Popowkin gemacht hat:
"[...]

Aber hier wird die methodische, akribische Arbeit gefordert, insbesondere mit den Lieferanten der technischen Kampfmittel, weil sie manchmal verwöhnt werden, nicht die nötige Qualität liefern und für uns sehr unangenehme Preissteigerungen auftreten.

[...]"
Daß die rußländische Regierung dabei auch vor dem "Schlachten heiliger Kühe" in der Rüstungsindustrie nicht zurückschreckt, hat in den letzten anderthalb Jahren die Krise des unrentablen Waffenherstellers Molot bewiesen. Seit zwei Monaten wird mit der italienischen Firma Beretta über ein Joint Venture verhandelt, mit dem der Kernbereich von Molot - die Fertigung von Handfeuerwaffen - gerettet und modernisiert werden soll. Im Fokus sollen dabei Dienstpistolen sowie Jagd- und Sportwaffen stehen. Für die Umstrukturierung von Molot hat die Regierung im Juni 171 Mio. Rubel (ca. 4,39 Mio. €) bereitgestellt. Das Geld soll vor allem Umschulungsmaßnahmen für entlassene Mitarbeiter und ähnlichen Zwecken dienen.

Für die Waffenhersteller in Ishewsk, namentlich Izhmash und Izhmekh, wurden kürzlich in der Presse ebenfalls radikale Maßnahmen diskutiert. Die oben erwähnten hohen Preise und allgemeine Unrentabilität könnten dort mittelfristig zu größeren Umstrukturierungen führen. Izhmash hat kürzlich eine neue Webseite erstellt, auf der die zahlreichen Zivilwaffen des Unternehmens intensiv (und zweisprachig) beworben werden. Damit findet der Zivilmarkt neue Aufmerksamkeit, während der Behördenmarkt ein wenig zu stagnieren scheint - gerade auch hinsichtlich von Neuentwicklungen wie der AK-200.

Bleibt zu hoffen, daß sich für die Jagd- und Sportwaffen auch geeignete deutsche Importeure finden, die bereit sind, diese nicht gerade kleinen Sortimente bei uns zu vertreiben, ggf. auch auf eine Einzelbestellung hin. Denn eines ist kurios: Zivilwaffen aus einheimischer Produktion sind in Rußland selbst nicht teuer. Wenn sie jedoch in Deutschland auf den Markt kommen, dann liegen die Preise häufig bei 150 bis 250 Prozent des russischen Ladenpreises. Die oben behandelte Preisentwicklung der Behördenwaffen korreliert offenbar nicht mit jener des Jagd- und Sportsegmentes. Anders formuliert: Wenn russische Waffen hierzulande z.T. recht teuer sind, dann liegt das eher an den Importeuren als an den Herstellern.



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Die Fotos sind bei Izhmash entstanden (Quellen: venividi.ru, www.ej.ru).

Sonntag, 21. März 2010

Leipziger Messesplitter


Zunächst bitte ich um Pardon für meine lange Abstinenz, doch waren die letzten Wochen sehr hektisch, so daß wenig Zeit für den Blog blieb. :-(

Heute geht die diesjährige Leipziger Buchmesse zuende und ich hatte am Freitag nach längerer Abstinenz wieder einmal die Gelegenheit, dort meiner bibliomanen Veranlagung zu frönen. Aufgefallen ist mir dabei das Fehlen vieler kleinerer Verlage, wobei ich nicht weiß, ob dies eine Folge der Wirtschaftskrise ist oder ob man mittlerweile neue Vertriebsstrukturen (via Internet?) aufgebaut hat und daher glaubt, auf einen Messestand verzichten zu können. Das betrifft nicht nur kleine Fach- und Nischenverlage, sondern auch solche mit einem (eigentlich) breiteren historischen und philosophischen Angebot wie z.B. den Wiener Karolinger-Verlag. Ohne deren Präsenz auf früheren Leipziger Buchmessen hätte ich lange nichts von deren Existenz erfahren, bis sie vor ein paar Jahren von der FAZ einem breiten Publikum vorgestellt worden sind. Dabei können gerade kleine Verlage von einem Messestand profitieren, denn so werden potentielle Leser mit Titeln bekannt gemacht, die kaum jemals in einer Buchhandlung zu finden sein werden und nur per Direktbestellung erhältlich sind.

Nach diesen allgemeinen Gedanken möchte ich meinen Lesern nachfolgend einige interessante Messefunde vorstellen. Keines dieser Bücher habe ich bisher gelesen, aber sie machten beim Durchblättern doch allesamt einen positiven Eindruck. Die Qualität der Fotos ist bescheiden, sind sie doch zumeist direkt auf den Messeständen gemacht worden.


1. Waffen, Jagd, Militärgeschichte


Der Mittler-Verlag kündigt für den Sommer das Erscheinen eines neuen Titels des Schweizer Autors Kaj-Gunnar Sievert an, das unter dem Titel "Kommandounternehmen - Verdeckter Zugriff - Special Forces im Einsatz" steht und an Sieverts erstes Buch über dasselbe Thema anknüpft. Was bisher über den Inhalt bekannt ist, klingt sehr vielversprechend und es steht defintiv auf meiner "To-do"-Liste.

Der Motorbuch-Verlag und die mit ihm "verwandten" Verlage haben eine kleine Auswahl aus ihrem Angebot präsentiert. Am interessantesten waren aus meiner Sicht Wolfdieter Hufnagl: "Karabiner M1", Jean Huon: "Geschichte der Mauser Pistolen" sowie die Publikationen des Messerdesigners Dietmar Pohl.

Auf dem Stand des österreichischen Ares-Verlages sind mir zwei Titel aufgefallen, die ebenfalls mit großer Sicherheit demnächst mein Regal füllen werden. Zum einen Heinz Mazulla: "Ehrensache! Das Pistolenduell" (ein kulturhistorisch wichtiger Aspekt der europäischen Waffengeschichte) und ferner Stefan Strasser: "Sniper - Militärisches und polizeiliches Scharfschützenwissen kompakt" (was eines der wenigen guten deutschsprachigen Werke zum Thema zu sein scheint).

Das Brandenburgische Verlagshaus (ehemals Militärverlag der DDR) hat mehrere deutsche Übersetzungen der englischen Osprey-Hefte und weitere militärhistorische Schriften vorgestellt, die durchweg einen guten Eindruck machen. Darunter befindet sich auch eine Abhandlung über "Die Armee Peters des Großen".



Der Markleeberger Sax-Verlag hat sich eines wenig behandelten Themas angenommen und 2008 das Buch von Holger Richter über "Die Kunst der Armbrustmacher in Dresden" herausgebracht. Zudem finden sich im Programm des Verlages viele interessante Titel, häufig mit einem regionalgeschichtlichen Akzent.



In Oschersleben ist der Dr. Ziethen-Verlag beheimatet, dessen Schwerpunkt ebenfalls auf regionalgeschichtlicher Literatur liegt. Otto Hennings "Gefährliche Jagdleidenschaft - Die Geschichte eines Wilderers" ist ein Roman, dem jedoch eine wahre Geschichte zugrundeliegt. Von den 1920er bis in die 1950er Jahre hinein - also mitten im 20. Jahrhundert! - konnte in der Altmark ein Wilderer sein Unwesen treiben. Man glaubt es kaum, aber unter Ausnutzung der wechselvollen Zeitläufte und mit Duldung der örtlichen Bevölkerung gelangen ihm Bubenstücke, die man sonst wohl nur aus alten Sagen kennt.



Desselben Oberthemas hat sich auch der (ähnlich profilierte) Tauchaer Verlag mit seinen "Wahren Geschichten um Stülpner Karl" angenommen und behandelt darin den sächsischen Wilderer und Volkshelden.

Etwas gesitteter geht es dagegen in Frank Hofmann: "Zwischen Pirsch und Ansitz" zu, das im Heinrich Jung-Verlag, Zella-Mehlis, erschienen ist. Darin schildert der Autor seine Jagderlebnisse aus Thüringen, aber auch aus Jagden in Übersee. Der Verlag hat überdies auch militärgeschichtliche Titel im Angebot.



Es fällt auf, daß in den letzten Jahren zahlreiche Bücher über die Volksmarine der DDR erschienen sind. So etwa Dieter Flohr: "Volksmarine - Betrachtung einer deutschen Flotte 1950-1990", erschienen im kleinen Rostocker BS-Verlag (ISBN: 3-89954-138-3).

Im gleichen Segment der maritimen Literatur ist auch der (ebenfalls in Rostock beheimatete) Ingo-Koch-Verlag aktiv. Neben militärgeschichtlichen Titeln finden sich in seinem Angebot auch mehrere zur zivilen Schiffahrt der DDR. Mein besonderes Interesse hat jedoch ein anderes Buch geweckt, nämlich Horst Steigleder: "Stalins Terror und die Rote Flotte - Schicksale sowjetischer Admirale 1936–1953". Darin untersucht der Autor die Auswirkungen der stalinschen Säuberungen auf das Offizierskorps der sowjetischen Seekriegsflotte anhand von einzelnen Biographien. Ein Buch, das ich mir auf jeden Fall näher ansehen werde.



Auf dem russischen Gemeinschaftsstand, der von der Moskauer Stadtverwaltung und einer großen Moskauer Buchhandlung organisiert wurde, waren zahlreiche Publikationen von Verlagen aus der RF zu finden. Mit am interessantesten war m.E. der bereits 2005 erschienene Bildband "Michail Kalaschnikow - Welikij russkij orushejnik" (dt.: Michael Kalaschnikow - Ein großer russischer Waffenschmied; ISBN: 5-224-05163-0). Die Autoren berichten ausführlich aus dem Leben des bekannten Konstrukteurs, angefangen von seiner Kindheit und Jugend bis zu seinem jetzigen Rentnerdasein. Dabei werden auch Einblicke in die Büros und Werkhallen von Izhmash gewährt und es finden sich Darstellungen vieler seiner Waffen inkl. Prototypen. In Deutschland kann man das Buch über den örtlichen Buchhandel oder, falls dort nicht möglich, beim Berliner Versandhändler Kurier der Zarin bestellen.



2. Rußland, Sowjetunion

Damit sind wir beim zweiten Teilgebiet angelangt, also bei Büchern, die Rußland oder die Sowjetunion zum Thema haben, ohne dabei im engeren Sinne waffen- oder militärgeschichtlich zu sein.

Da ist zunächst der am oben schon erwähnten Gemeinschaftsstand gezeigte Bildband "Okna TASS 1941 - 1945" zu nennen (dt.: Das Fenster der TASS 1941-1945; Moskau 2007, ISBN: 978-5-93882-034-0). Darin werden die von der sowjetischen Nachrichtenagentur TASS während des Zweiten Weltkrieges verbreiteten Propagandaplakate in Bild und Text vorgestellt.



Dieselbe Richtung schlagen die folgenden Bücher ein. In einem mir unbekannten Verlag sind zwei Bände von Albert Pflüger unter dem Titel "Vorwärts zum Sieg! Illustrierte sowjetische Feldpost des 2. Weltkrieges" erschienen (vgl. hier und hier). Wer sich für zeitgenösische sowjetische Feldpostkarten interessiert, dürfte darin fündig werden.



Bei Basisdruck in Berlin ist bereits vor neun Jahren "1940 - Stalins glückliches Jahr" von Wladislaw Hedeler und Nadja Rosenblum erschienen. Ein interessantes Panorama aus der Zeit des "Hochstalinismus", das sowohl die Haupt- und Staatsaktionen als auch das Altagsleben der Sowjetbürger in jenem Jahr behandelt.



Blenden wir zurück ins 19. Jahrhundert. Der oben bereits erwähnte BS-Verlag hat im vergangenen Jahr eine Krusenstern-Biographie von Erwin Seppelt herausgebracht ("Adam Johann von Krusenstern - Ein Porträt"; ISBN: 978-3-867856-073-5). Darin wird der Lebensweg des baltendeutschen Seeoffiziers nachgezeichnet, der die erste Weltumseglung eines russischen Schiffsverbandes leitete und später zum Admiral aufstieg. (Dieses Buch war mein persönliches Mitbringsel von der Buchmesse und ich denke, daß die 10 € gut angelegt sind. :-))



Einem anderen Kapitel der deutsch-russischen Beziehungen im 19. Jh. widemt sich Bettina Altendorf in "Die russischen Sänger des Königs und die Kolonie Alexandrowka in Potsdam", erschienen im Berliner Bäßler-Verlag. Der Titel sagt es schon aus, es geht um die Geschichte der in der Potsdamer Siedlung Alexandrowka nach den Befreiungskriegen angesiedelten russischen Familien.



Der Bäßler-Verlag hat auch ein architekturgeschichtliches Werk vorgestellt. Im Sammelband "The Soviet Heritage and European Modernism" wird die moderne sowjetische Architektur, insbesondere aus den 1920er bis 1950er Jahren, behandelt.



Die politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen im heutigen Rußland werden von Kai Ehlers in "Russland - Herzschlag einer Weltmacht" thematisiert. Bisher kannte ich Ehlers vor allem als in der RF lebenden Journalisten, dessen Artikel allerdings von sehr wechselnder Qualität waren. Nach einem ersten Querlesen scheint mir dieses Buch jedoch recht gut zu sein (was vielleicht auch am zusätzlichen Platz liegt, auf dem er seine Gedanken ausführen kann), weshalb es sich einen Platz auf meiner kurz- bis mittelfristigen Leseliste gesichert hat.



Der zur Suhrkamp gehörende Verlag der Weltreligionen hat eine interessante Einführung in die Welt der orthodoxen Kirchen vorgelegt: "Im Geist des Ostens leben - Orthodoxe Spiritualität und ihre Aufnahme im Westen" von Martin Tamcke. Ich denke, dieser Band ist - ebenso wie die schon etwas ältere Abhandlung von Rolf Kemp: "Kerzen, Chöre und Ikonen" - gut geeignet, um dem interessierten deutschen Leser die fremdartig erscheinende Religiösität und Entwicklung der Ostkirchen näherzubringen.

Im belletristischen Bereich haben sich die Bücher "Metro 2033" und der Nachfolgeband "Metro 2034" von Dmitri A. Gluchowskij offenkundig zu Bestsellern entwickelt, die ich nicht unerwähnt lassen möchte, da Gluchowskij in Leipzig auch persönlich präsent war und gestern eine Lesung durchgeführt hat. Ich selbst bin noch immer nicht mit "Metro 2033" fertig, was wohl auch noch eine Weile dauern wird, denn Science-Fiction und Fantasy sind nicht so mein Fall.



Wem das alles zu hoch und zu anstrengend ist, der sei auf "Das große Buch der russischen Küche" von Christina Brock hingewiesen, das im Stocker-Verlag Graz erschienen ist, von dem übrigens auch Jagdliteratur feilgeboten wird.

In diesem Sinne wünsche ich "guten Appetit" und anregende Lektüreerlebnisse, auch wenn die Natur uns nach dem langen Winter gerade an die frische Luft lockt. Denn vom Eise befreit sind Strom und Bäche ... aber damit sind wir schon wieder bei Goethe. ;-)


Sonntag, 6. Dezember 2009

06.12.2009: Videos des Tages

Im Oktober haben in Moskau zwei wichtige Waffenmessen stattgefunden: Vom 15. bis 18. Oktober die Messe Oruzhie i ochota (dt.: Waffen und Jagd) und vom 27. bis 30. Oktober die Interpolitex 2009, die sich - wie der Name schon vermuten läßt - auf den Behördenmarkt konzentriert. Das erste beiden der folgenden Videos sind denn auch auf der Jagdmesse entstanden, wobei allerdings fast ausschließlich Gas- und Trauma-/RAM-Waffen vorgestellt werden. Das dritte Video vermittelt ein paar Eindrücke von der Interpolitex, so wird u.a. die neue Standard-Maschinenpistole der russischen Polizei, die PP-2000, ausführlich erläutert.










PS: Weitere Fotos von der Arms and Hunting finden sich hier, hier und hier; desgleichen von der Interpolitex hier, hier, hier, hier, hier, hier und hier.

Samstag, 26. September 2009

Vier Panzersoldaten und ein Hund

Vor zwei Wochen konnte ich mir einen seit Jahren gehegten Wunsch erfüllen und die DVDs einer polnischen Fernsehserie erstehen, die für viele Ostdeutsche Kultcharakter hat. Doch auch in Polen, in Rußland und sogar in Israel hat sie zahlreiche Fans. Die Rede ist von „Vier Panzersoldaten und ein Hund“ (poln. Originaltitel: Czterej pancerni i pies, russ. Titel: Четыре танкиста и собака). Seit ich die Serie 1988 - damals noch im zarten Kindesalter - erstmals im DDR-Fernsehen gesehen hatte, wollte ich sie noch einmal anschauen. Leider war dies in Deutschland bis dato nicht möglich. Die Gründe dafür sind mir schleierhaft, vielleicht ist es Angst vor vermeintlicher kommunistischer Propaganda? Doch in Kolberg war es endlich möglich, eine DVD-Kollektion des polnischen Fernsehens zu erwerben, die glücklicherweise über deutsche und englische Untertitel verfügt.

Die insgesamt 21 Folgen, die auf dem gleichnamigen Roman von Janusz Przymanowski basieren, sind von 1966 bis 1970 entstanden und stellten bei ihrem Erscheinen eine kleine Revolution dar. Wurde doch der zweite Weltkrieg nicht mehr schwermütig, pathetisch und propagandistisch verarbeitet, sondern ein wenig lockerer und sogar humorvoll. Die Serie hat die richtige Mischung von allem, was einen guten Kriegsfilm ausmacht: Abenteuer, Waffen, Kampf, Kameradschaft, Liebe, Pathos, Emotionen, ohne es mit einem davon zu übertreiben. Zudem hält sich die Gewaltdarstellung in Grenzen, weshalb keine „Verrohung der Jugend“ zu befürchten ist.




Inhaltlich geht es um einen jungen Polen namens Janek, der 1943 in der Sowjetunion lebt und sich dort als Jäger verdingt. Eigentlich sucht er seinen Vater, der 1939 einer der Verteidiger der Westerplatte war. Als es nun zur Aufstellung polnischer Truppen in der UdSSR – der Polnischen Volksarmee (poln. Abk.: LWP) – kommt, meldet er sich freiwillig, um für die Befreiung seiner Heimat zu kämpfen. Er und sein Jagdhund Scharik kommen zu einer Panzerbrigade, womit die Abenteuer ihren Lauf nehmen, die ihn und seine Kameraden bis zum Mai 1945 nach Berlin führen werden. (Mehr dazu bei Wikipedia.)
Teile der Handlung sind allerdings rein fiktiv. So halte ich es etwa für unwahrscheinlich, daß Deutschland in Pommern eine Atomfabrik betrieben und im Frühjahr 1945 eine Seelandung zur Evakuierung dieser Fabrik organisiert hat. Auch die säbelschwingenden Kavalleristen, die in zwei Episoden auftauchen, dürften vor allem eine Remineszenz an den Glorienschein vergangener Zeiten sein. Doch sollte man dies unter künstlerischer Freiheit verbuchen, schließlich handelt es sich nicht um eine Dokumentation.

Die Serie ist nicht nur unterhaltsam, sondern auch hochinteressant. Es wimmelt von mehr oder weniger versteckten Andeutungen zu historischen oder politischen Fragen (wenn man sie denn versteht), ohne daß diese in epischer Breite ausgewalzt werden. Beispiel: Bei ihrem Vormarsch in Pommern greifen sie einen deutschen Jungen auf, der seine Eltern verloren hat. Zum Abschied schenkt ihm der Georgier Gigorij einen Spielzeugfrosch, woraufhin ein Pole meint, Grigorijs Säbel wäre ein besseres Geschenk gewesen, damit der Junge seine Zähne behält. Oder: Im Frühjahr 1945 verlieren sie ihren Jeep, woraufhin sie in ein Lager der Roten Armee einbrechen und einen anderen stehlen. Dabei stellen sie fest, daß es sich um ihr eigenes Fahrzeug handelt. Ihr Kommentar: Unter Nachbarn kann es schon einmal vorkommen, daß man sich gegenseitig beklaut. ;-)



Selbst der Spitzname „Ogonjok“ (dt.: Flämmchen) von Janeks Verlobter Marusia, einer Sanitäterin der Roten Armee, scheint mir kein Zufall zu sein. Denn 1943 ist in der SU ein gleichnamiges Lied entstanden, in dem es um einen Soldaten geht, der seine Liebste so nennt. Überhaupt sind die Frauen ein eigenes Thema in „Vier Panzersoldaten und ein Hund“. Der Held, Janek, kann sogar zwischen zweien wählen. ;-) Und auch seine Kameraden knüpfen Kontakte zum anderen Geschlecht. Dennoch bleibt das alles im Rahmen, ohne sich in schwülstigen Liebeserklärungen zu verlieren. Hier zeigt sich wiederum die Stärke des Films: Lieber ein paar kurze Andeutungen, die die Phantasie des Zuschauers anregen, als ein Auswalzen um jeden Preis. Zudem dürfte dies eher der Realität von Frontbeziehungen im 2. WK entsprechen als alle pathetischen Schilderungen (siehe auch hier).
Mit den gezeigten Soldatinnen sollte man übrigens nicht spaßen, denn sie führen nicht nur Waffen, sie verstehen auch, damit umzugehen. ;-)



Bezeichnend ist ferner die Begegnung mit einem Offizier der alten polnischen Armee, der seit 1939 in einem deutschen Kriegsgefangenenlager saß und gerade freigekommen ist. Er fragt seinen früheren Untergebenen, welcher jetzt in der LWP dient, was er „in dieser Armee“ (nicht: „in unserer Armee“!) tue. Dann nimmt er ein Mosin-Nagant in die Hand, schüttelt es und stellt fest, daß es klappert. Seine Bemerkung dazu: „Die Mauser aus Radom hat nicht geklappert.“

Damit ist bereits angedeutet, daß der Waffenfreund in dieser Serie nicht zu kurz kommt. Janek ist ein hervorragender Schütze, und so sieht man ihn mit einer Jagdflinte, einem Mosin-Nagant-Karabiner, einem Karabiner 98 mit Zielfernrohr und einer PPSch-41. Doch meistens führt er eine erbeutete C-96-Pistole. An Blankwaffen wird ebenfalls einiges aufgeboten. Ich kenne nur wenige Filme, in denen sie derart häufig gezeigt werden und wo sich die Darsteller über die Vorzüge bestimmter Modelle oder eine Klingeninschrift unterhalten. Der geneigte (junge) Zuschauer lernt daraus vor allem, daß ein richtiger Mann immer ein Messer bei sich trägt. (Vielleicht liegt hier der Grund für mein Interesse an Blankwaffen? Irgendeine frühkindliche Prägung muß es doch gewesen sein. ;-))
Doch ein gewaltiger Fauxpas ist den Filmemachern unterlaufen. Während in einer Szene der Folge „Wysoka fala“ kurz ein Sturmgewehr 44 auftaucht und damit auch geschossen wird, ist selbiges danach durch eine AK-47 ersetzt worden (vgl. Bild 4). Das paßt natürlich nicht. Ansonsten hat man sich weitgehend um Originaltreue bemüht, selbst wenn fahrzeugmäßig nur noch die T-34-Panzer zeitgenössisch sind. Doch damit kann der Zuschauer, denke ich, leben.



Erstaunlich offen ist der Umgang mit einem anderen brisanten Thema: Diebstähle oder, moderater formuliert, dem Besitzerwechsel bei mehr oder weniger herrenlosen Sachen. Ein neuer Rekrut namens Tomasz, seiner Herkunft nach Bauernsohn, versucht, möglichst viel Beute zu machen und mit in sein heimatliches Dorf zu nehmen. Egal, ob eine Kuh hinter dem Panzer hergetrieben wird oder ob er sich an einem Plattenspieler (aus einem zerstörten Propagandawagen) oder an typisch deutschen Kuckucksuhren erfreut. Nur mühsam gelingt es seinen Kameraden, ihn insofern zu besänftigen. Hier zeigt sich das Kriegerleben in einer sehr urwüchsigen Form.

Gewiß, auch in „Vier Panzersoldaten und ein Hund“ findet sich Propaganda, allerdings mehr polnisch-patriotische denn kommunistische. Es ist deutlich weniger, als in vielen anderen Filmen, zumal solchen aus der Zeit des Kalten Krieges. Aufgefallen sind mir lediglich drei Szenen: Erstens wird Danzig als polnische Stadt bezeichnet, die man jetzt zurückgewonnen hätte. Ebenso wird alles Land östlich der Oder als genuin polnisch angesehen. Historisch betrachtet ist beides zwar Unfug, aber in Polen wohl nach wie vor herrschende Meinung. Und in der letzten Folge wird gegen pazifistische Tendenzen angegangen, als Gustlik meint, man habe kein Recht, seine Waffen wegzuwerfen, solange es die anderen nicht ebenfalls tun. (Letzteres erachte ich übrigens für eine sehr vernünftige Einstellung.)
Desweiteren hält sich sogar die Germanophobie in engen Grenzen. Ich kenne polnische und sowjetische Filme, in denen die Soldaten der deutschen Wehrmacht durchgängig als sadistische Bestien gezeichnet werden. Dem ist hier erfreulicherweise nicht so.



So, jetzt aber genug gelobt. ;-) Weitere umfangreiche Informationen zur Serie gibt es u.a. hier, hier, hier, hier, hier und hier. Es gab auch einmal eine deutsche Fanseite im Netz, die mittlerweile jedoch verschieden ist. In Polen existiert jedenfalls ein Diskussionsforum sowie ein Blog zur Serie.
Wenn man den polnischen Originaltitel oder die russische Übersetzung in die Videosuche von Google eingibt, so stößt man auf zahlreiche Videos mit Ausschnitten sowie auf mehrere Folgen in voller Länge. Einen Großteil der Filme sollte man außerdem hier und hier (inkl. Musikstücken) finden.
Die DVDs können hierzulande z.B. über Amazon.de bezogen werden. (Insofern ist die Lage besser als bei manchen russischen Filmen, die in Deutschland fast gar nicht erhältlich sind.)




Das erste Video (o.) beinhaltet die Eingangssequenz mit dem Titellied, das von Edmund Fetting gesungen wird. Das zweite stellt den Anfang der ersten Folge und somit Janeks Leben als Jäger in Ostsibirien dar. Im letzten Video singt Marusia ein Lied über die vier Panzersoldaten.

PS: Ja, es gibt ein Happy End. Janek findet seinen Vater - lebend. Und in der letzten Folge wird geheiratet ... ;-)




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Sonntag, 16. August 2009

16.08.2009: Bilder des Tages


Als ich vor einigen Tagen zwei Beiträge über Turgenjews "Aufzeichnungen eines Jägers" (vgl. hier und hier) vorbereitet habe, habe ich auch nach zeitgenössischen Gemälden aus dem Rußland des 19. Jahrhunderts gesucht, die Turgenjews Themen - die Jagd, die Landschaft und das Leben der Bauern - widerspiegeln. Dabei bin ich auf den Blog von Iwan Petrow gestoßen, der sich intensiv mit der russischen wie internationalen Kunstgeschichte beschäftigt.
Daraus heute einige Bilder - wobei das erste am ehesten jenen adeligen Jäger treffen dürfte, den Turgenjew in seinem Buch als Ich-Erzähler auftreten läßt. Die Bilder stammen von den Malern E. E. Wolkow, I. I. Lewitan, A. A. Popow, A. A. Kiseljow, N. A. Bogatow, I. M. Prjanischnikow, I. P. Pochitonow, K. W. Lebedew, A. D. Kiwschenko, N. K. Bodarjewskij und I. L. Isaak.












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11.08.2009: Text des Tages

Dienstag, 11. August 2009

11.08.2009: Text des Tages

Die "Aufzeichnungen eines Jägers" aus der Feder von Iwan Turgenjew habe ich hier gestern bereits vorgestellt. Heute möchte ich einen Auszug daraus, nämlich die Erzählung "Lgow", bringen, der gewissermaßen als Kostprobe dienen soll:
"»Wollen wir doch mal nach Lgow fahren«, sagte mir einmal Jermolai, den meine Leser schon kennen, »wir können dort nach Herzenslust Enten schießen.«

Für den echten Jäger hat die Wildente zwar nichts besonders Anziehendes, aber in Ermangelung anderen Wildes (es war Anfang September; die Waldschnepfen waren noch nicht da, und den Rebhühnern auf den Feldern nachzulaufen, war mir zu dumm geworden) folgte ich dem Vorschlag meines Jägers und begab mich mit ihm nach Lgow.

Lgow ist ein großes Steppendorf mit einer sehr alten steinernen, einkuppeligen Kirche und zwei Mühlen an dem sumpfigen Flüßchen Rossota. Dieses Flüßchen verwandelte sich etwa fünf Werst von Lgow in einen breiten Teich, der an den Ufern und auch hier und da in der Mitte mit dichtem Schilf, das man im Orjolschen Gouvernement Maier nennt, bewachsen ist. Auf diesem Teiche, in den Buchten und den windstillen Verstecken zwischen dem Schilf brüteten und lebten zahllose Enten aller möglichen Gattungen: Krick-, Spieß-, Kriech-, Tauchenten usw. Kleine Ketten flogen jeden Augenblick über dem Wasser, bei einem Schuß aber erhoben sie sich in solchen Schwärmen, daß der Jäger unwillkürlich mit der Hand nach der Mütze griff und ›Ah!‹ ausrief. Ich ging mit Jermolai zuerst am Ufer entlang, aber die Enten sind erstens vorsichtige Vögel und halten sich niemals nahe am Ufer; zweitens, wenn schon eine zurückgebliebene und unerfahrene junge Kriechente getroffen wurde, so waren unsere Hunde gar nicht imstande, sie aus dem dichten Schilf zu holen: Trotz ihrer edlen Selbstaufopferung verstanden sie weder zu schwimmen noch zu waten und zerschnitten sich nur unnütz ihre kostbaren Nasen an den scharfen Rändern des Schilfes.

[...]

Nach einer Viertelstunde saßen wir schon in Sutschoks Flachboot. (Die Hunde hatten wir unter der Aufsicht des Kutschers Jehudiel in einem Haus zurückgelassen.) Wir hatten es nicht sehr bequem, aber die Jäger sind nicht wählerisch. Am hinteren stumpfen Ende stand Sutschok und ›stieß‹; ich und Wladimir saßen auf dem Querbänkchen; Jermolai hatte vorn an der äußersten Spitze Platz gefunden. Trotz des Werges befanden sich unsere Füße bald im Wasser. Zum Glück war es windstill, und der Teich lag wie schlafend da.

Wir bewegten uns langsam vorwärts. Der Alte hatte große Mühe, aus dem zähen Schlamm seine lange Stange herauszuziehen, die ganz von den grünen Fäden der Wasserpflanzen umschlungen war; die dicht beieinander gedrängten runden Blätter der Sumpflilien hinderten auch die Bewegung unseres Bootes. Endlich erreichten wir das Schilf, und nun ging das Vergnügen los. Die Enten erhoben sich mit großem Lärm von der Teichoberfläche, durch unser plötzliches Erscheinen auf ihren Besitzungen erschrocken, und die Schüsse knallten ihnen nach. Es war lustig, zu sehen, wie die kurzschwänzigen Vögel sich in der Luft überschlugen und schwer auf das Wasser plumpsten. Wir konnten alle angeschossenen Enten natürlich nicht holen: Die leicht verwundeten tauchten unter; manche, die sofort getötet waren, fielen in einen so dichten Maier, daß selbst Jermolais Luchsaugen sie nicht entdecken konnten; dennoch füllte sich unser Boot um die Mittagsstunde bis an den Rand mit Wild.

Wladimir schoß, zum großen Trost Jermolais, gar nicht so vorzüglich; nach jedem Fehlschuß wunderte er sich, untersuchte seine Flinte, blies in den Lauf und erklärte uns schließlich den Grund, warum er fehlgeschossen habe. Jermolai schoß wie immer glänzend; ich, meiner Gewohnheit nach, ziemlich schlecht. Sutschok betrachtete uns mit den Augen eines Menschen, der von jung auf in herrschaftlichen Diensten steht; ab und zu rief er: »Da, da ist noch eine Ente!« und kratzte sich fortwährend den Rücken, aber nicht mit den Händen, sondern durch eine bloße Bewegung der Schulterblätter. Das Wetter war herrlich; weiße, runde Wolken schwebten langsam und hoch über unseren Köpfen dahin und spiegelten sich klar im Wasser; das Schilf rauschte um uns herum; der Teich glänzte stellenweise in der Sonne wie Stahl. Wir wollten schon ins Dorf zurückkehren, als wir plötzlich ein recht unangenehmes Abenteuer erlebten.

Wir hatten schon längst merken können, daß das Wasser allmählich in unser Flachboot hereinsickerte. Wladimir hatte den Auftrag, es mittels einer Schöpfkelle zu entfernen, die mein umsichtiger Jäger einem Bauernweib, das sich gerade auf etwas vergaffte, entwendet hatte. Die Sache ging ordentlich, solange Wladimir seine Pflicht nicht vernachlässigte. Aber gegen das Ende der Jagd stiegen die Enten wie zum Abschied in solchen Schwärmen auf, daß wir kaum Zeit hatten, unsere Gewehre zu laden. Im Eifer des Gefechts achteten wir nicht mehr auf den Zustand unseres Bootes, als plötzlich, infolge einer heftigen Bewegung Jermolais (er bemühte sich, einen erschossenen Vogel aus dem Wasser zu holen und beugte sich mit dem ganzen Körper über den Rand), unser altersschwaches Schiff sich auf die Seite neigte, sich mit Wasser füllte und feierlich sank, glücklicherweise an einer nicht tiefen Stelle. Wir schrien auf, aber es war schon zu spät. In einem Augenblick standen wir bis an den Hals im Wasser, umgeben von den schwimmenden Körpern der toten Enten. Heute kann ich mich nicht des Lachens enthalten, wenn ich an die erschrockenen und blassen Gesichter meiner Genossen zurückdenke (auch mein Gesicht zeichnete sich damals wohl kaum durch besondere Röte aus); aber damals kam es mir gar nicht in den Sinn, zu lachen. Ein jeder von uns hielt sein Gewehr über den Kopf, und Sutschok hob, wohl aus Gewohnheit, alles seinen Herren nachzumachen, seine Stange über den Kopf. Jermolai brach als erster das Schweigen.

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