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Sonntag, 8. Januar 2012

Journalisten und die Wahrheit

Хмурое небо под ярким солнцем

Seit seiner Gründung im Jahre 2008 besteht eine der Aufgaben dieses Blogs in der Korrektur irreführender oder schlicht falscher Medienberichte über die Rußländische Föderation. Immer wieder sind uns dabei Journalisten aufgefallen, welche die Verhältnisse in Rußland nicht nur falsch interpretieren oder darstellen, sondern zum Teil zu groben Lügen wie dem Fälschen von Zitaten greifen. Nachfolgend wieder drei Beispiele aus den vergangenen Wochen.

1. In der Mitteldeutschen Zeitung (MZ) vom 28. Dezember 2011 durfte eine Kommentatorin folgenden Satz zum besten geben, in dem die gesamte Abscheu einer Intellektuellen vor dem "Putin-Regime" enthalten ist: "Als Václav Havel starb, schwieg das offizielle Russland."
Dummerweise entspricht diese Behauptung nicht der Wahrheit. Bereits am 19. Dezember hatte die rußländische Botschaft in Prag der dortigen Regierung die Beileidsbekundungen der Staatsführung der RF übermittelt - so, wie es international üblich ist. Daß Havel in Rußland nur wenig Sympathie genießt, hat vor allem damit zu tun, daß sein Antikommunismus immer eine stark russophobe Konnotation hatte. Allein Havels Verlautbarungen der letzten Jahre sprechen insofern Bände. Insofern unterschied er sich stark vom derzeitigen tschechischen Präsidenten Václav Klaus, welcher zu Moskau ein nüchtern-geschäftsmäßiges Verhältnis pflegt.

2. Im "Europastudio" des ORF ereifert sich Susanne Scholl, Moskaukorrespondentin des ORF und eine der größten deutschsprachigen Schwarzmalerinnen, regelmäßig über die angeblich so schlimmen Verhältnisse in Rußland. In der jüngsten Sendung meinte sie, daß in der RF angesichts der Eurokrise die Sektkorken knallen würden (O-Ton).
Daraufhin mußte der Politologe Gerhard Mangott intervenieren und Scholl an ein paar nüchterne Fakten erinnern, die eine solche Sektlaune ausschließen: "Angesichts der Tatsache, dass Russland 45 Prozent seiner Exporte auf dem Binnenmarkt der EU absetzt, d.h. von der Nachfrageentwicklung seiner Produkte auf diesem Markt sehr abhängig ist und angesichts des Umstandes, dass die Russländische Zentralbank 45 Prozent ihrer Hartwährungsreserven in Euro handelt," hält er Scholls Einlassungen für alles andere als glaubwürdig. Dieser Einschätzung schließe ich mich an.

3. Die zum DuMont-Konzern gehörende MZ hat sich in ihrer Ausgabe vom 20.12. eine Zitatfälschung geleistet, neben der selbst die Fehler des Herrn zu Guttenberg verblassen. Wolfgang Jung, Korrespondent der Deutschen Presseagentur in Moskau, hat in einem Artikel über die neue Staatsduma geschrieben:
"Kritiker bemängeln seit langem, dass das Parlament eine "Durchwink-Maschine" für Kreml-Projekte sei. Man kann es auch mit dem Satz des Putin-Vertrauten und bisherigen Duma-Chefs Boris Gryslow halten: "Die Duma ist kein Ort für Diskussionen!" Noch Fragen?"
Dummerweise hat Boris Gryslow, der von 2003 bis 2011 Vorsitzender der Staatsduma war, den ihm angelasteten Ausspruch ("kein Ort für Diskussionen") nie getätigt, auch wenn dies in zahllosen Medienberichten behauptet wird. Tatsächlich hat Gryslow am 29.12.2003 auf die Frage einer anderen Abgeordneten u.a. geantwortet:
"Mir scheint, daß die Staatsduma nicht der Ort ist, wo man politische Schlachten ausfechten und irgendwelche politischen Losungen und Ideologien vertreten muß, sondern sich mit einer konstruktiven, effektiven gesetzgeberischen Tätigkeit beschäftigen soll."
Gegen diese Einlassung Gryslows kann man schwerlich etwas haben, denn die Hauptaufgabe der Duma besteht - wie bei allen Parlamenten - nun einmal in der Gesetzgebung.

Das vom DPA-Mitarbeiter Wolfgang Jung, der MZ und anderen Journalisten kolportierte Märchen, wonach der Parlamentspräsident in seinem Haus nicht diskutieren wolle, ist das typische Beispiel für eine Zeitungsente. Der eine Journalist schreibt die Falschinformation vom anderen ab, ohne selbst zu recherchieren und sich um den O-Ton zu bemühen. Der Fall zeigt außerdem, mit wie wenig Sorgfalt die deutschen Medien über Rußland berichten. Die negative Meinung ist der Journaille weitaus wichtiger als ordentliche, nüchterne und faktengesättigte Arbeit. Und zur Not lügt man eben auch, denn die meisten Deutschen werden die Lüge schon mangels Sprachkenntnissen nie erkennen können.

Das seit etwa acht Jahren in der politischen Berichterstattung gepflegte alt-neue Feindbild namens Rußland strahlt nunmehr auch auf den Unterhaltungsbereich aus. So hat die ARD ihren Zuschauern Anfang Januar im Spielfilm "Russisch Roulette" ein Gruselbild vom Leben in Sankt Petersburg vermittelt. Der Film war freilich ein Reinfall - warum, kann man in diesen Kommentaren von Deutschen nachlesen, die in Petersburg leben und denen sich ob des ARD-Machwerkes die Haare sträuben.


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Donnerstag, 2. Juli 2009

"Der russische Phönix"

Seit etwa drei, vier Jahren ist Rußland wieder stärker in den Fokus der deutschen Öffentlichkeit gerückt. Im Fernsehen werden nicht mehr nur die ewig gleichen Reportagen über die kalte Taiga, den Wodka und Obdachlose, sondern auch politische Berichte gesendet. Und die großen Tageszeitungen haben die Verantwortung für Kommentare über die russische Politik zunehmend von den Moskau-Korrespondenten hin zu den deutschen Redaktionen verlagert. Zudem sind viele, oft populärwissenschaftlich angehauchte Monographien aus der Feder von mehr oder weniger sachkundigen Experten (bzw. solchen, die sich dafür halten) erschienen.

Ein ausgewiesener Experte (und daher zu einer Äußerung berufen) ist der österreichische Politologe, Hochschullehrer und Blogger Gerhard Mangott, dessen im Frühjahr erschienenes Buch „Der russische Phönix – Das Erbe aus der Asche“ hiermit angezeigt werden soll. Mangotts Forschungsschwerpunkte liegen auf den internationalen Beziehungen im allgemeinen und der Sicherheitspolitik im besonderen. In wissenschaftstheoretischer Hinsicht würde ich ihn bei den Realisten verorten.

Mangotts Darstellung der jüngsten rußländischen Geschichte beginnt während des Auseinanderbrechens der Sowjetunion und endet im Jahre 2008 mit der Analyse der Politik des neuen Präsidenten Medwedew. In der Sache geht es ihm nicht um ein Sittengemälde oder um eine allgemeine Gesellschaftsgeschichte, sondern – in klassischer Manier – um die Innen- und Außenpolitik und die damit zusammenhängenden ökonomischen und sozialen Aspekte. Dabei ist ihm eine kompakte und gut lesbare Abhandlung gelungen, die trotzdem geeignet ist, auch dem im Stoff stehenden Leser zahlreiche neue Einsichten zu vermitteln.

Das Buch zeichnet sich vor allem durch seinen konstruktiv-kritischen Ansatz aus. Mangott nennt die Probleme der Putin-Ära deutlich beim Namen, ohne dabei – wie viele andere – in eine Verklärung der Regierungszeit Boris Jelzins zu verfallen. So werden etwa die Ereignisse vom September 1993 (aus denen die heutige Staatsordnung erwachsen ist) zutreffenderweise als Jelzin-Putsch eingeordnet. Auch andere „heiße Eisen“ wie der Kaukasus oder die Frage der Energiesicherheit werden ausführlich erörtert. Dabei kommt Mangott zu schlüssigen Ergebnissen, die dem deutschsprachigen Durchschnittsleser aber ein wenig ungewöhnlich erscheinen könnten, da sie hierzulande in den Mainstreammedien kaum vorkommen.

Deshalb ist „Der russische Phönix“ auch eine echte Kaufempfehlung. Eine derartige Kombination aus hervorragender Sachkenntnis, glasklarer Argumentation und differenzierender Analyse, die nicht von ideologischen Voreingenommenheiten getrübt wird, ist derzeit nur selten zu finden. (Es gibt sogar Autoren – Beispiel: Michael Stürmer –, die Bücher über Rußland schreiben, ohne überhaupt der Sprache mächtig zu sein oder über imtimere Kenntnisse des Landes zu verfügen.)


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Dienstag, 8. Mai 2007

Journalisten vs. Wirklichkeit?

Heute vormittag wurde auf 3sat die ORF-Diskussionsrunde Europastudio zum Thema "Wohin geht Russland?" wiederholt. Unter der Moderation des altgedienten Paul Lendvai diskutierten Susanne Scholl (ORF-Korrespondentin in Moskau) sowie die drei Wissenschaftler Maria Huber (Leipzig), Gerhard Mangott (Innsbruck) und Andrej Zagorski (Moskau) über die aktuelle Entwicklung im Land.

Den Verlauf der Debatte kann und will ich hier nicht wiedergeben (ein Video ist leider nicht online), wohl aber einen Eindruck, den ich gewonnen habe. Es hatten sich recht bald drei Lager herauskristallisiert, wobei Zagorski und Lendvai häufig, aber nicht durchgängig, mit Scholl konform gingen. Ihre These von der in Rußland wiederauferstandenen Sowjetunion traf auf allgemeine Ablehnung, ebenso - allerdings schon schwächer - ihr Lob Jelzins. Frau Scholl zeichnete in der Sendung das übliche düstere Bild: schwache Wirtschaft, Rohstoffabhängigkeit, demographische Misere, Unterdrückung der Opposition, Zensur etc. pp. Und an allem ist ihrer Meinung nach - natürlich - Putin schuld. Als sie von den anderen Diskutanten zunehmend kritisiert und korrigiert wurde, und als diese versuchten, etwas mehr der russischen Wirklichkeit entsprechende Farbe in ihr Schwarz-weiß-Gemälde zu bringen, reagierte sie zunehmend unwirsch und gereizt. Valide Einwände wurden rüde abgebügelt und Lendvai mußte sie sogar beruhigen. Dem Anschein nach durfte - frei nach Palmström - etwas, das sie nicht für relevant hält, auch nicht relevant sein.

Dieser Ablauf scheint mir durchaus typisch für die deutschsprachigen Debatten über Rußland zu sein, weshalb ich denke, daß man daraus einige generalisierbare Folgerungen ziehen kann, die nachfolgend thesenartig vorgetragen werden.
1. Es existiert offenkundig unter Journalisten, insbesondere den Rußlandkorrespondenten, so etwas wie eine 'herrschende Meinung'. Deren augenblickliche Fixpunkte sind u.a.: Putin ist schlecht und hat kaum etwas Positives erreicht, Jelzin war gut und hat einiges Positives erreicht, die derzeitige Entwicklung Rußlands ist negativ. Möglicherweise wird die Herausbildung dieser Einheitsmeinung durch Besonderheiten des Journalistendaseins befördert (Gruppendruck - was schreiben die anderen? -, Redaktionsvorgaben etc.).
2. Selbige Einheitsmeinung wird (nur mit leichten Nuancen versehen) über die Massenmedien - vor allem das Fernsehen sowie Tages- und Wochenzeitungen - dem durchschnittlichen Medienkonsumenten eingeflößt, der selbst kein Russisch spricht und schon deshalb auf die Vermittlung angewiesen ist - sofern er sich überhaupt etwas intensiver für Rußland interessiert und nicht nur ein paar wenige, immer gleiche Schlagworte oberflächlich registriert.
3. Die entsprechenden Journalisten bilden fast einen abgeschlossenen, exklusiven Zirkel, dessen Mitglieder elitäre Gefühle entwickeln: Sie sind Informationsquellen und Meinungsmacher zugleich, die für ihr mutiges Ausharren in einer neuen Diktatur Respekt verdienen.
4. Durch diese hohe Selbstwertgefühl, verbunden mit dem 'common sense', zu dem sich das herrschende Narrativ dieser Gruppe mittlerweile gesteigert hat, geht die Bodenhaftung verloren und eventuell geäußerte Kritik an der simplifizierenden Einheitsmeinung wird ohne weiter nachzudenken abgebügelt. - Dumm nur, wenn diese Kritik von Personen vorgetragen wurde, die genauso viel von Rußland verstehen, wie der Journalist selbst und daher auch an seinem hohen Ego 'kratzen'. Aber 'zum Glück' (für ihn - Pech für die Medienkonsumenten) haben diese Leute nicht die gleiche mediale Reichweite wie er, weshalb sich an der alltäglich verkündeten Botschaft nichts ändern wird. Dadurch kann er denen zeigen, wer in der Sache Recht hat, wichtig ist und über Einfluß verfügt.
5. Nachdem diese sich selbst und gegenseitig verstärkenden Prozesse eine gewisse Zeit abgelaufen sind, kommt es zu einer Verengung des Blickfeldes, so daß der Journalist nur noch das sieht, was er auch sehen will. Die Folge ist eine selektive und fiktionale Wahrnehmung der Wirklichkeit, die dann wiederum in die Heimat übermittelt wird. Usw. usf.

Soweit die amateurhaften Überlegungen eines Nicht-Kommunikationswissenschaftlers. Natürlich weiß ich, daß nicht alle Journalisten so sind, allerdings scheint es auf die Mehrheit zuzutreffen, weshalb ich mich über Ausnahmen um so mehr freue. Im Falle Rußlands ist man in Europa und Nordamerika während der 1990er Jahre schon einmal den besonders von den Medien geschürten und verbreiteten Illusionen erlegen - Stephen Cohen hat es eindeutig beschrieben (siehe hier und hier). Soll das gleiche jetzt wieder passieren?

PS: Der Autor dieses Blogs bemüht sich darum, zu der unter 4. genannten kritischen Gruppe zu gehören, ist sich aber der Grenzen seiner Wirksamkeit durchaus bewußt.