Sonntag, 21. März 2010

Leipziger Messesplitter


Zunächst bitte ich um Pardon für meine lange Abstinenz, doch waren die letzten Wochen sehr hektisch, so daß wenig Zeit für den Blog blieb. :-(

Heute geht die diesjährige Leipziger Buchmesse zuende und ich hatte am Freitag nach längerer Abstinenz wieder einmal die Gelegenheit, dort meiner bibliomanen Veranlagung zu frönen. Aufgefallen ist mir dabei das Fehlen vieler kleinerer Verlage, wobei ich nicht weiß, ob dies eine Folge der Wirtschaftskrise ist oder ob man mittlerweile neue Vertriebsstrukturen (via Internet?) aufgebaut hat und daher glaubt, auf einen Messestand verzichten zu können. Das betrifft nicht nur kleine Fach- und Nischenverlage, sondern auch solche mit einem (eigentlich) breiteren historischen und philosophischen Angebot wie z.B. den Wiener Karolinger-Verlag. Ohne deren Präsenz auf früheren Leipziger Buchmessen hätte ich lange nichts von deren Existenz erfahren, bis sie vor ein paar Jahren von der FAZ einem breiten Publikum vorgestellt worden sind. Dabei können gerade kleine Verlage von einem Messestand profitieren, denn so werden potentielle Leser mit Titeln bekannt gemacht, die kaum jemals in einer Buchhandlung zu finden sein werden und nur per Direktbestellung erhältlich sind.

Nach diesen allgemeinen Gedanken möchte ich meinen Lesern nachfolgend einige interessante Messefunde vorstellen. Keines dieser Bücher habe ich bisher gelesen, aber sie machten beim Durchblättern doch allesamt einen positiven Eindruck. Die Qualität der Fotos ist bescheiden, sind sie doch zumeist direkt auf den Messeständen gemacht worden.


1. Waffen, Jagd, Militärgeschichte


Der Mittler-Verlag kündigt für den Sommer das Erscheinen eines neuen Titels des Schweizer Autors Kaj-Gunnar Sievert an, das unter dem Titel "Kommandounternehmen - Verdeckter Zugriff - Special Forces im Einsatz" steht und an Sieverts erstes Buch über dasselbe Thema anknüpft. Was bisher über den Inhalt bekannt ist, klingt sehr vielversprechend und es steht defintiv auf meiner "To-do"-Liste.

Der Motorbuch-Verlag und die mit ihm "verwandten" Verlage haben eine kleine Auswahl aus ihrem Angebot präsentiert. Am interessantesten waren aus meiner Sicht Wolfdieter Hufnagl: "Karabiner M1", Jean Huon: "Geschichte der Mauser Pistolen" sowie die Publikationen des Messerdesigners Dietmar Pohl.

Auf dem Stand des österreichischen Ares-Verlages sind mir zwei Titel aufgefallen, die ebenfalls mit großer Sicherheit demnächst mein Regal füllen werden. Zum einen Heinz Mazulla: "Ehrensache! Das Pistolenduell" (ein kulturhistorisch wichtiger Aspekt der europäischen Waffengeschichte) und ferner Stefan Strasser: "Sniper - Militärisches und polizeiliches Scharfschützenwissen kompakt" (was eines der wenigen guten deutschsprachigen Werke zum Thema zu sein scheint).

Das Brandenburgische Verlagshaus (ehemals Militärverlag der DDR) hat mehrere deutsche Übersetzungen der englischen Osprey-Hefte und weitere militärhistorische Schriften vorgestellt, die durchweg einen guten Eindruck machen. Darunter befindet sich auch eine Abhandlung über "Die Armee Peters des Großen".



Der Markleeberger Sax-Verlag hat sich eines wenig behandelten Themas angenommen und 2008 das Buch von Holger Richter über "Die Kunst der Armbrustmacher in Dresden" herausgebracht. Zudem finden sich im Programm des Verlages viele interessante Titel, häufig mit einem regionalgeschichtlichen Akzent.



In Oschersleben ist der Dr. Ziethen-Verlag beheimatet, dessen Schwerpunkt ebenfalls auf regionalgeschichtlicher Literatur liegt. Otto Hennings "Gefährliche Jagdleidenschaft - Die Geschichte eines Wilderers" ist ein Roman, dem jedoch eine wahre Geschichte zugrundeliegt. Von den 1920er bis in die 1950er Jahre hinein - also mitten im 20. Jahrhundert! - konnte in der Altmark ein Wilderer sein Unwesen treiben. Man glaubt es kaum, aber unter Ausnutzung der wechselvollen Zeitläufte und mit Duldung der örtlichen Bevölkerung gelangen ihm Bubenstücke, die man sonst wohl nur aus alten Sagen kennt.



Desselben Oberthemas hat sich auch der (ähnlich profilierte) Tauchaer Verlag mit seinen "Wahren Geschichten um Stülpner Karl" angenommen und behandelt darin den sächsischen Wilderer und Volkshelden.

Etwas gesitteter geht es dagegen in Frank Hofmann: "Zwischen Pirsch und Ansitz" zu, das im Heinrich Jung-Verlag, Zella-Mehlis, erschienen ist. Darin schildert der Autor seine Jagderlebnisse aus Thüringen, aber auch aus Jagden in Übersee. Der Verlag hat überdies auch militärgeschichtliche Titel im Angebot.



Es fällt auf, daß in den letzten Jahren zahlreiche Bücher über die Volksmarine der DDR erschienen sind. So etwa Dieter Flohr: "Volksmarine - Betrachtung einer deutschen Flotte 1950-1990", erschienen im kleinen Rostocker BS-Verlag (ISBN: 3-89954-138-3).

Im gleichen Segment der maritimen Literatur ist auch der (ebenfalls in Rostock beheimatete) Ingo-Koch-Verlag aktiv. Neben militärgeschichtlichen Titeln finden sich in seinem Angebot auch mehrere zur zivilen Schiffahrt der DDR. Mein besonderes Interesse hat jedoch ein anderes Buch geweckt, nämlich Horst Steigleder: "Stalins Terror und die Rote Flotte - Schicksale sowjetischer Admirale 1936–1953". Darin untersucht der Autor die Auswirkungen der stalinschen Säuberungen auf das Offizierskorps der sowjetischen Seekriegsflotte anhand von einzelnen Biographien. Ein Buch, das ich mir auf jeden Fall näher ansehen werde.



Auf dem russischen Gemeinschaftsstand, der von der Moskauer Stadtverwaltung und einer großen Moskauer Buchhandlung organisiert wurde, waren zahlreiche Publikationen von Verlagen aus der RF zu finden. Mit am interessantesten war m.E. der bereits 2005 erschienene Bildband "Michail Kalaschnikow - Welikij russkij orushejnik" (dt.: Michael Kalaschnikow - Ein großer russischer Waffenschmied; ISBN: 5-224-05163-0). Die Autoren berichten ausführlich aus dem Leben des bekannten Konstrukteurs, angefangen von seiner Kindheit und Jugend bis zu seinem jetzigen Rentnerdasein. Dabei werden auch Einblicke in die Büros und Werkhallen von Izhmash gewährt und es finden sich Darstellungen vieler seiner Waffen inkl. Prototypen. In Deutschland kann man das Buch über den örtlichen Buchhandel oder, falls dort nicht möglich, beim Berliner Versandhändler Kurier der Zarin bestellen.



2. Rußland, Sowjetunion

Damit sind wir beim zweiten Teilgebiet angelangt, also bei Büchern, die Rußland oder die Sowjetunion zum Thema haben, ohne dabei im engeren Sinne waffen- oder militärgeschichtlich zu sein.

Da ist zunächst der am oben schon erwähnten Gemeinschaftsstand gezeigte Bildband "Okna TASS 1941 - 1945" zu nennen (dt.: Das Fenster der TASS 1941-1945; Moskau 2007, ISBN: 978-5-93882-034-0). Darin werden die von der sowjetischen Nachrichtenagentur TASS während des Zweiten Weltkrieges verbreiteten Propagandaplakate in Bild und Text vorgestellt.



Dieselbe Richtung schlagen die folgenden Bücher ein. In einem mir unbekannten Verlag sind zwei Bände von Albert Pflüger unter dem Titel "Vorwärts zum Sieg! Illustrierte sowjetische Feldpost des 2. Weltkrieges" erschienen (vgl. hier und hier). Wer sich für zeitgenösische sowjetische Feldpostkarten interessiert, dürfte darin fündig werden.



Bei Basisdruck in Berlin ist bereits vor neun Jahren "1940 - Stalins glückliches Jahr" von Wladislaw Hedeler und Nadja Rosenblum erschienen. Ein interessantes Panorama aus der Zeit des "Hochstalinismus", das sowohl die Haupt- und Staatsaktionen als auch das Altagsleben der Sowjetbürger in jenem Jahr behandelt.



Blenden wir zurück ins 19. Jahrhundert. Der oben bereits erwähnte BS-Verlag hat im vergangenen Jahr eine Krusenstern-Biographie von Erwin Seppelt herausgebracht ("Adam Johann von Krusenstern - Ein Porträt"; ISBN: 978-3-867856-073-5). Darin wird der Lebensweg des baltendeutschen Seeoffiziers nachgezeichnet, der die erste Weltumseglung eines russischen Schiffsverbandes leitete und später zum Admiral aufstieg. (Dieses Buch war mein persönliches Mitbringsel von der Buchmesse und ich denke, daß die 10 € gut angelegt sind. :-))



Einem anderen Kapitel der deutsch-russischen Beziehungen im 19. Jh. widemt sich Bettina Altendorf in "Die russischen Sänger des Königs und die Kolonie Alexandrowka in Potsdam", erschienen im Berliner Bäßler-Verlag. Der Titel sagt es schon aus, es geht um die Geschichte der in der Potsdamer Siedlung Alexandrowka nach den Befreiungskriegen angesiedelten russischen Familien.



Der Bäßler-Verlag hat auch ein architekturgeschichtliches Werk vorgestellt. Im Sammelband "The Soviet Heritage and European Modernism" wird die moderne sowjetische Architektur, insbesondere aus den 1920er bis 1950er Jahren, behandelt.



Die politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen im heutigen Rußland werden von Kai Ehlers in "Russland - Herzschlag einer Weltmacht" thematisiert. Bisher kannte ich Ehlers vor allem als in der RF lebenden Journalisten, dessen Artikel allerdings von sehr wechselnder Qualität waren. Nach einem ersten Querlesen scheint mir dieses Buch jedoch recht gut zu sein (was vielleicht auch am zusätzlichen Platz liegt, auf dem er seine Gedanken ausführen kann), weshalb es sich einen Platz auf meiner kurz- bis mittelfristigen Leseliste gesichert hat.



Der zur Suhrkamp gehörende Verlag der Weltreligionen hat eine interessante Einführung in die Welt der orthodoxen Kirchen vorgelegt: "Im Geist des Ostens leben - Orthodoxe Spiritualität und ihre Aufnahme im Westen" von Martin Tamcke. Ich denke, dieser Band ist - ebenso wie die schon etwas ältere Abhandlung von Rolf Kemp: "Kerzen, Chöre und Ikonen" - gut geeignet, um dem interessierten deutschen Leser die fremdartig erscheinende Religiösität und Entwicklung der Ostkirchen näherzubringen.

Im belletristischen Bereich haben sich die Bücher "Metro 2033" und der Nachfolgeband "Metro 2034" von Dmitri A. Gluchowskij offenkundig zu Bestsellern entwickelt, die ich nicht unerwähnt lassen möchte, da Gluchowskij in Leipzig auch persönlich präsent war und gestern eine Lesung durchgeführt hat. Ich selbst bin noch immer nicht mit "Metro 2033" fertig, was wohl auch noch eine Weile dauern wird, denn Science-Fiction und Fantasy sind nicht so mein Fall.



Wem das alles zu hoch und zu anstrengend ist, der sei auf "Das große Buch der russischen Küche" von Christina Brock hingewiesen, das im Stocker-Verlag Graz erschienen ist, von dem übrigens auch Jagdliteratur feilgeboten wird.

In diesem Sinne wünsche ich "guten Appetit" und anregende Lektüreerlebnisse, auch wenn die Natur uns nach dem langen Winter gerade an die frische Luft lockt. Denn vom Eise befreit sind Strom und Bäche ... aber damit sind wir schon wieder bei Goethe. ;-)


Montag, 22. Februar 2010

22.02.2010: Musik des Tages

Vorgestern hatte ich hier erwähnt, daß zwei Offiziere der Spezialeinheit Alfa mit der Rockband Ljube zusammen musizieren. Heute will ich dieses Lied mit dem Titel "Po wysokoj trawe" (dt.: Durch das hohe Gras) nachreichen. (Hier gibt es noch ein anderes Video desselben Titels mit englischen Untertiteln.)
Wobei ich gerade sehe, daß die noch mehr Aufnahmen gemeinsam produziert haben - deshalb also im Anschluß als zweites Stück "Wsje budjet kak nado" (dt.: Alles wird so, wie sein muß).
Das dritte Video ist ein hih-hop-mäßiges Danklied, das ein mir unbekannter Interpret in Erinnerung an die in Beslan gefallenen Alfa- und Vympel-Angehörigen aufgenommen hat. Musikalisch trifft es nicht meinen Geschmack, doch es zeigt, wie populär die Spezialeinheiten sind. (Das Video enthält außerdem viele Originalaufnahmen der Ereignisse in Beslan. Man achte dort auf die bewaffneten Zivilisten - das sind jene selbsternannten Geiselbefreier, deren dilettantisches und unkoordiniertes Vorgehen gegen die besetzte Schule das tragische Ende des Geiseldramas mit herbeigeführt hat.)










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Spetsnaz V: Alfa und Vympel heute

Samstag, 20. Februar 2010

Spetsnaz V: Alfa und Vympel heute

Im heutigen fünften Teil der Spetsnaz-Reihe – der zugleich der letzte ist, in dem die Spezialkräfte des Föderalen Sicherheitsdienstes der RF (FSB) Thema sind – werde ich die Organisation, Ausbildung und Ausrüstung dieser Einheiten vorstellen. Zuvor möchte ich jedoch einige Bemerkungen zu Fragen der Geheimhaltung machen, da insoweit in Rußland einiges anders läuft als in Deutschland.

Man ist recht offen hinsichtlich der Identität von (ehemaligen) Angehörigen der Spezialeinheiten. Diese Männer treten häufig unter eigenem Namen im Fernsehen auf oder veröffentlichen Erlebnisberichte - auch über Ereignisse, die noch nicht so lange zurückliegen wie z.B. die Geiselnahme im Dubrowka-Theater (Moskau 2003). Im allgemeinen gibt es aus heutiger Sicht jedoch eine Zeitgrenze, die etwa im Jahr 2000 liegt. Der Grund liegt darin, daß viele der damaligen Mitarbeiter heute noch im Dienst sind und ihre Identität geschützt werden soll. Von den aktiven Angehörigen sind nur wenige öffentlich bekannt. Die publizistischen Aktivitäten der (früheren) Alfa-Angehörigen zeigen sich auch in der von ihrem Veteranenverband herausgegebenen Zeitschrift Speznas Rossii belegt. Ihre Kollegen von Vympel sind insofern etwas zurückhaltender.
Sehr sparsam geht man mit Detailinformationen hinsichtlich der Organisationsstruktur, der Bewaffnung und Ausrüstung sowie der Einsatztaktik um. Deshalb werden bei öffentlichen Veranstaltungen (z.B. Tagen der offenen Tür), wo Spezialkräfte auftreten, häufig martialisch aussehende Kampfsportdarbietungen gegeben. Damit kann man die Zuschauer unterhalten, ohne technische und taktische Details preisgeben zu müssen.



Organisation und Aufgaben

Die Gruppen Alfa und Vympel sind heute keine eigenständigen Einheiten mehr. Im Oktober 1998 wurde im FSB das Zentrum für Spezialaufgaben (ZSN – russ.: Zentr spezialnogo nasnatschenija) gebildet, in dem beide Einheiten aufgegangen sind. Innerhalb dieses Zentrums firmieren sie heute offiziell als „Verwaltung ‚A’“ (Alfa) und „Verwaltung ‚W’“ (Wympel).
Das ZSN hat vielfältige Aufgaben bei der Bekämpfung des Terrorismus, insbesondere des islamischen Extremismus, wahrzunehmen. Deshalb besteht es nicht nur aus den bereits genannten Spezialkräften, sondern ihm gehören auch „operative“ Abteilungen an, die sich z.B. mit der Aufklärung von Terrororganisationen befassen. Darüber hinaus unterstützt das ZSN ggf. andere Diensteinheiten des FSB, etwa bei der Bekämpfung des Drogenschmuggels.

Über die genaue Struktur und die Personalstärke der Verwaltungen A und W ist wenig bekannt. Sie gliedern sich in mehrere, durchnumerierte Abteilungen (bei Alfa sollen es derer 6 sein). Ich vermute, daß Vympel zahlenmäßig etwas kleiner ist als Alfa. Denn 2004 in Beslan ist der Kommandeur von Vympel, Dmitrij Rasumowskij, gefallen. Rasumowskij war damals immer noch Oberstleutnant, wohingegen alle Chefs von Alfa in den letzten 20 Jahren entweder Oberst oder bereits Generalmajor gewesen sind. Konkret: Das ZSN wird seit 1999 vom hochdekorierten Generaloberst Alexander Tichonow geleitet; Chef der Verwaltung "A" ist derzeit Generalmajor Wladimir Winokurow.

Im Internet kursiert eine Zahl von 700 Mitarbeitern allein für Alfa. Diese Zahl halte ich allerdings für zu hoch. Die Unterhaltung von Spezialeinheiten ist sehr kostenintensiv (was dort nicht anders als in Deutschland ist), zudem existieren in der RF zahlreiche Spezialeinheiten außerhalb des ZSN, darunter auch die regionalen Spezialkräfte des FSB. Ich persönlich würde daher den Personalbestand von Alfa und Vympel auf gemeinsam etwa 300 bis 400 Mann schätzen. Die Zahl 700 beinhaltet möglicherweise alle Mitarbeiter des ZSN, das jedoch nicht nur aus den beiden Spezialeinheiten besteht.



Hauptaufgabe der Spezialeinheiten des ZSN ist die Bekämpfung von Terroristen und bewaffneten Straftätern, sei es bei der Reaktion auf einen stattgefundenen Anschlag (insbesondere einer Geiselnahme) oder bei der Festnahme derselben infolge einer erfolgreichen Fahndung. Dieser Auftrag ist natürlich sehr umfassend.
Einen Schwerpunkt in der Einsatzvorbereitung von Alfa bilden Verkehrs- und Infrastrukturobjekte wie Flugzeuge, Busse, Eisenbahnzüge und Schiffe sowie natürlich der Kampf im urbanen Raum (bisweilen auch „schwarze Taktik“ genannt). Einige, schon ältere Presseberichte vermitteln den Eindruck, daß sich Vympel ein wenig auf das, was man als „grüne Taktik“ bezeichnet, sowie auf amphibische bzw. triphibische Einsätze spezialisiert haben könnte. Allerdings scheint auch Alfa über eigene Taucher zu verfügen.

Stationiert ist die Einheit in Balaschicha (im Moskauer Gebiet gelegen), dem früheren Standort der Spezialschule des KGB. In der Regel sind ständig Teile des ZSN im Nordkaukasus im Einsatz. Deshalb wurde kürzlich in Dagestan eine Art vorgeschobener Basis gebildet, wo die Spezialkräfte nicht nur untergebracht werden, sondern auch trainieren können.



Personal und Ausbildung

In den Verwaltungen „A“ und „W“ dienen ausschließlich Offiziere und Berufsunteroffiziere. Anwärter, die höchstens 28 Jahre alt und nicht kleiner als 175 cm sein dürfen, müssen sich – was in der Natur der Sache liegt – umfangreichen medizinischen, physischen und psychologischen Tests unterziehen. Dazu kommen eine Hintergrundüberprüfung über die Vergangenheit des Bewerbers sowie Alkohol- und Drogentests. Sollte der Anwärter dies alles überstanden haben, werden seitens des FSB seine Eltern und ggf. seine Ehefrau angesprochen, ob die dem (die Familie belastenden) Dienst ihres Sohnes bzw. ihres Mannes in einer Spezialeinheit einverstanden sind.

Die Ausbildung vollzieht sich auf mehreren Wegen. Anwärter, die bereits der Armee, Polizei, den Grenztruppen usw. angehören, werden – wenn möglich – noch auf die Spetsnaz-Fakultäten von Offiziershochschulen des Verteidigungsministeriums (z.B. in Nowosibirsk und Moskau) umgeleitet. Neueinsteiger werden von Beginn an zum Studium auf diese Fakultäten geschickt, ebenso spricht man geeignete Absolventen derselben an, ob sie nicht ins ZSN wechseln möchten.
Ansonsten wird die Aus- und Fortbildung des Personals innerhalb des ZSN durchgeführt. Dabei kann auf geeignete Übungsplätze und Schießstände ebenso wie auf die Hubschrauber der FSB-eigenen Fliegerkräfte zurückgegriffen werden. Im ZSN geht man davon aus, daß es etwa drei Jahre dauert, bis ein neuer Mitarbeiter einsatzbereit ist. Nach Abschluß der Ausbildung wird dem neuen Mitarbeiter ein Messer mit dem passenden Namen „Antiterror“ überreicht.

Insgesamt vermitteln Alfa und Vympel den Eindruck, daß sie ausbildungsmäßig dem heute weltweit gültigen Standard für polizeiliche Spezialeinheiten entsprechen – ein Eindruck, der durch den Bericht in K-ISOM 1/2010 ebenfalls gestützt wird. Dies und auch die von den Einheiten geleisteten Einsätze (vgl. hier und hier) widersprechen dem Klischee vom schlangenfressenden Spetsnaz-Soldaten, bei dem der Bizeps das Gehirn ersetzt.



Ausrüstung

Den Angehörigen der Verwaltungen „A“ und „W“ steht ein umfangreiches Arsenal an Handfeuerwaffen zur Verfügung. Hauptwaffe ist selbstverständlich das Sturmgewehr AK-74 in diversen Varianten, wobei mittlerweile auch mit ausländischen Waffenteilen und Zubehör gearbeitet wird. Man beachte dazu meine früheren Berichte inkl. Bilder hier, hier und hier. Kurzwaffenmäßig werden wohl ausschließlich Pistolen verwendet – neben der Makarow (PMM) auch die neue Jarygin, die Stetschkin sowie Modelle aus dem Hause Glock.
Dazu kommen noch diverse (Klein-)Maschinenpistolen, Gewehre mit integriertem Schalldämpfer, MGs und weitere Unterstützungswaffen. Die Präzisionsschützen haben mittlerweile das Dragunow abgelegt und sind mit Repetiergewehren ausgestattet. Neben dem SW-98 wurden auch schon ausländische Modelle, etwa von Sako, gesichtet.

Man kann davon ausgehen, daß die Mitarbeiter des ZSN ggf. auf jede in Rußland gefertigte Waffe zurückgreifen können. Zudem wurde in den letzten Jahren, soweit das Budget es zuließ, fleißig im Ausland eingekauft.
Ansonsten steht das an persönlicher Ausrüstung zur Verfügung, was man von Spezialeinheiten dieses Kalibers im internationalen Vergleich erwarten kann: Helme und kugelsichere Westen (beides wird in der RF produziert), Funkgeräte (zumeist importiert), Fahrzeuge, Tauchausrüstung, Fallschirme usw. usf.



Sonstige Aspekte

Von 1974 bis 2009 sind 24 Angehörige von Alfa im Einsatz getötet worden; bei Vympel waren es 15 seit 1981. Zahlreiche Angehörige der beiden Einheiten sind mit Orden und Ehrenzeichen geehrt worden, darunter mindestens ein Dutzend „Helden der Sowjetunion“ bzw. „Helden Rußlands“.

In Diskussionen über Spezialeinheiten taucht immer wieder die Frage nach einer „Hackordnung“ auf: Wer ist der beste etc. In Rußland würde man diese Frage zumeist mit folgender Liste beantworten: Ganz oben stehen die Spezialkräfte des ZSN des FSB, dann folgen die regionalen Einheiten des FSB sowie ein Teil der Spezialeinheiten der Inneren Truppen des MWD (z.B. „Rus“, „Witjas“) und auf der dritten Ebene tummelt sich dann der Rest der Inneren Truppen sowie OMON und OMSN für die regionalen Innenbehörden und was es sonst noch so in der ziemlich bunten „Special Forces“-Landschaft der RF gibt.
Ich persönlich halte von solchen Zuschreibungen wenig, es kommt darauf an, die einzelne Einheit zu begutachten. So sind mir z.B. die Resultate eines Scharfschützenvergleichswettkampfes bekannt, bei dem ausgerechnet eine OMON-Mannschaft gewonnen hat. Dennoch läßt sich mit der „Hackordnung“ insofern arbeiten, als man z.B. bei den beiden Spezialeinheiten des ZSN weiß, daß sie immer sehr gut ausgebildet, ausgerüstet und vorbereitet sind, während sich bei den Kräften anderer Behörden bisweilen ein disparates Bild ergibt.



Die Angehörigen von Alfa und Vympel gelten heute in Rußland als Helden und sind entsprechend beliebt, wozu der Opfergang in Beslan (2004) wesentlich beigetragen hat. Es existieren mehrere Denkmale mit den Namen der Gefallenen. Das ZSN und insbesondere Alfa betreiben zudem eine intensive Öffentlichkeitsarbeit, ebenso einige manche FSB-Dienststellen in den Regionen. So nehmen z.B. regelmäßig zwei Alfa-Offiziere an Veranstaltungen teil (siehe z.B. hier und hier) und sind auch schon mit der bekannten Rockband Ljube aufgetreten. Ferner betreiben Veteranen Kampfsportklubs oder richten Schießsportveranstaltungen aus, wobei der Name „Alfa“ auch als Markenzeichen dient. Die Spezialeinheiten isolieren sich also nicht von der Öffentlichkeit, sondern sind dort sehr aktiv. Das liegt auch daran, daß sie zu Recht auf ihre Leistungen stolz sein können. Möglich ist dies alles natürlich nur, weil alles, was mit Spezialeinheiten und Militär zu tun hat, in Rußland wie in ganz Osteuropa recht populär ist. Damit gehen die dortigen Gesellschaften anders um als es im pazifistischen Deutschland üblich.



Nachwort

Mit dem vorliegenden fünften Teil wird die Spetsnaz-Reihe hier auf Backyard Safari vorerst beendet. Ihre Fortsetzung wird sie mit Beiträgen über die übrigen Sicherheitsbehörden und ihre Spezialeinheiten finden. Am wichtigsten wäre eigentlich die intensive Behandlung von Miliz und Inneren Truppen (Bereitschaftspolizei). Da im Geschäftsbereich des Innenministeriums derzeit allerdings große Veränderungen (vulgo: Reformen) anstehen, werde ich damit noch warten müssen und voraussichtlich einige andere Behörden vorziehen.



Bibliographie

P. Jewdokimow: „Alfa“. Istorija antiterrora, in:
Bratischka 8/2009, S. 2 ff.

P. Jewdokimow: Uschel moj brat ..., in: Bratischka 7/2010, S. 24.

R. Faruschkin / A. Musijenko: Totschen-snatschet shiw, in: Bratischka 11/2009, S. 2 ff.

Kalendar „Bratischki“, in: Bratischka 10/2009, S. 78.

S. Koslow: Kak popast w speznas FSB, in: Bratischka 8/2009, S. 60 ff.

A. Michailow / D. Beljakow: „Eto nascha rabota“, in: Bratischka 8/2009, S. 52 ff.

Ju. Muchin: Odin djen s „Alfoj“, in: Bratischka 8/2009, S. 10 ff.

Ju. Muchin: Swjasannyje odnoj zelju, in: Bratischka 8/2009, S. 28 ff.

Wikipedia: Alfa (russ.), Vympel (russ.).




Fotos: Bratischka. Noch viel mehr davon gibt es hier, hier, hier und hier.



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Freitag, 19. Februar 2010

Spetsnaz IV: Einsätze von Alfa und Vympel seit 1992

Der Zerfall der Sowjetunion hat Kräfte freigesetzt, von denen manche – wie der berühmte böse Geist – wohl besser in der Flasche geblieben wären. Das Ende des „Reiches des Bösen“ hat eben nicht zur Ausbreitung von Freiheit und Demokratie im eurasischen Raum geführt. Im Gegenteil, manche der dort lebenden Menschen scheinen das Wort „Freiheit“ dahingehend mißverstanden zu haben, daß sie sich nun ungestraft an ihrem Nächsten vergehen dürfen. Freiheit hieß bisweilen in der Praxis, endlich „Rache“ an den Nachbarn im nächsten Dorf nehmen zu können, die dummerweise einer anderen ethnischen Gruppe angehörten und deshalb vertrieben oder massakriert werden sollten. Man muß sich beispielsweise nur die Vorgänge im Fergana-Tal 1990 vor Augen führen, um zu erkennen, welche archaischen Gewalten sich in den südlichen Teilen der SU, im Kaukasus und in Mittelasien, Bahn gebrochen haben.

Anfang der 1990er Jahre waren die Spezialeinheiten Alfa und Vympel hiervon weniger stark betroffen als die Einheiten des Innenministeriums und der Streitkräfte, die in allen Brennpunkten eingesetzt waren. Im Jahre 1992 hatte etwa Alfa nur einen Einsatz, als am 5. Dezember 347 Passagiere eines entführten Flugzeugs auf dem Flughafen Moskau-Wnukowo befreit werden konnten. Die Maschine war in Mineralnyje Wody (bei Stawropol im Nordkaukasus gelegen) abgeflogen; der Entführer wurde festgenommen.
Etwas mehr „Action“ hatten im selben Jahr die nunmehr selbständige Alfa-Einheit in Alma-Ata (Kasachstan). Im Februar waren 6 Berufsverbrecher ausgebrochen und hatten Geiseln in einem Bus genommen. Nach einer zweitägigen Verfolgungsjagd konnten sie jedoch befreit werden. Doch im folgenden soll es nurmehr ausschließlich um diejenigen Teile der Spezialeinheiten geben, die nun zur Rußländischen Föderation gehörten.



Am 3. und 4. Oktober 1993 wurde in Moskau wieder Putsch und Bürgerkrieg gespielt, diesmal Präsident Jelzin gegen das demokratisch gewählte und rechtmäßig agierende Parlament. Die von Jelzin eingesetzten Alfa- und Vympel-Kräfte, die eigentlich das Parlament im Weißen Haus hätten stürmen sollten, haben die Ausführung dieses Befehls verweigert. Statt dessen haben ihre Führer eigenverantwortlich Verhandlungen aufgenommen, in denen sie die Verantwortlichen der Parlamentsseite zur Aufgabe bewegen konnten. Anschließend wurde das schon von Panzern in Brand geschossene Weiße Haus evakuiert, wobei ein Alfa-Offizier ums Leben gekommen ist.



Vom 23. bis zum 26. Dezember 1993 wurde der Nordkaukasus von einer jener Geiselnahmen erschüttert, die im Laufe der Zeit immer größer werden sollten. Vier Terroristen hatten in Rostow am Don 15 Schüler und eine Lehrerin als Geiseln genommen. Als die aus Moskau eingeflogenen 53 Alfa-Männer unter dem Kommando von G. Sajzew in Rostow eintrafen, flogen die Geiselnehmer mitsamt ihren Geiseln in einem Hubschrauber nach Krasnodar ab. Alfa folgte ihnen an Bord eines anderen Flugzeugs. Die Verfolgungsjagd in der Luft setzte sich am nächsten Tag fort, Ziel war diesmal das schon bekannte Mineralnyje Wody.
Am 25.12. wurde nach einer Lösegeldübergabe ein Teil der Geiseln freigelassen, so daß noch 4 Schüler und 3 Erwachsene in ihrer Gewalt blieben. Am 27.12. kamen noch einmal drei Schüler frei, danach flog die unfreiwillige Reisegruppe weiter nach Machatschkala (Dagestan). Doch die Entführer glaubten, sie befänden sich im heimatlichen Tschetschenien und verließen den Helikopter. Sie konnten später von Spezialkräften des dagestanischen Innenministeriums festgenommen werden.



Am 26. und 27. Mai 1994 ging es in fast derselben Besetzung weiter. Vier bewaffnete Tschetschenen hatten bei Stawropol einen Ausflugsbus mit 36 Personen an Bord gekapert. Neben Teileinheiten von Alfa aus Moskau wurden auch Kräfte aus der „Alfa-Filiale“ in Krasnodar eingeflogen. Am Abend des 26.05. waren auf dem Flughafen von Mineralnyje Wody 64 Spezialkräfte von Alfa, Miliz und Inneren Truppen zusammengezogen worden; das Kommando übernahm der Chef der Inneren Truppen des MWD, Generaloberst Kulikow. Am 27. flogen Geiselnehmer und ihre Opfer frühs in einem Hubschrauber ab, ihnen folgten sechs Helikopter mit den Sicherheitskräften an Bord. Ziel war die Gegend von Batschi-Jurt (Tschetschenien). Es gelang Alfa-Kräften, die Terroristen unschädlich zu machen und festzunehmen; lediglich einer konnte in der von Wäldern geprägten Gebirgsgegend fliehen, wurde aber im folgenden Jahr ergriffen.



Im Dezember 1994 beschloß Präsident Jelzin, die Gewalt in jenes Land zurückzutragen, von dem sie ausgegangen war: der Erste Tschetschenienkrieg begann. Die bekanntesten Einsätze von Alfa und Vympel im Zusammenhang mit diesem Konflikt fanden außerhalb Tschetscheniens statt, dennoch waren die Einheiten auch dort eingesetzt, z.B. als Personenschützer.

Vom 14. bis 19. Juni 1995 dauerte die erste jener Massengeiselnahmen, die sich mittlerweile zum Markenzeichen tschetschenischer Terroristen entwickelt haben. In Budjonnowsk (Stawropoler Gebiet) war eine Bande unter Führung des berüchtigten Schamil Bassajew in ein Krankenhaus eingedrungen und hatte etwa 1.000 Geiseln genommen: Patienten, medizinisches Personal, Familienangehörige. Am Morgen des 17. unternahmen Alfa-Kräfte einen Versuch, das Krankenhaus zu stürmen und die Geiseln zu befreien. Die Operation insgesamt mißlang, allerdings konnten zumindest 280 Geiseln befreit werden. Die Terroristen konnten ihre Forderungen durchsetzen und so setzte sich eine Buskolonne mit Geiselnehmern und einigen Geiseln (die später freigelassen wurden) an Bord in Richtung Tschetschenien in Bewegung. Ein Desaster für die Sicherheitsbehörden. Nicht nur, daß die Gangster entkommen waren, zudem waren insgesamt 130 Zivilisten ums Leben gekommen. Aus den Reihen der Sicherheitskräfte waren an Gefallenen zu beklagen: 18 Milizionäre, 18 Angehörige der Inneren Truppen sowie 3 Offiziere von Alfa.



Verglichen damit waren die Geiselnahmen in Autobussen am 20.09.1995 in Machatschkala und am 14.10.1995 in Moskau Kleineinsätze, obwohl auch in diesen beiden Fällen Alfa die Geiseln gewaltsam befreien mußte – diesmal glücklicherweise ohne Opfer unter den Geiseln.

Der Krieg im Tschetschenien tobte unterdessen weiter und zog am 09.01.1996 wiederum Dagestan in Mitleidenschaft. In der alten Messerstadt Kisljar griff eine tschetschenische Kampfgruppe unter Führung von Radujew zunächst den Flugplatz sowie eine Garnison der Inneren Truppen an und zog sich danach ins Stadtgebiet zurück, wo sie sich in einem Krankenhaus und in Wohnhäusern mit insgesamt ca. 2.000 Geiseln verschanzten. Am 11.01. fuhren die Terroristen mit etwa 100 Geiseln als Schutzschild in Bussen in Richtung Tschetschenien. Die Kolonne wurde von Sicherheitskräften in der Nähe der Ortschaft Perwomajskoje gestoppt. Dort wurde vom 13. bis 15. Januar ein seltsamer Befreiungsversuch durchgeführt: Neben Spezialkräften waren auch Kampfhubschrauber und Artillerie eingesetzt, um das Dorf zu stürmen. Geholfen hat es nicht, der größte Teil der Terroristen konnte aus der Einkreisung entkommen und zurück nach Tschetschenien fliehen. Das ganze Drama dauerte bis zum 18. Januar. In Perwomajskoje waren u.a. auch Kräfte von Alfa neben solchen des MWD eingesetzt; sie führten dort vor allem Aufklärungshandlungen durch und halfen bei der Evakuierung der Geiseln. Beim Beseitigen von Sprengfallen nach Ende der Operation sind dann noch zwei Offiziere der Verwaltung „A“ gefallen.



Neben dem politischen Terrorismus wurden die Spezialkräfte des FSB auch durch die ordinäre Gewaltkriminalität in Anspruch genommen. So etwa am 19. und 20. Dezember 1997 in Moskau, als ein bewaffneter Mann den schwedischen Handelsvertreter Jan-Ulof Njystrom in seine Gewalt brachte. Es gelang dem Stabschef von Alfa, Oberst Anatolij Saweljew, den Geiselnehmer zur Freilassung des Schweden zu bewegen, indem er sich selbst als Austauschgeisel anbot. Nachdem Saweljew in seiner Geiselhaft einen tödlichen Herzinfarkt erlitten hatte, entschloß sich die Führung von Alfa zur gewaltsamen Bereinigung der Lage, wobei der Täter ums Leben kam.



Der Eindringen von islamistischen Insurgenten nach Dagestan im Herbst 1999 (vgl. auch hier, hier und hier) sowie der sich anschließende Zweite Tschetschenienkrieg stellten auch für die Angehörigen von Alfa und Vympel eine große Herausforderung dar, nahm doch die Zahl der Einsätze rapide zu. Einen Schwerpunkt bildete in den ersten zwei Jahren die Fahndung nach den wichtigsten Feldkommandeuren der Terroristen. Ein prestigeträchtiger Erfolg gelang z.B. Alfa-Angehörigen am 13.03.2000, als in Tschetschenien der bekannte Terrorist Salman Radujew festgenommen werden konnte.
Am 31.07.2001 brachte Sultan Said Edijewym einen Bus in Mineralnyje Wody in seine Gewalt und drohte mit der Zerstörung des Fahrzeugs und der darin befindlichen Passagiere; er trug Sprengmittel am Körper. Seine Forderung: Freilassung der 1994 nach einer Flugzeugentführung am selben Ort inhaftierten Terroristen. Edijewym wurde durch einen Scharfschützen von Alfa ausgeschaltet; keine der Geiseln kam zu Schaden.



Vom 23. bis 26. Oktober 2003 gelang den Islamisten aus dem Nordkaukasus ihr bislang öffentlichkeitswirksamster Anschlag mitten in Moskau. Eine etwa 30 Mann starke Terrorgruppe unter Führung von Mowsar Barajew drang während einer Vorstellung in das Dubrowka-Theater, wo gerade das Musical „Nord-Ost“ gegeben wurde, ein und nahm insgesamt 850 Personen als Geiseln, um den Abzug der rußländischen Behörden und Sicherheitskräfte aus Tschetschenien zu erpressen. Sie plazierten im Saal mehrere Bomben und drohten mit der Sprengung des Gebäudes, sollte man ihren Forderungen nicht nachgeben (was politisch natürlich ausgeschlossen war). Die Terroristen gingen mit den Geiseln sehr rüde um, weshalb es zu Todesopfern kam. Auch wenn es zwischenzeitlich gelungen war, einige der Geiseln herauszuholen, so mußte doch damit gerechnet werden, daß die Täter ihre Drohung wahrmachen würden. Deshalb wurde den Spezialeinheiten des FSB der Befehl zu Befreiung der Geiseln gegeben.
Am Morgen des 26.10. wurde über das Belüftungssystem ein Betäubungsgas in das Theater gepumpt, danach stürmten Spezialkräfte von FSB und MWD das Gebäude. 41 der Terroristen wurden getötet (zumeist durch Kopfschüsse), 750 Geiseln konnten befreit werden. Insgesamt starben jedoch 120 Geiseln, der Großteil infolge des Betäubungsgases, da für ihre Behandlung nicht genügend Antidota zur Verfügung standen. Auch in den Reihen der Sicherheitskräfte waren Tote zu beklagen.



Es ist dieser zweifelsohne tragische Ausgang des Geiseldramas, der zu der weitverbreiteten Wahrnehmung beigetragen hat, die Sicherheitskräfte seien „brutal“ und ohne Rücksicht auf Verluste vorgegangen. Diese Wahrnehmung ist jedoch falsch, denn es gab bei realistischer Betrachtung nur zwei Alternativen: Entweder wird der – immer riskante – Befreiungsversuch gewagt, oder man wartet tatenlos ab, bis die Geiselnehmer weitere Geiseln töten oder gar das ganze Gebäude in die Luft sprengen. Die Folge der zweiten Option wären zweifelsohne bis zu 800 Todesopfer gewesen. Daher hat man sich für die Befreiung entschieden und hat damit Recht behalten, denn immerhin konnten 700 sonst todgeweihte Menschen gerettet werden. Es ist selbstverständlich bedauerlich, daß es nicht mehr waren, aber bei realistischer und sachkundiger Betrachtung der Ereignisse war es eben nicht möglich.
Auch wenn allerlei selbsternannte „Experten“, die oftmals kaum fähig sind, eine Pistole von einem Revolver zu unterscheiden, die Durchführung der Befreiungsoperation in Bausch und Bogen verdammen, so halte ich sie doch für geradezu genial und im Ergebnis für einen Erfolg, der primär den Spezialkräften des FSB zuzurechnen ist. Warum? Jede andere Option für eine Befreiung (z.B. der Einsatz von Präzisionsschützen) war aufgrund der Örtlichkeiten extrem schwierig, wenn nicht ganz ausgeschlossen. Die Geiseln waren zentral in einem großen Saal konzentriert und so unter ständiger Bewachung der Terroristen. Eine gedeckte Annäherung und ein schrittweises Vorgehen bei der Befreiung waren somit unmöglich, wenn man nicht erheblich größere Verluste unter den Geiseln riskieren wollte. Die Geiselnehmer mußten mit möglichst einem Schlag neutralisiert werden, ohne daß sie Gelegenheit erhielten, die Bomben zu zünden. Dafür war die gewählte Variante mit dem Betäubungsgas m.E. gut geeignet.

Im übrigen ist mir kein anerkannter amerikanischer oder westeuropäischer Experte bekannt, der in die populäre Verdammung des „bösen Putin“ und die damit implizit einhergehende Glorifizierung der nordkaukasischen Geiselnehmer eingestimmt hätte. Im Gegenteil, die „üblichen Verdächtigen“ (z.B. ehemalige Kommandeure von Spezialeinheiten) waren erstaunlich still - vermutlich in dem Bewußtsein, daß sie mit der gegebenen Lage kaum besser fertiggeworden wären als ihre russichen Kollegen.
Des weiteren ist „Nord-Ost“ ein Lehrbuchbeispiel dafür, wie im Falle der in Rußland aktiven islamistischen Terroristen die Täter durch einen Teil der Medien quasi zu bedauernswerten Opfern gemacht werden, während man ihren Opfern zumindest eine gewisse Mitschuld gibt – was m.E. nichts anderes als eine Verhöhnung der ums Leben gekommenen Geiseln ist.



Fast zwei Jahre später, vom 1. bis 3. September 2004, kam es im nordossetischen Beslan zur nächsten und, soweit ich sehe, bis dato auch letzten Massengeiselnahme in Rußland (ein Indiz für den Erfolg der Sicherheitskräfte bei der Bekämpfung der gewalttätigen Islamisten). Zu diesem Ereignis, das für Alfa und Vympel zu einem Opfergang werden sollte, habe ich hier bereits das nötige gesagt.

In den Jahren seit 2004 folgten dann für die Spezialeinheiten des FSB noch zahlreiche kleinere Einsätze, deren Ziel primär in der Zerschlagung festgestellter Terrorgruppen und der Festnahme ihrer Mitglieder bestand. Die Sicherheitskräfte konnten mittlerweile also von der Reaktion zur Aktion übergehen.

Diese kurze Darstellung der Einsätze seit 1991 soll hier und jetzt genügen. Im folgenden V. Teil der Spetsnaz-Reihe werde ich die Behandlung der Spezialkräfte des FSB abschließen und dabei die Organisation, Ausbildung und Ausrüstung der Einheiten thematisieren.



Hier sei mir bitte noch ein kurzer Exkurs gestattet. Wenn es in jedem regionalen „Low Intensity Conflict“ eine Art spezifischen „Modus operandi“ der irregulären Kräfte geben sollte, so ist das im Falle des Nordkaukasus zweifelsohne die Massengeiselnahme mit vielen hundert Betroffenen. Die Entwicklung dieser Massengeiselnahmen zeigt m.E. sehr gut auf, wie sich dieser Konflikt in den letzten 20 Jahren entwickelt hat. Bis in die zweite Hälfte der 1990er Jahre ging es noch um „nationale“ Ziele wie die Unabhängigkeit von der RF. Damals wollten die Teroristen Aufmerksamkeit erheischen, Geld erpressen, „die Russen“ demütigen – und zogen sich danach ins heimatliche Tschetschenien zurück (sofern man sie ließ). Dabei mußten nicht zwangsläufig viele Geiseln zu Schaden kommen und es war noch eine gewisse, bisweile auch zielführende zweiseitige Kommunikation möglich. Seit der Konflikt jedoch immer stärker religiös aufgeladen wurde (auch dank arabischen Emissären), kamen die Geiselnehmer, um an Ort und Stelle mit ihren Geiseln zu sterben. Einigermaßen rationale Verhandlungen waren damit fast unmöglich, denn ein Nachgeben im Hinblick auf die hochpolitischen Forderungen der Täter war natürlich von vornherein ausgeschlossen, wollte sich die Regierung der RF nicht erpreßbar machen. Dies führte dann fast zwangsläufig zu einem hohen Blutzoll bei der Beendigung der Geiselnahmen.



Bibliographie

P. Ewdokimow: „Alfa“. Istorija antiterrora, in: Bratischka 8/2009, S. 2 ff.

P. Ewdokimow: Polkownik speznasa, in: Bratischka 1/2010, S. 8 ff.

Kalendar „Bratischki“, in: Bratischka 6/2009, S. 78.

A. Michailow / D. Beljakow: „Eto nascha rabota“, in: Bratischka 8/2009, S. 52 ff.

G. Sajzew / P. Ewdokimow: Gruppa krowi „A“ (1), in: Bratischka 8/2007, S. 14 ff.

G. Sajzew / P. Ewdokimow: Gruppa krowi „A“ (2), in: Bratischka 9/2007, S. 32 ff.

M. Sotnikow: „Alfa“, stawschaja ego sudboj, in: Bratischka 9/2009, S. 28 ff.



Das erste Bild ist 1995 in Budjonnowsk entstanden, die Fotos 2 und 3 im Oktober 2003 in Moskau und die übrigen im September 2004 in Beslan.


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