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Dienstag, 18. Februar 2014

Afghanistan - einst und jetzt

Am Samstag jährte sich - hierzulande unbeachtet - der Abzug der Sowjetarmee aus Afghanistan zum fünfundzwanzigsten Mal. Am 15. Februar 1989 hatte die letzte Kolonne, geführt von Generalleutnant Boris Gromow, dem letzten Kommandeur der 40. Armee, die Grenzbrücke über den Amudarja überquert. Lediglich einige Einheiten der Grenztruppen blieben noch bis April 1989 auf der afghanischen Seite der gemeinsamen Grenze. Kurz danach wurde diese Grenzregion - nunmehr zwischen Afghanistan und den selbständigen Republiken Turkmenistan, Usbekistan und Tadshikistan verlaufend - zu einem neuen Schlachtfeld: Drogen und Heiliger Krieg wurden (und werden) aus dem zerrütteten Land nach Norden exportiert. Wesentlich verbessert hat sich die Lage auch nach dem NATO-Krieg ab 2001 kaum.

Das Jubiläum war in den Nachfolgestaaten der UdSSR Anlaß für zahlreiche Gedenkveranstaltungen. Der Fernsehkanal Rossija-1 hat dazu eine hundertminütige Doku von Andrej Kondraschow unter dem schlichten Titel "Afgan" gebracht:


Der Film ist eine abgeklärte Rückschau auf die Ereignisse jener Jahre. Zahlreiche Interviewpartner, sowohl aus der ehemaligen Sowjetunion als auch aus Afghanistan, berichten von ihren Erlebnissen. Für manche von ihnen scheinen die neun Jahre des Krieges die besten ihres Lebens gewesen zu sein, die durchaus mit einer gewissen Verklärung gesehen werden. So sagen z.B. ehemalige Mudschaheddin, die "Schurawi" (die Russen) wären wenigstens noch richtige Krieger gewesen, während die Soldaten der NATO, die heute das Land besetzt halten, feige seien, richtigen Kämpfen oft ausweichen würden und statt dessen ihre Drohnen schicken, gegen die man sich nicht wehren könne.

Andere Afghanen - mehrere Zehntausend von ihnen haben eine Berufsausbildung oder ein Studium in der Sowjetunion absolviert - meinen, die 1980er Jahre seien besser gewesen als die Gegenwart. Damals habe es fast keine Arbeitslosigkeit gegeben, es wurden zahlreiche Fabriken gebaut und die sowjetischen Soldaten hätten - anders als die der NATO - oft auch Gebrauch von den örtlichen Händlern, Handwerkern und Basaren gemacht und somit deren Gewerbe belebt. Die genannten Betriebe sind heute meist nur noch Ruinen, während die von der SU in Kabul errichteten Wohnviertel noch stehen und anscheinend eher zu den besseren Wohnlagen der Stadt gehören.

Die Afghanen können übrigens bis heute nicht verstehen, weshalb die zahlreichen muslimischen Soldaten und Offiziere aus den südlichen Sowjetrepubliken nicht in Scharen zu ihnen übergelaufen sind, sondern tapfer in der Sowjetarmee gekämpft haben.

Politisch brisant wird es, wenn der ehemalige Stabschef eines Feldkommandeurs der Mudshaheddin berichtet, daß sie bisweilen von Vertretern der sowjetischen Führung (z.B. Außenminister Eduard Schewardnadse) angerufen und vor bevorstehenden Militäroperationen gewarnt worden seien. Haben die "Reformer" im Kreml ihre eigenen Soldaten bewußt ins Messer laufen lassen? Ähnlich war es während des Ersten Tschetschenienkrieges 1994/96. Damals hatte der Oligarch, zeitweilige Chef des Sicherheitsrates der RF und spätere "politische Flüchtling", Boris Beresowskij, offizielle Regierungsdokumente an die Rebellen faxen lassen. Die Tschetschenen legten diese Dokumente in Verhandlungen ganz stolz den rußländischen Offizieren vor, weil jene die neuen Anweisungen aus Moskau bisher nur fernmündlich, nicht jedoch schriftlich kannten.

Doch zurück nach Afghanistan. Ein besonderer Interviewpartner von Kondraschow war der ehemalige CIA-Offizier Milton Bearden. Er hatte von 1986 bis 1989 sämtliche CIA-Operationen in Pakistan und Afghanistan geleitet und der zeitliche Abstand hat auch seine Zunge ein wenig gelockert. Bearden bestätigte zum einen den gewaltigen Umfang der Militärhilfe, welche die Gotteskrieger aus dem Ausland erhielten. Nicht nur aus den USA, auch aus Großbritannien, Frankreich, Italien, der BRD, Saudi-Arabien, China und anderen Staaten wurden Waffen, Ausrüstungsgegenstände und Instrukteure an den Hindukusch geschickt. Insgesamt sind mehrere Milliarden US-Dollar an ausländischen Steuermitteln zur Finanzierung des "Heiligen Krieges" aufgewandt worden.

Die Militärhilfe zugunsten der Mudschaheddin begann übrigens schon im Juli 1979, also fast ein halbes Jahr vor dem Einmarsch der Sowjetarmee am 27.12.1979. Daher ist es auch unzutreffend, sie als Reaktion auf den sowjetischen Einmarsch zu deklarieren.

Diese Informationen waren im wesentlichen bekannt. Wichtiger ist, daß Bearden mit den Märchen der westlichen Propaganda bezüglich des sowjetischen Afghanistanfeldzuges aufräumt. Mancherorts wird immer noch behauptet, die SU hätte gegen die Mudschaheddin Giftgas eingesetzt oder in Kinderspielzeug versteckte Sprengfallen aus Flugzeugen abgeworfen. Bearden bestätigt nun, daß dem nicht so war. Solche Geschichten seien hauptsächlich das Produkt der westlichen Presse, die immer etwas schreckliches berichten wollte. (Kennen wir auch aus der Gegenwart.)

Vergleicht man das sowjetische Engagement in Afghanistan mit dem der NATO seit 2001, so ergibt sich ein Bild, in dem die UdSSR nicht so schlecht dasteht:

1. Die NATO-Truppen waren wesentlich länger in Afghanistan als die sowjetischen (12 Jahre vs. 9 Jahre). Zudem war die maximale Personalstärke der NATO wesentlich höher als die sowjetische (140.000 vs. 104.000). Hinzu kommen die jeweiligen einheimischen Hilfstruppen in einer nominellen Stärke von mehreren hunderttausend Mann.

2. Die Gegner der NATO erhalten seit 2001 erheblich weniger ausländische Unterstützung als die Mudschaheddin der 80er Jahre. Damals wurden aus dem Ausland massiv Handwaffen, Sprengmittel, Flugabwehr- und andere Raketen an die afghanischen Rebellen geliefert. Und heute? Vielleicht ein bißchen was aus Pakistan und Katar, doch nennenswerte fremde Waffen- oder Ausbildungshilfe erhalten die Taliban nicht. Das politisch-strategische Gesamtumfeld ist für die NATO-Truppen mithin wesentlich günstiger als für die Sowjetarmee.

3. Wer sind überhaupt die Gegner der NATO-Truppen in Afghanistan? Die englische Wikipedia beziffert die Gesamtstärke von Taliban und Al-Quaeda auf einige zehntausend Mann. Demzufolge wäre ihnen die NATO sogar numerisch überlegen. Demgegenüber gab es in den 1980er Jahren bis zu 400.000 Mudshaheddin, d.h. die sowjetischen Truppen waren in der deutlichen Unterzahl.

4. Des weiteren hat die NATO Vorteile im Propagandakrieg. In den 1980er Jahren war die internationale Öffentlichkeit weitgehend gegen die Sowjetunion und für die Mudschaheddin eingestellt, doch wer unterstützt heute - außer ein paar Islamisten - öffentlich die Taliban?

Trotz dieser unbestreitbaren Vorteile hat es also auch die NATO unter Führung der Supermacht USA nicht vermocht, das Land am Hindukusch zu unterwerfen. Nun könnte man einwenden, die NATO sei in ihrer Kampfführung eben nicht so skrupellos wie die Sowjets, weshalb nennenswerte Erfolge ausblieben. Doch dem ist nicht so. Wie skrupellos muß man sein, um tausende Menschen, deren Involvierung in bewaffnete Banden oft nicht klar ist, mittels ferngesteuerter Flugapparate per Knopfdruck ins Jenseits zu befördern? 

Da sich nun auch der Einsatz der Bundeswehr in Afghanistan seinem Ende zuneigt, stellt sich die Frage nach dem Umgang mit diesem Einsatz in der deutschen Gesellschaft. Wird es in den Heimatorten Gedenktafeln für die (bis jetzt) 38 Gefallenen geben? Wird man Straßen und Schulen nach ihnen benennen? Oder werden sie weitgehend anonym bleiben, eben getötete Söldner, die ihr Dienstherr abschreiben mußte? Daran, wie insbesondere unsere politische Klasse, welche die Soldaten ins Feuer geschickt hat, mit diesem Thema umgehen wird, wird man viel über den Zustand Deutschlands ablesen können.

Und vor allem: Was werden die Einwohner Afghanistans in 25 Jahren über die NATO und ihre Art, Krieg zu führen, denken? Was wird von den zivilen Projekten der NATO bleiben? Und wie lange wird sich die Kabuler Regierung von Hamid Karzai nach dem Abzug der NATO-Truppen noch halten können? Mohammed Nadschibullah, der in einer vergleichbaren Lage war, blieb immerhin bis April 1992 in Amt und Würden.

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Donnerstag, 24. Mai 2012

"Bomben auf Baku"

Ein nur wenig bekanntes Kapitel aus der Geschichte des Zweiten Weltkrieges stellt der Historiker Günther Deschner in seiner Schrift „Bomben auf Baku“ vor. Es geht um nichts weniger als die 1939/40 entworfenen britisch-französischen Pläne für massive Angriffe auf die südliche Sowjetunion, namentlich die Kaukasusregion. Damit sollten zwei Ziele verfolgt werden. Zum einen ging es um ein Abschneiden der deutschen Rohstoffzufuhren (vor allem Erdöl und Erdölprodukte) aus der SU, zum anderen um die Fortsetzung jenes schon nach 1917 begonnenen „Kreuzzugs gegen den Bolschewismus“. Deschner stellt die alliierten Planungen völlig zu recht in den Kontext der Intervention der Westmächte während des russischen Bürgerkrieges (1918-1919) und zeigt so langfristige Kontinuitäten des politischen Denkens auf, die teilweise bis heute fortwirken.

Konkret waren zunächst Luftangriffe gegen Industriezentren im Kaukasus geplant. Diese sollten durch Geheimdienstoperationen ergänzt werden, mithilfe derer bewaffnete Aufstände unter der dort lebenden Bevölkerung ausgelöst werden sollten. Schließlich waren auch Vorstöße zu Lande geplant, für die allein französischerseits eine Streitmacht von 150.000 Mann – vollmotorisiert! – zur Verfügung stand. Ins Werk wurde davon jedoch nichts gesetzt, doch fehlten die modernen Kampfflugzeuge und mechanisierten Verbände im Frühjahr 1940 während des Kampfes um Frankreich. Im Ergebnis waren die Planungen also nichts als eine große Diversion – allerdings nicht vom Gegner, sondern von den alliierten Generalstäben durchgeführt.

Deschner zeigt auf, daß das Kriegsbündnis der Jahre 1941 bis 1945 keineswegs natürlich war und auch andere Konstellationen denkbar gewesen wären. Des weiteren wird deutlich, daß die europäischen Großmächte keineswegs alle so friedliebend waren, wie sie sich selbst in der Rückschau gerne sehen. Und – das macht den aktuellen Wert des Buches aus – es werden jene westlichen Denkmuster hinsichtlich Rußlands aufgezeigt, die auch heute noch sehr oft anzutreffen sind, trotz alle Beteuerungen des Gegenteils.
Das führt zu einem weiteren, rein historischen Punkt: Da die Staatsführung der UdSSR von Deutschland über die Angriffspläne informiert worden war, baute sich bei ihr ein Mißtrauen gegenüber den Westmächten auf, das bis zum Kriegsende nicht abgebaut werden konnte. Ferner zeigt sich, daß um das Jahr 1940 herum von einem festgefügten völkerrechtlichen Verbot des Angriffskrieges keine Rede sein konnte.

Das Thema ist freilich nicht ganz neu und wurde bereits 1973 auch vom Spiegel aufgegriffen.


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Montag, 3. Oktober 2011

Der Schießstand in Mytischtschi




Es gibt einen sowjetischen Actionfilm über die Zeit des Zweiten Weltkrieges, der eine eigenartige Eingangsequenz aufweist. Parallel zur Vorstellung der Schauspieler werden Bilder aus verschiedenen Sportarten gezeigt. Ferner führt einer der Soldaten eigenartige Schießkunststücke vor. Der Film heißt "Otrjad osobogo nasnatschenija" (dt.: Abteilung besonderer Bestimmung oder einfach Sonderabteilung) und stammt aus dem Jahre 1978. Die Handlung läßt sich kurz zusammenfassen: Eine kleine Gruppe von Spezialkämpfern wird hinter den deutschen Linien abgesetzt, um einen beim Rückzug zurückgebliebenen Raketenwerfer vom Typ "Katjuscha" zu zerstören. Das ist durchaus spannend, doch viel interessanter finde ich die Vorstellung der Soldaten in den ersten Minuten des Films (siehe obiges Video). Die Einheit besteht nämlich fast ausschließlich aus Leistungsportlern verschiedener Disziplinen. Und eine solche Spezialeinheit hat es in der SU tatsächlich gegeben.

Im Juni/Juli 1941 wurde in Moskau die Selbständige Motorisierte Schützenbrigade besonderer Bestimmung (russ. Abk.: OMSBON) vom NKWD formiert. Das Personal bestand größenteils aus Freiwilligen, an denen damals kein Mangel bestand, darunter viele Studenten und Sportler aus Moskau und Umgebung. Dies bescherte ihr den Spitznamen "sportliche Spezialeinheit". Später erreichte die Brigade eine Stärke von rund 2500 Mann und gliederte sich in zwei Schützenregimenter plus Unterstützungseinheiten. Obwohl die Organisation recht konventionell war, nahm die OMSBON nicht nur an der Schlacht um Moskau Ende 1941 teil, sondern stellte vor allem Aufklärungs- und Diversionsgruppen auf, die hinter die deutschen Linien verbracht wurden, um dort den kleinen Krieg zu führen. Anfang 1943 wurde die Brigade in dieser Form aufgelöst.

Am 9. Mai 2011 trafen sich die OMSBON-Veteranen im Moskauer Dynamo-Stadion, um ihrer gefallenen Kameraden zu gedenken:





Der bulgarische Emigrant Iwan Winarow, der seit den 1930er Jahren Offizier der Roten Armee war und dort in der Auslandsaufklärung diente, beschrieb die Aufstellung der Brigade in seinen Memoiren wie folgt:
"[…]

Das Internationale Regiment der Sonderbrigade zählte am Anfang nicht ganz tausend Soldaten. Fast ein Drittel, etwa dreihundert Genossen, waren spanische Emigranten. Die anderen waren Tschechoslowaken, Polen, Österreicher, Ungarn, Jugoslawen, Deutsche, sechs Vietnamesen, Franzosen, Finnen. Es gab sogar einige Engländer im Regiment, Mitglieder der Kommunistischen Partei Großbritanniens, die der Krieg auf einer Moskaureise überrascht hatte. Die österreichischen Genossen stellten nach den Spaniern die stärkste Gruppe. […]

Die Zusammensetzung des Regiments änderte sich ständig. Immer noch trafen im Winter 1941 ausländische Genossen in Moskau ein, die ihre Parteiführungen von Baustellen und Instituten des ganzen Landes riefen. Andere Genossen stellten wieder nationale Brigaden auf, Grundstock für die Bruderarmeen, die später an der Seite der Roten Armee den Kampf gegen die Aggressoren aufnahmen. […]

Das zweite Regiment der Sonderbrigade stellten Moskauer Partei- und Komsomolfunktionäre, Mitarbeiter der Aufklärung und Gegenaufklärung sowie Mitglieder der Moskauer Sportorganisation „Dynamo“. Zu diesen Truppenteilen gehörten also hochqualifizierte, militärisch gutausgebildete und für Sonderaufgaben vorbereitete Genossen, die jeden Auftrag erfüllen konnten. Welche Aufgaben hatten sie?

Ursprünglich war die Sonderbrigade zur Sicherung Moskaus aufgestellt worden. Später änderte sich die Lage an der Front und damit auch die Aufgabe. Die Brigade wurde größer und verwandelte sich in eine Basis für die Ausbildung der Kundschafter- und Fallschirmgruppen, die hinter der Front wirkten. Sie entwickelte sich auch zu einer Zentrale für die Koordinierung, Hilfe und Organisation der Partisanenbewegung im Rücken des Feindes.
Im Oktober/November [1941] hatte die Brigade nur eine einzige Aufgabe, die Verteidigung der sowjetischen Hauptstadt.

Unter der Leitung der Kommunistischen Internationale, der Militäraufklärung und des Volkskommissariats für innere Angelegenheiten wurde die Sonderbrigade in kurzer Zeit vervollständigt, organisiert und ausgerüstet. Kommandeur der Brigade wurde M. F. Orlow, der als Kommunist schon am Bürgerkrieg teilgenommen hatte, Kommissar Oberst A. A. Maximow und Stabschef Oberstleutnant F. J. Sedlowski. Kommandeur des Internationalen Regiments wurde W. W. Gridnew und ich wurde Kommissar. Die meisten Offiziere der Brigade kannte ich von der „Frunse“-Akademie oder aus der gemeinsamen Arbeit in der Verwaltung Aufklärung.

Die Sonderregimenter waren in den Gebäuden der Volkskommissariate für Verteidigung und für Innere Angelegenheiten stationiert und taten dort ständig Dienst.
Als sich die faschistischen Truppen Moskau unmittelbar näherten, ging auch die Sonderbrigade an die Front. Ihr Abschnitt war etwa 30 Kilometer breit und einen Kilometer tief. Der Stab der Sonderbrigade befand sich in einem Raum des Hauses der Gewerkschaften.

[…]" (I. Winarow: Kämpfer der lautlosen Front, 3. Aufl., Berlin 1984, S. 215 f.)



Ein erstes Konzept für den Einsatz von Spezialkräften im Rücken des Gegners hatte im Sommer 1941 der Schriftsteller und frühere Nachrichtendienstoffizier Dmitrij N. Medwedew vorgelegt. Medwedew hatte 1939 ausscheiden müssen, nachdem sein Bruder den stalinschen Repressionen zum Opfer gefallen war; erst nach Kriegsbeginn wurde er reaktiviert. Ins Werk gesetzt wurde sein Konzept u.a. von Wjatscheslaw Gridnew, zunächst Chef des 1. Regiments und ab August 1942 der gesamten Brigade. Gridnew hatte zuvor in den Grenztruppen und der Auslandsaufklärung des NKWD gedient.

Die ersten Ausbildungsbasen für die Soldaten der OMSBON waren das Moskauer Dynamo-Stadion und die Schießanlage in Mytischtschi, welche nordöstlich der Hauptstadt liegt und ebenfalls zur Sportorganisation Dynamo gehörte. Der Schießstand war 1925 errichtet worden und diente vor allem dem Schießtraining von Polizisten. In der Kriegszeit dominierte die militärische Nutzung, während danach die sportliche in den Vordergrund trat. Nach der OMSBON hielt eine Scharfschützenschule auf dem Gelände Einzug. Auch in den Folgejahren haben auf den dortigen Bahnen z.B. die Scharfschützen der Spezialgruppe "Alfa" trainiert.



Die Trennlinie zwischen reinem Schießsport und vormilitärischen Training wurde in der Sowjetunion und anderen osteuropäischen Staaten ohnehin nie so stark gezogen wie etwa in Deutschland. Während man in der UdSSR (und heute in ihren Nachfolgestaaten) in jedem guten Schützen einen potentiellen Vaterlandsverteidiger
erblickt, war man selbst in der DDR um eine strikte Unterscheidung bemüht. Aufschlußreich sind in dieser Hinsicht verschiedene Artikel, die in den Jahren 1958 bis 1960 in der Zeitschrift Der Sportschütze erschienen sind. Viele ostdeutsche Schützen wollten vor allem unpolitische und unmilitärische Nur-Sportler sein. (Vgl. insbesondere W. Schöer: Scharfschütze oder Sportschütze?, in: Der Sportschütze 8/1958, S. 20.)

Doch zurück nach Mytischtschi. Dieser Schießstand hatte für den sowjetischen Sport eine große Bedeutung und war fast schon legendär (insoweit paßt der Vergleich mit dem Stand in München-Hochbrück). Nach größeren Umbauten wurde hier die UIT-Weltmeisterschaft 1958 ausgetragen. 1980 folgten die Schießwettbewerbe der Olympischen Sommerspiele und 1990 erneut die ISSF-WM. Die Anlage war eine der größten ihrer Art in der UdSSR; dort wurden zahlreiche nationale und internationale Wettkämpfe ausgetragen. Ferner waren und sind dort zahlreiche Schießklubs beheimatet.

Nach dem Ende der UdSSR begann eine Odyssee um das Gelände, das zwischenzeitlich unter obskuren Umständen mehrfach die Besitzer gewechselt hat und heute der Errichtung von Luxusvillen dient. Der Schießbetrieb wurde schon vor Jahren weitgehend eingestellt und die Schießstände verfielen oder wurden sogar abgerissen. Derzeit wird ein Rechtsstreit mit dem Ziel geführt, die Anlage an Dynamo zurückzugeben und wieder für den Schießsport herzurichten. Ob dieses Unterfangen trotz eines positiven Gerichtsurteils vom April 2010 gelingen wird, bleibt abzuwarten. Immerhin haben es die Moskauer im Oktober letzten Jahres geschafft, eine Demonstration für die Wiederherstellung des Schießstandes zu organisieren (siehe auch das Video unten).





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Freitag, 20. Mai 2011

Die ukrainischen Nationalisten

Der Reichsführer-SS, Heinrich Himmler, inspiziert die großteils aus ukrainischen Freiwilligen gebildete 14. Waffen-Grenadier-Division der SS "Galizien".


Im April haben die Kollegen vom Jagdwaffennetz einen Artikel über den "ukrainischen und baltischen Widerstand unter sowjetischer Besetzung" publiziert. Da das Thema auch meine Forschungsinteressen berührt, sehe ich mich genötigt, nachfolgend einige Anmerkungen zu machen, die sich nur auf die Ukraine beziehen.

Das Problem der ukrainischen Nation

Die Ukraine in ihrer heutigen Gestalt hat ein Problem mit ihrer Identität. Niemand weiß so recht, was den "typischen Ukrainer" ausmacht. Ist es die nach der Auflösung der UdSSR begründete Staatsbürgerschaft des neuen Staates? Oder ist es vielmehr die kulturelle, sprachliche und z.T. auch konfessionelle Identität der "Kleinrussen", insbesondere in jenen Landesteilen, die vor 1918 zu Österreich-Ungarn gehört hatten? Insofern ließe sich vielleicht besser von einem westukrainischen Nationalismus sprechen. Ausdruck dessen ist die regelmäßig festzustellende Spaltung des Landes, etwa bei Wahlen.

Stepan Bandera

Bandera, einer der bekanntesten Führer von OUN und UPA, ist auch in der Ukraine mitnichten ein vollumfänglich verehrter Nationalheld, auch wenn der frühere Präsident Juschtschenko ihm diesen Titel posthum verliehen hat. Seine Anhängerschaft beschränkt sich weitgehend auf der Westteil des Landes.


Gedenkgottesdienst für Stepan Bandera im Jahr 2010.


OUN/UPA und Juden

Dieses Thema sollte man nicht auf die Frage verengen, ob und wenn ja, inwieweit Angehörige des Bataillons "Nachtigall" im Sommer 1941 an Pogromen in Lemberg beteiligt waren. Unstrittig ist, daß es dort nicht nur zur Ermordung von Gefangenen durch die abziehenden sowjetischen Sicherheitskräfte gekommen ist. Vielmehr hat es in Lemberg wie an zahlreichen anderen Orten in der Westukraine mehr oder minder spontane Pogrome gegen jüdische Einwohner gegeben. Diese Pogrome wurden nach derzeitigem Forschungsstand zwar i.d.R. nicht direkt von den Deutschen initiiert, aber wohlwollend geduldet. Zweifelsohne haben OUN-Aktivisten und -Sympathisanten dabei eine maßgebliche Rolle gespielt, war doch der Antisemitismus einer der Eckpfeiler ihrer Ideologie.
(Vgl. auch Breitman/Goda, S. 74 f., 90; das Thema wird derzeit gründlich erforscht, entsprechende Publikationen sind geplant.)

Ferner darf die Rolle von OUN-Mitgliedern, insbesondere aus dem Zweig von Andrej Melnik, in der von den Deutschen gebildeten ukrainischen Verwaltung und Polizei ("Schutzmannschaft") nicht unterschätzt werden. Hier haben sie ihrem Haß auf den "jüdischen Bolschewismus" freien Lauf lassen und an der Judenvernichtung mitarbeiten dürfen. Für Taten in diesem Zusammenhang wurde in München kürzlich John Demjanjuk zu einer Haftstrafe verurteilt. Des weiteren haben Tausende Westukrainer in der 14. SS-Waffen-Grenadier-Division "Galizien" gedient. Diese waren zahlreich an Kriegsverbrechen beteiligt. Hinzu kommt das spätere Vorgehen von Kämpfern der UPA gegen Juden, als erstere schon nicht mehr in deutschen Diensten standen.

OUN/UPA und Polen

Der bewaffnete Kampf der ukrainischen Nationalisten richtete sich selbstverständlich auch gegen den polnischen Staat, beherrschte dieser doch einen Teil des ukrainischen Territoriums. Polen stellte dort - traditionell - die Oberschicht. So wurde Bandera im Jahre 1934 wegen der Beteiligung an einem Attentat auf den polnischen Innenminister zum Tode verurteilt. Dementsprechend negativ fiel die amtliche polnische Reaktion auf den Heldentitel für Bandera aus.

Während des Zweiten Weltkrieges wurden von der UPA Gruppen des polnischen Untergrundes bekämpft. Ab 1943 sind UPA-Kämpfer, nachdem die meisten Juden weg waren, auch verstärkt gegen die polnische Bevölkerung in "ihren" Gebieten vorgegangen sind. Heute würde man das wohl als ethnische Säuberung bezeichnen. Deshalb war ich überrascht, als das Jagdwaffennetz davon sprach, UPA und Heimatarmee hätten miteinander kooperiert. Womöglich handelt es sich um eine nachträgliche "Geschichtsglättung" aus der Zeit des Kalten Krieges, als es darum ging, frühere Feindschaften dem Kampf gegen den Kommunismus unterzuordnen.

In seiner Position zum ukrainischen Nationalismus hat sich der polnische Staat der Jahre 1944 ff. nicht von dem vor 1939 unterschieden. Um den Aufstand der UPA niederzuwerfen, wurden u.a. Ukrainer aus den östlichen Gebieten der Volksrepublik Polen im Rahmen der Aktion "Weichsel" in andere Landesteile deportiert.

OUN/UPA und ausländische Nachrichtendienste

Die ukrainischen Nationalisten hatten nach 1945 kaum Schwierigkeiten, sich im beginnenden Kalten Krieg auf die richtige Seite zu schlagen. Ihr Feind blieb der gleiche, auch wenn es jetzt untunlich war, weiter gegen Juden zu agitieren. Und die amerikanischen Nachrichtendienste griffen zunächst dankbar auf die erfahrenen Widerstandskämpfer/Terroristen zurück, um Aufklärungs- und Kampfaufträge innerhalb der UdSSR auszuführen. Die US-Dienste zogen sich jedoch recht bald von Bandera zurück, den sie für nicht vertrauenswürdig hielten. Zudem finde seine Ideologie innerhalb der Ukraine kaum noch Unterstützung. Statt dessen setzten die USA auf andere Fraktionen der ukrainischen Emigration, während Bandera vom britischen MI 6 eingespannt wurde.
(Ausführlich hierzu Breitman/Goda, S. 73 ff.)


Aktivisten der OUN-Nachfolgeorganisation Kongreß ukrainischer Nationalisten zeigen den Hitlergruß.


Annotierte Bibliographie

Breitman, R. / Goda, N.: Hitler's Shadow - Nazi War Criminals, U.S. Intelligence and the Cold War, hrsg. v. Nationalarchiv der USA
(ein Kapitel über die ukrainischen Nationalisten im 2. WK und den Jahren des kalten Krieges)

Figes, Orlando: Die Tragödie eines Volkes - Die Epoche der russischen Revolution 1891-1924, Berlin 2008
(Herausbildung der ukrainischen Identität im 19. Jahrhundert)

Rossolinski-Liebe, Grzegorz: The "Ukrainian National Revolution" of 1941 - Discourse and Practice of a Fascist Movement, in: Explorations in Russian and Eurasian History, vol. 12, no. 1 (Winter 2011), S. 83 ff.
(Ideologie und Struktur der OUN 1941)

Schünemann, Manfred: Zur aktuellen Situation in der Ukraine, 17.11.2010

Stöver, Bernd: Die Befreiung vom Kommunismus - Amerikanische Liberation Policy im Kalten Krieg 1947-1991, Köln 2002
(sehr umfangreiche Darstellung über u.a. antikommunistische Emigrantengruppen, deren Innenleben, Aktivitäten einschließlich Propaganda sowie die Finanzierung und Steuerung durch amerikanische Dienststellen)



Ukrainische Nationalisten stören in Lemberg die Gedenkveranstaltungen anläßlich des Kriegsendes am 09.05.2011


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Spetsnaz XII: KGB-Truppen in der DDR

Samstag, 19. Februar 2011

Spetsnaz XII: KGB-Truppen in der DDR

Vor kurzem bin ich während eines Besuchs im Deutsch-russischen Museum Karlshorst auf zwei dort ausgestellte Urkunden aufmerksam geworden, die nicht recht in das Gesamtbild der Gruppe der sowjetischen Streitkräfte in Deutschland (GSSD) passen. Mit der Urkunde Nr. 1 wurde ein Soldat belobigt, wobei darauf das Konterfei von Feliks Dzierżyński, dem Gründer der sowjetischen Tscheka, abgebildet ist. Urkunde Nr. 2 war für den Sieger in einem Sportwettkampf – allerdings prangt darauf nicht das Wappen des Armeesportklubs, sondern der Sportorganisation Dynamo, in der vor allem Angehörige der anderen Sicherheitsbehörden organisiert waren. Beide Urkunden waren im Truppenteil mit der Feldpostnummer (w/tsch p/p) 70803 ausgestellt worden. Eine daran anknüpfende Recherche ergab, daß es sich dabei um das 105. Regiment des KGB gehandelt hat (dazu unten ausführlich).

Dieses Regiment war nicht die einzige in der DDR stationierte sowjetische Militäreinheit, welche nicht dem Verteidigungsministerium, sondern dem Komitee für Staatssicherheit (KGB) unterstand. Da selbige Truppenteile kaum bekannt waren (und es bis heute sind), sollen sie nachfolgend kurz vorgestellt werden – auch wenn es sich um eine rein historische Darstellung handelt. Die Strukturen der sowjetischen Sicherheits- und Nachrichtendienste in Ostdeutschland werden hierbei nur am Rande gestreift.


Kontrollpunkt eines Postens der NKWD-Truppen an der „Straße des Lebens“ (nahe Leningrad, ca. 1942/43).


Truppen des NKWD/MWD in der SBZ und frühen DDR

Während der Frühjahrsoffensive der Roten Armee 1945 kamen auch Einheiten der Truppen des Volkskommissariats für Innere Angelegenheiten der UdSSR (russ.: Wojsk NKWD SSSR) nach Deutschland. Bei den Oberbefehlshabern der Fronten waren Stäbe für die Sicherung des Hinterlandes gebildet worden, die mit Personal aus dem NKWD besetzt waren und denen die NKWD-Einheiten unterstanden. Deren Aufgaben waren insbesondere die Bewachung deutscher Kriegsgefangener, die Zerschlagung noch intakter deutscher Militäreinheiten, die sich bisher der Roten Armee entzogen hatten, die Bekämpfung zurückgebliebener Aufklärungs- und Diversionskräfte (Stichwort: Werwolf) und das Vorgehen gegen Plünderer und Marodeure (insbesondere aus den eigenen Reihen). Kurzum: Sie sollten für Ruhe und Ordnung im Rücken der sowjetischen Front sorgen und ein Aufflammen des von der NS-Propaganda angekündigten Partisanenkrieges verhindern.

Bei Kriegsende im Mai 1945 waren vier verschiedene Sicherheitsbehörden der UdSSR im besetzten Deutschland angekommen. Erstens die militärische Spionageabwehr Smersch, die es doppelt gab – einmal in der Roten Armee und einmal in der Seekriegsflotte. (Smersch existierte von 1943 bis 1946 war während der Sowjetzeit die einzige Abwehrorganisation, die innerhalb der Streitkräfte arbeitete und dabei nicht einer Behörde außerhalb des Militärs unterstand.) Drittens das Volkskommissariat für Staatssicherheit (NKGB), ab 1946 Ministerium (MGB). Dieses war 1943 (wieder-)gegründet worden und umfaßte die zivile Spionageabwehr, die politische Auslandsaufklärung und weitere polizeiliche und nachrichtendienstliche Funktionen. Viertens das Volkskommissariat für Innere Angelegenheiten (NKWD), ab 1946 ebenfalls Ministerium (MWD). Hinzu kam später noch die Abteilung Inneres der Sowjetischen Militäradministration in Deutschland (SMAD), welche für den Aufbau und die Kontrolle der deutschen Verwaltungsbehörden einschließlich der Polizei verantwortlich war.


Berlin-Karlshorst, 8. Mai 1945: Soldaten des 105. Grenzregiments sichern das Gelände der Wehrmachtspionierschule, in dem die Kapitulation der deutschen Streitkräfte unterzeichnet wird.


Das NKWD/MWD war in der Sowjetunion zu dieser Zeit ein „Gemischtwarenladen“, dem verschiedenste Behörden unterstanden: Die allgemeine Schutz-, Verkehrs- und Kriminalpolizei (Miliz), der Grenzschutz, die Inneren Truppen (eine Art Bereitschaftspolizei), die Straflager (GULag), die Kriegsgefangenenlager (GUPWI), die Feuerwehr, der Luftschutz (MPWO), das Paß- und Meldewesen, die Standesämter u.a. Somit ist es unzutreffend, vom NKWD ausschließlich als einer „Geheimpolizei“ zu sprechen, zumal dieses Tätigkeitsfeld 1943 in das NKGB ausgelagert worden war. Der stellvertretende Volkskommissar für innere Angelegenheiten Iwan Serow war in den Jahren 1945/46 die maßgebliche Figur im sowjetischen Sicherheitsapparat in Deutschland. Ihm unterstanden (in diversen Funktionen) sämtliche der genannten Behörden.

Von den genannten Sicherheitsbehörden verfügte nur das NKWD über einen militärischen Zweig in Gestalt der Grenz- und Inneren Truppen. Mithin wurden personalintensive Sicherheitsaufgaben in der Sowjetischen Besatzungszone Deutschlands (SBZ) diesen Einheiten übertragen. Im Frühjahr 1945 waren dies noch die o.g. Aufgaben, hinzu kam noch der allgemeine Polizeidienst, da die deutschen Sicherheitsstrukturen aufgehört hatten, zu existieren. Des weiteren oblag ihnen die Überwachung der Demarkationslinien zwischen den Besatzungszonen (einschließlich der neuen deutschen Ostgrenze) sowie die Bewachung von Internierten, die gem. Besatzungsrecht in den Speziallagern untergebracht wurden*.


Rekonstruktion der Uniform eines Offiziers der Grenztruppen (1943/45). Man beachte die charakteristische grüne Mütze.


In den Jahren 1946/47 erfolgte nach der Abberufung Serows eine Diversifizierung der sowjetischen Sicherheitsorgane in der SBZ. Die militärische Gegenspionage Smersch wurde aufgelöst und in das Ministerium für Staatssicherheit integriert. Das MWD verlor die meisten Kompetenzen in der SBZ; seine polizeilich-nachrichtendienstlichen Strukturen, die zeitweise parallel zu denen des MGB existiert hatten (inkl. Gefängnissen) wurden aufgelöst bzw. in das MGB überführt. Der große Gewinner dieser Reorganisation war also das MGB.
Dem MWD verblieben die Lager sowie einige Aufsichtskompetenzen sowie die besagten Truppenteile, die nunmehr alle zu den Inneren Truppen gezählt werden. Ende 1946 befanden sich 7 Regimenter des MWD (ca. 8.000 Mann) in der SBZ; 1947 waren es nur noch ca. 5.500 Mann. Diese Reduzierung hängt auch mit dem Aufbau deutscher Polizeikräfte zusammen, die viele der bisher den MWD-Truppen obliegenden Aufgaben übernahmen. Formell gehörten letztere zwar noch zum Innenministerium, operativ unterstanden sie in der SBZ jedoch ausschließlich Dienststellen des MGB. Versorgt wurden sie über die Gruppe der sowjetischen Besatzungstruppen (GSBT), also über das Verteidigungsministerium.


Die erste Fahne des 105. Grenzregiments.


Zwischen 1945 und 1957 waren verschiedene Einheiten der Truppen des NKWD/MWD/MGB in Ostdeutschland stationiert. Am 01.07.1945 gab es noch 11 Grenzregimenter, bis zum 01.01.1947 hatte sich diese Zahl auf 5 reduziert. Zu Beginn der 1950er Jahre waren es wieder mehr geworden (1953: 10 Schützenregimenter der Inneren Truppen). Am 15.06.1956 unterstanden der Verwaltung der Inneren Truppen des MWD in der DDR noch 5 Schützenregimenter, 1 selbständiges Mot. Schützenbataillon, 1 Ausbildungsregiment, 1 Fernmeldebataillon, 1 Musikkorps sowie kleinere Unterstützungseinheiten. Ein Jahr später wurde diese Verwaltung aufgelöst; die unterstellten Einheiten verlegten zumeist wieder in die Sowjetunion oder wurden ebenfalls aufgelöst.

Da die Inneren Truppen faktisch die Exekutivorgane des MGB-Apparates waren, wurden sie entsprechend ihrer o.g. Aufgaben sehr dezentral eingesetzt. Beispielsweise gehörten im Jahre 1947 zwanzig MWD-Soldaten zur MGB-Operativgruppe Neuruppin; im übrigen bestand diese Gruppe, die für einen Kreis zuständig war, aus 8 operativen MGB-Offizieren, 8 Dolmetschern sowie weiterem Hilfspersonal.


Soldaten und Offiziere des 105. Regiments während eines Ausflugs in den Potsdamer Parks (1967).


Die soeben gemachten Ausführungen vermitteln nur einen groben Überblick über die Entwicklung des sowjetischen Sicherheitsapparates in der SBZ bzw. DDR. Zur Vertiefung sei u.a. auf die Texte von Foitzik, Kozlov und Petrov verwiesen. Innerhalb der UdSSR folgten bis zum Ende der 1950er Jahre verschiedene Reorganisationen, die sich insbesondere in den Namen und der Zuordnung der hier behandelten Militäreinheiten niederschlugen. So wurde 1953 nach Stalins Tod das MGB aufgelöst und wieder in das MWD integriert. Ein Jahr später wurde dieser Schritt wieder rückgängig gemacht, nachdem der früher fast allmächtige Sicherheitschef Lawrentij Berija hingerichtet worden war. Im Jahr 1954 erfolgte die Gründung des Komitees für Staatssicherheit (KGB) als De-facto-Ministerium. Die Inneren Truppen waren seit 1947 dem MGB unterstellt, bevor sie wieder in den Geschäftsbereich des MWD zurückkehrten.

Bis Mitte der 1950er Jahre wurde der Umfang des sowjetischen Sicherheitsapparates in der DDR immer weiter reduziert und die ihm obliegenden Aufgaben an ostdeutsche Dienststellen übertragen. Infolgedessen haben fast alle hier dislozierten Truppenteile des MWD/MGB die DDR verlassen. Im folgenden soll es um jene gehen, die auch danach noch in Ostdeutschland stationiert waren.


Eine Funkstation der Nachrichtenkompanie des 105. Rgt. in den frühen Jahren.


Das 105. Regiment

Aufgestellt wurde das 105. Grenz-Regiment der Truppen des NKWD am 26. Januar 1942 im belagerten Leningrad. Seine Hauptaufgabe bestand in der Sicherung der im Winter 1941/42 eingerichteten „Straße des Lebens“, über die die nahezu vollständig eingeschlossene Stadt versorgt wurde. Ferner wurden – wie in vielen Einheiten des NKWD, die nicht unmittelbar an der Front eingesetzt waren, üblich – Scharfschützengruppen aufgestellt, die temporär verschiedenen Verbänden der Roten Armee unterstellt waren und mit ihnen gemeinsam kämpften**. Im Verlauf des Krieges sollen die Scharfschützen des 105. Regiments insgesamt 6957 gegnerische Soldaten getötet haben.

Im Sommer 1942 verlegte das Regiment an die Wolchow-Front; 1944 kam es im Zuge des Vormarsches der 3. Baltischen Front während der Rigaer Operation nach Pskow und Riga. Dort war das unmittelbare Hinterland der sowjetischen Truppen zu sichern. Im Sommer 1944 wurde das 105. Grenzregiment nach Weißrußland in den Raum Grodno befohlen. In dieser Region galt es vor allem, die tausenden deutschen Soldaten, die infolge der Operation Bagration nunmehr weit hinter der Frontlinie zurückgeblieben waren, „einzusammeln“ und in Kriegsgefangenenlager zu verbringen. Außerdem waren vor dem Rückzug der Wehrmacht sowohl in der Ukraine als auch in Belorußland zahlreiche Agenten deutscher Nachrichtendienste zurückgelassen worden, die ausfindig gemacht werden sollten.



Im März 1945 wurde das Regiment der auf Berlin marschierenden 1. Belorussischen Front von Marschall Shukow unterstellt. Hier bestanden die Aufgaben wieder in der Eskortierung deutscher Kriegsgefangener und der allgemeinen Sicherung des Hinterlandes, etwa durch die Bewachung von Brücken und Kraftwerken. Ende April 1945 verlegte das 105. Grenzregiment im Eilmarsch in den Raum Berlin; Anfang Mai befand sich der Regimentsstab in Friedrichsfelde. Der NKWD-Bevollmächtigte dieser Front, der oben bereits erwähnte Iwan Serow, hatte von Stalin persönlich den Befehl erhalten, nach Hitler und den anderen „Granden“ des Dritten Reiches zu fahnden. Zu diesem Zweck wurden von Serow auch Einheiten des 105. Regiments eingesetzt. Die Soldaten nahmen somit in vorderster Linie an der Erstürmung von Reichstag und Reichskanzlei teil. Ferner bewachten sie das Gelände der Pionierschule in Berlin-Karlshorst während der Unterzeichnung der deutschen Kapitulation am 8. Mai 1945. Dabei ergab es sich, daß der Federhalter des Generalfeldmarschalls Keitel seinen Dienst versagte und ihm der im 105. Grenzregiment dienende Sergeant Bergin einen Kugelschreiber reichen mußte.

Für Verdienste während des Zweiten Weltkrieges hat das 105. Grenzregiment den Rotbannerorden, den Orden des Roten Sterns sowie den Ehrennamen „Rigaer“ erhalten; weiters wurden 4320 seiner Soldaten mit Orden und Medaillen geehrt.


Auf dem Hof der Kfz-Kompanie in Rummelsburg.


Nach der Kapitulation änderten sich die Aufgaben des Regiments, das zu dieser Zeit aus 3 Bataillonen bestand, ein wenig. Seine Soldaten übernahmen allgemeine Polizeifunktionen im Stadtgebiet von Berlin, bewachten und eskortierten Kriegsgefangene und versuchten, den Exzessen ihrer Kameraden Einhalt zu gebieten. Im Frühjahr 1945 wurde dazu das Stadtgebiet Berlins in verschiedene Sektoren eingeteilt, die jeweils einem NKWD-Regiment zugewiesen worden. Die Soldaten des 105. patrouillierten laut einem Befehl vom 17.05. in Lichtenberg, Friedrichsfelde und Karlshorst, im August waren sie dann für Weißensee, Lichtenberg, Pankow und Prenzlauer Berg verantwortlich.

Ab Ende Oktober – Berlin war mittlerweile eine Vier-Sektoren-Stadt geworden – übernahmen Teile des 105. Grenzregiments die Kontrollen zwischen dem sowjetischen Sektor von Groß-Berlin und der SBZ. Ferner wurden Mannschaften zur Unterstützung von Operativgruppen der Smersch gestellt.
1949 hatte sich die Tätigkeit des 105. Schützenregiments der Inneren Truppen schon sehr stark auf die Sicherung sowjetischer Dienststellen in Berlin und dessen Umland konzentriert.
In den folgenden Jahren befanden sich große Teile des Regiments in Berlin-Weißensee, um 1963 nach Karlshorst „zurückzukehren“.


Ausbildung im Gelände.


Bis zum Abzug des 105. Regiments aus dem wiedervereinigten Deutschland wurde es mehrfach umbenannt, wobei lediglich die Ordnungsnummer erhalten blieb. Zunächst 105. Grenzregiment, schon kurz nach Kriegsende 105. Schützenregiment der Inneren Truppen, danach 105. Motorisiertes Schützenregiment der Inneren Truppen, sodann 105. Spezial-Regiment des KGB, später wohl wieder 105. Mot. Schützenregiment des KGB und zum Schluß (seit 1989) 105. Spezial-Abteilung bzw. 105. Grenzabteilung.
Mit der letzten Namensänderung kehrte die Einheit auch formal wieder zu den Grenztruppen zurück. De facto und de jure waren die dort dienenden Soldaten seit 1958 immer „Pogranitschniki“ gewesen, doch waren sie während ihres Aufenthaltes in der DDR als reguläre Soldaten der Sowjetarmee getarnt. Statt der Grenzeruniform wurde die der motorisierten Schützen der Landstreitkräfte getragen, inkl. aller Effekten. Außenstehende wurden lediglich stutzig, als sie bemerkten, daß diese Soldaten nicht den Tag der Sowjetarmee (23. Februar), sondern den Tag des Grenzsoldaten am 28. Mai festlich begingen.

Die Jahre 1957/58 brachten größere Veränderungen für das 105. Regiment. Zum einen wurde im Februar die Verwaltung der Inneren Truppen des MWD in der DDR aufgelöst. Infolgedessen gewann es den Status eines selbständigen Regiments und gehörte nun wieder zu den Grenztruppen der UdSSR. Zweitens wurde die Hauptverwaltung der Grenztruppen aus dem Innenministerium herausgelöst und dem Komitee für Staatssicherheit zugeordnet. Damit war auch das 105. Regiment für seine besonderen Aufgaben in der DDR aufgestellt, denn es war längst kein klassisches Infanterie- oder Polizeiregiment mehr.


Eines der wenigen Fotos, das einen Soldaten des 105. Regiments in der DDR in Grenztruppenuniform ("ПВ") zeigt.


Seine Aufgaben bestanden hauptsächlich im Wach- und Sicherungsdienst. Die in Berlin stationierten Teile bewachten die sowjetische Botschaft (Unter den Linden) inklusive Nebengebäuden. Anfang der 1950er Jahre gehörten dazu 41 Objekte. Ferner mußten die offizielle KGB-Residentur in Karlshorst sowie weitere (mehr oder minder geheime) Objekte des KGB in der gesamten DDR gesichert werden. (Dazu zählte in den 80ern auch Wladimir Putins Büro in Dresden.) Das zweite große Tätigkeitsfeld lag im Süden der DDR und hieß Wismut. Anfang der 50er Jahre hatte dort ein komplettes MWD-Regiment den Uranabbau bewacht (153 Wachobjekte). Nachdem diese Aufgaben sukzessive an DDR-Behörden übergeben worden war, beschränkte sich die Tätigkeit der KGB-Einheiten auf die Begleitung der Transporte von Sachsen bis nach Brest an der polnisch-sowjetischen Grenze.

Nicht nur die Aufgaben, sondern auch die Organisation der Einheit änderten sich im Laufe seiner Geschichte mehrfach. Mitte der 1980er Jahre gliederte sich das 105. Spezialregiment wie folgt:
  • Berlin-Karlshorst: Stab, 4 Wachkompanien, 1 Nachrichtenkompanie, 1 Kommandantendienst-Kompanie, 1 Versorgungskompanie, 1 Chemischer Zug, Unteroffiziersschule, Militärorchester;
  • Schneeberg (Sachsen, früher Bezirk Karl-Marx-Stadt): 20. selbständiges Wachbataillon mit 4 Kompanien für die Begleitung der Urantransporte (Feldpostnr.: 27304; in den Jahren 1954 bis 1957: 11. Grenzregiment mit Standort Karl-Marx-Stadt).
Damit war – neben der Wismut-Bewachung – auch das bis 1957 eigenständige Fernmeldebataillon des MWD in verkleinerter Form im 105. Regiment aufgegangen. Die genannte Fernmeldekompanie des ist jedoch vom weiter unten behandelten 44. Fm-Regiment zu unterscheiden; letzteres hatte ein besonderes Tätigkeitsfeld.


Soldaten des 105. vor dem Hauptgebäude der KGB-Residentur in Karlshorst. Gut zu erkennen sind die Uniformen der Sowjetarmee ("CA").


Das Personal des 105. Regiments bestand großteils aus Wehrpflichtigen, die dort ihren zweijährigen Grundwehrdienst ableisteten. Besonders fähige Wehrpflichtige wurden, wie im sowjetischen Militär üblich, zu Unteroffizieren ausgebildet. Die Offiziere und Berufsunteroffiziere kamen aus den Grenztruppen. Offiziere hatten in der Regel an einer Offiziershochschule der Grenztruppen oder der Sowjetarmee studiert. Letzter Kommandeur im Jahre 1991 war Oberst Morkowkin.
Die Lebensbedingungen im 105. Regiment sollen sich nach Zeitzeugenberichten kaum von denen anderer sowjetischer Einheiten, die in der DDR stationiert waren, unterschieden haben. So hatte man etwa in Schneeberger Kaserne eine Schweinezucht aufgebaut, um so Versorgungsengpässen beizukommen. Trotz ihrer besonderen Aufgaben und dem elitären Titel einer Einheit „spezieller Bestimmung“ waren die Soldaten des 105. kaum privilegiert.

Nach der deutschen Wiedervereinigung begann 1991 – nach 46 Jahren ununterbrochener Präsenz in Deutschland – der Abzug der 105. Grenzabteilung. Am 28.04.1992 verließen die letzten Soldaten Berlin, wo sie bis zum Schluß Wachdienst in der nunmehr rußländischen Botschaft geleistet hatten. Die Abteilung kam in die Ukraine und wurde, unter Beibehaltung ihres Namens, in den neuformierten ukrainischen Grenzschutz aufgenommen. Erster Standort war des Gebiet Lwiw (dt.: Lemberg), später verlegte sie nach Tschernihiw (russ.: Tschernigow). Dort befindet sich heute auch das Museum der Einheit.

Nebenbei: Das 105. Regiment ist nicht mit der sowjetischen Berlinbrigade zu verwechseln, welche gleichfalls in Karlshorst, allerdings in einer anderen Kaserne, stationiert war. Diese war ein regulärer Verband der Sowjetarmee. Ihre korrekte Bezeichnung lautete 6. Selbständige Garde Mot. Schützenbrigade (Feldpostnummer 64944) und sie bestand aus 3 Panzer- und 3 Mot. Schützenbataillonen sowie Unterstützungseinheiten.


Ein Funker im Gelände.


Das 10. Wachbataillon

Seit 1946 oblag die Spionageabwehr in den sowjetischen Streitkräften nach Auflösung von Smersch (wieder) dem Ministerium für Staatssicherheit, ab 1954 dem KGB. Konkret zuständig war dessen Dritte Hauptverwaltung. Diese bildete innerhalb der Militärbehörden und bei den Stäben der Großverbände sog. Sonderabteilungen, welche die konkrete Abwehrarbeit vor Ort leisteten. Das war auch bei den in der DDR stationierten Truppen der GSSD/WGT der Fall.

Die Verwaltung der Sonderabteilungen (UOO) bei der GSSD befand sich in Potsdam, temporär möglicherweise auch in Karlshorst. Die 3. HV des KGB lehnte sich an die Militärstrukturen an und hatte somit auch eine eigene, von anderen Diensteinheiten des Komitees unabhängige Führungs- und Kommunikationsstruktur. Neben der Zentrale existierten noch 7 Sonderabteilungen in den sechs Armeen der Landstreitkräfte und der 16. Luftarmee.

Der Potsdamer UOO unterstand unmittelbar das 10. Selbständige Wachbataillon, ebenfalls in Potsdam stationiert, welches die Feldpostnummer 74487 führte. Über die Zusammensetzung der Einheit und die konkreten Aufgaben liegen nahezu keine Informationen vor. Neben der – logischen – Sicherung der Dienstobjekte der Sonderabteilungen erscheint manches denkbar, was jedoch nach dem derzeitigen Kenntnisstand des Verf. nicht belegt ist und kaum über den Status von Gerüchten hinausgeht.


Gemeinsame Ausbildung von SPW-Besatzungen der Kfz-Kompanie und Soldaten einer Wachkompanie des 105. Rgt. nahe Berlin.


Das 44. Fernmelderegiment

In der Sowjetunion existierte ein vom öffentlichen Telefonnetz unabhängiges Leitungsnetz, an das nur wichtige Dienststellen von Partei, Regierung, Militär und Sicherheitsdiensten angeschlossen waren. Zusätzlich konnten Telefongespräche über dieses Netz mit dem System „WTsch“ u.ä. verschlüsselt werden (zu den technischen Aspekten und Begrifflichkeiten vgl. hier). Einrichtung, Wartung und Betrieb dieses Netzes der Regierungsfernmeldeverbindungen oblag zunächst dem NKWD/MWD, dann nach 1954 dem KGB. Dort war konkret die Abteilung „S“, welche ab 1959 Abteilung für Regierungsverbindungen hieß, zuständig. 1969 wurde diese Abteilung zur Verwaltung aufgewertet. (Bisweilen wird für dieses Tätigkeitsfeld in der Literatur auch der Begriff Spezialnachrichtenverbindungen verwendet. In der RF ist heute der FSO dafür zuständig.)

Ihr waren für den technischen Teil ihrer Aufgabe die Truppen der Regierungsverbindungen unterstellt. Im Jahre 1960 umfaßte diese Truppen in der UdSSR 15 Fernmelderegimenter; weitere 8 Bataillone, 6 Kompanien und 3 Knotenpunkte waren im Ausland disloziert. In den folgenden Jahren wurde die Zahl dieser Truppen von ca. 13.000 auf knapp 4.200 Mann reduziert, die sich auf 4 selbständige Fernmelderegimenter verteilten: das 3. Regiment in Baku, das 29. im Kaukasus, das 35. in der Ukraine und das 44. in der DDR, das nachfolgend im Fokus steht. (Notabene: Dies ist keineswegs der gesamte Personalbestand der Abteilung/Verwaltung für Regierungsverbindungen, sondern nur der ihres militärischen Zweiges, also der „Kabelaffen“ und „Strippenzieher“.)


Scharfschütze mit SWD Dragunow.


Über die Geschichte des 44. Regiments für Regierungsverbindungen des KGB ist kaum etwas bekannt. In einer Liste von NKWD-Einheiten aus dem Jahre 1943 ist es nicht verzeichnet. Für das Jahr 1952 wird ein 11. Fernmelderegiment des MWD in der DDR genannt. Derartige Fernmeldekräfte waren bereits seit 1945 in der SBZ anwesend, um ein gesichertes Kommunikationsnetz für wichtige Dienststellen der Besatzungsbehörden und -truppen aufzubauen. Schließlich folgten sie bereits während der Kämpfe des Zweiten Weltkrieges stets der Front, um die höheren Stäbe miteinander und mit dem Hinterland zu verbinden.
Der Stab des 44. Regiments hat sich in Wittenberg befunden; dort soll ebenfalls das unterstellte 107. Bataillon für Regierungsverbindungen stationiert gewesen sein. Die Informationen über die innere Organisation und die konkreten Aufgaben des Regiments sind leider sehr spärlich. Anno 1960 waren in der DDR 3 Bataillone für Regierungsverbindungen stationiert; möglicherweise ist diese Zahl auch später konstant geblieben.

Die Feldpostnummer des 44. Regiments lautete 34008. Sein Personal dürfte im Kern ebenfalls aus Wehrpflichtigen bestanden haben. Desgleichen darf davon ausgegangen werden, daß die Einheiten des Regiments nach außen als reguläre Fernmeldetruppe der Sowjetarmee abgetarnt waren. Möglicherweise war nicht einmal den einfachen Soldaten bekannt, daß ihre Einheit dem Komitee für Staatssicherheit und nicht dem Verteidigungsministerium unterstellt war. (Diese Annahme könnte ebenfalls für das o.g. 10. Wachbataillon zutreffen, das wohl ohnehin vornehmlich in Objekten der Sowjetarmee zum Einsatz gekommen ist.)


ABC-Ausbildung.


Neben dem 44. Regiment gab es noch den 56. Selbständigen Knotenpunkt der Regierungsverbindungen in Cottbus-Dissenchen. Dieser führte die Feldpostnummer 11465.
Im übrigen waren auch ostdeutsche Dienststellen, namentlich des MfS, in den Betrieb des WTsch-Netzes eingebunden. An selbiges waren natürlich auch die Partei- und Staatsführung der DDR sowie Führungsorgane der NVA angeschlossen.


Der Musikzug des 105. Regiments.


Hoffentlich konnte dieser Artikel einige interessante Einsichten vermitteln, obwohl es sich um ein rein historisches Thema handelt, das nur bedingt etwas mit den Sicherheitsbehörden des heutigen Rußlands zu tun hat, die das eigentliche Thema der Speznas-Reihe sind.


Zeremonie im 105. Spezialregiment des KGB mit der dritten Regimentsfahne (1970er oder 80er Jahre).


Anmerkungen

* Vgl. hierzu ausführlich S. Mironenko / L. Niethammer / A. v. Plato (Hrsg.): Sowjetische Speziallager in Deutschland 1945 bis 1950, 2 Bde., Berlin 1998, sowie ergänzend A. Hilger / U. Schmidt / G. Wagenlehner (Hrsg.): Sowjetische Militärtribunale, 2 Bde., Köln/Weimar/Wien 2001/2003.

** Vgl. zum Thema Scharfschützen auch Iwanow et.al., S. 181 ff.




Funkstationen der Fernmeldekompanie des 105. Regiments werden entfaltet.



Bibliographie

Aleksandrow, A.: Materialien zu den Grenztruppen, www.soldat.ru.

Aleksandrow, A. / Iwanow, I.: Materialien zu den Inneren Truppen, www.soldat.ru.

Bailey, G. / Kondraschow, S. / Murphy, D.: Die unsichtbare Front - Der Krieg der Geheimdienste im geteilten Berlin, Berlin 2000.

Bekesi, L. / Török, G.: KGB & Soviet Security Uniforms & Militaria 1917-1991, Ramsbury 2002.

Foitzik, J.: Organisationseinheiten und Kompetenzstruktur der Sowjetischen Militäradministration in Deutschland, in: Mironenko / Niethammer / v. Plato (Hrsg.): Sowjetische Speziallager in Deutschland 1945 bis 1950, Bd. 1, Berlin 1998, S. 117 ff.

Iwanow, I. et.al.: Geschichte der Grenztruppen der UdSSR, Berlin 1988.

KGB SSSR, shieldandsword.mozohin.ru (Organisationsstrukturen).

Klimow, A.: Obespetschenie obschtschestwennoj besoipanosti Wnutrennimi wojskami NKWD-MWD SSSR na territorii Sapadnoj Ukrainy w 1940-1950-e gody, in: Woenno-istoritscheskij Shurnal 12/2008, S. 13 ff.

Klimow, A.: Primenenie soedinenij i tschastej Wnutrennich wojsk NKWD-MWD SSSR sa granizej w 1940-1950-e gody, in: Woenno-istoritscheskij Shurnal 1/2010, S. 43 ff.

Kozlov, V.: Die Operationen des NKVD in Deutschland während des Vormarsches der Roten Armee (Januar bis April 1945), in: Mironenko / Niethammer / v. Plato (Hrsg.): Sowjetische Speziallager in Deutschland 1945 bis 1950, Bd. 1, Berlin 1998, S. 132 ff.

Kratkaja chronika istorii organow i wojsk prawitelstwennoj swjasi, www.aboutphone.info.

Maslow, K. et. al.: Ispytannye wojnoj - Pogranitschnye wojska 1939-1945 gg., Moskau 2008.

Petrov, N.: Die Apparate des NKVD/MVD und des MGB in Deutschland 1945-1953, in: Mironenko / Niethammer / v. Plato (Hrsg.): Sowjetische Speziallager in Deutschland 1945 bis 1950, Bd. 1, Berlin 1998, S. 143 ff.

Regierungsnachrichtenverbindungen ..., scz.bplaced.net.

Slushiwschie w 105-m. Musej, www.pogranec.ru.

Soedinenija i tschasti Gruppogo podtschinenija, www.gsvg.ru.

105-j pogranitschnyj polk wojsk NKWD (2 f)/ 105-j pogranotrjad, g. Tschernigow, w/tsch 2253, srpo.ru.





Der Weg des 105. Regiments: Von Leningrad über Berlin in die Ukraine.


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Spetsnaz VIII: Geschichte der Marineinfanterie (1)

Fotos: www.pogranec.ru, rkka.ru, www.off-road-drive.ru.

Sonntag, 13. Februar 2011

Raketen über See

Vorab: Ich interessiere mich nicht besonders für militärisches Großgerät wie Panzer, Schiffe oder Flugzeuge. Doch das heute anzuzeigende Buch geht weit über rein technische Fragen hinaus: "Raketen über See - Die taktische Seezielrakete P-15 (Styx) im Kalten und heißen Krieg" von Holger Neidel und Egbert Lemcke ist im Jahre 2008 erschienen. Wie schon mit dem vom selben Verlag herausgebrachten Buch von Frank Preiß werden dem Leser, welcher der russischen Sprache nicht oder nur bedingt mächtig ist, erstmals in seriöser und kompetenter Weise Informationen über das Militär der heutigen Rußländischen Föderation sowie der früheren Sowjetunion präsentiert. Hier geht es zuvörderst um die in den 1950er Jahren entwickelte Seezielrakete P-15 (NATO: Styx) und ihre diversen Abarten und Nachfolgemodelle, wobei die behandelte Zeitspanne von den 1950er Jahren bis 2007 reicht. Schiffsgestützte Flugkörper, die erstmals von der UdSSR gebaut und eingesetzt wurden, waren eine kleine Revolution des Marinewesens.

Dabei werden nicht nur die technischen Entwicklungen detailliert nachvollzogen, die Autoren stellen sie auch in den notwendigen sicherheitspolitischen Kontext: Welchen Sinn ergeben see- und landgestützte Seezielraketen? Sie ermöglichen auch einem vergleichsweise schwachen Staat die kostengünstige Abwehr überlegener Marinekräfte des potentiellen Gegners. Die beiden Autoren vertiefen diese und ähnliche Fragen mehrfach, wenn sie nicht nur Fallbeispiele aus der Sowjetunion selbst, sondern auch aus den Staaten analysieren, die von der SU oder China mit diesen Waffensystemen beliefert worden sind (z.B. DDR, Indien). Neben der Vorstellung der verschiedenen Raketen werden auch ihre Trägerplattformen, insbesondere die damals neuartigen Raketenschnellboote, vorgestellt und ihre Entwicklung nachvollzogen.

Der Band ist durchgängig mit instruktiven Tabellen, Fotos und Zeichnungen versehen. Das alles macht dieses Werk zu einer Fundgrube sowohl für Marineinteressierte als auch für jene, die die Wechselwirkung zwischen Strategie und Technik studieren wollen. Überdies wird man nach der Lektüre besser dazu fähig sein, manches aktuelle militärische Problem zu verstehen. Freilich muß man den beiden Autoren nicht bei jeder Bewertung oder Schlußfolgerung folgen, doch tut dies dem Wert ihres Werkes keinen Abbruch.



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Foto: RIA Nowosti.

Mittwoch, 26. Januar 2011

26.01.2011: Text des Tages

Den in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts lebenden russischen Schriftsteller und Offizier Michail Lermontow hatte ich in diesem Blog schon desöfteren erwähnt (vgl. hier und hier). Der "Sänger des Kaukasus" hatte während seines Dienstes in dieser wilden Gebirgsregion hinreichend Gelegenheit, sich mit den dort lebenden Menschen vertraut zu machen. Vor kurzem bin ich auf einen weiteren kurzen Text aus seiner Feder mit dem Titel "Der Kaukasier" gestoßen. Gemeint sind damit aber nicht die eigentlichen Bewohner des Kaukasus, die christlichen und muslimischen Clans und Stämme, sondern jene aus dem russischen Kernland kommenden Offiziere, die zum Dienst im brodelnden Unruheherd verpflichtet worden waren. (Man beachte bitte auch Lermontows waffenkulturelle Einlassungen. ;-))
"[...]

Erstens, was ist ein Kaukasier und wie pflegen Kaukasier zu sein?

Ein Kaukasier ist ein halb russisches, halb asiatisches Wesen; die Neigung zu orientalischen Sitten überwiegt bei ihm, doch in Gegenwart Fremder, das heißt in Gegenwart Reisender aus Rußland, schämt er sich dieser Neigung. Er ist zumeist dreißig bis fünfundvierzig Jahre alt, sein Gesicht sonnengebräunt und etwas pockennarbig; ist er kein Stabskapitän, dann gewiß Major. Echte Kaukasier finden Sie in der Linie; jenseits der Berge, in Georgien, haben sie eine andere Abstufung; zivile Kaukasier sind selten; sie stellen zumeist eine ungeschickte Nachahmung dar, und treffen Sie einmal einen echten unter ihnen an, dann höchstens bei den Regimentsärzten.

Ein echter Kaukasier ist ein bewundernswerter Mensch, würdig jeder Achtung und Teilnahme. Bis zu seinem achtzehnten Lebensjahr wird er im Kadettenkorps erzogen und als ausgezeichneter Offizier entlassen, heimlich hat er im Unterricht den "Gefangenen im Kaukasus" [von Puschkin, E.K.] gelesen und ist in Leidenschaft für den Kaukasus entbrannt. Mit zehn Kameraden wird er auf Staatskosten dorthin geschickt – mit großen Hoffnungen und kleinem Koffer. Schon in Petersburg läßt er sich einen Achaluchi nähen und ersteht eine zottige Mütze und eine Tscherkessenpeitsche für den Postkutscher. In Stawropol angekommen, bezahlt er einen lumpigen Dolch viel zu teuer und legt ihn in den ersten Tagen weder bei Tag noch bei Nacht ab, bis er dessen überdrüssig ist. Endlich findet er sich bei seinem Regiment ein, das in irgendeiner Staniza sein Winterquartier bezogen hat, hier verliebt er sich, wie es sich gehört, in ein Kosakenmädchen, einstweilen bis zur Expedition; alles wunderschön und so poetisch! Dann rückt man zu der Expedition aus; unser Jüngling ist überall zu finden, wo auch nur eine Kugel schwirrt. Er nimmt sich vor, zwei Dutzend Bergbewohner mit eigenen Händen zu fangen, er träumt von schrecklichen Schlachten, Strömen von Blut und Generalsepauletten. Im Traum vollbringt er wahre Heldentaten – ein Wunschbild, Unsinn, vom Feind ist weit und breit nichts zu sehen, Scharmützel sind selten, und die Bergbewohner halten, zu seinem großen Leidwesen, den Bajonetten nicht stand, lassen sich nicht gefangennehmen, sondern bringen ihre Haut in Sicherheit. Zudem ist im Sommer die Hitze schier unerträglich, im Herbst Regen und Schnee und Kälte. Langweilig! Fünf, sechs Jahre verstreichen: ein ständiges Einerlei. Er sammelt Erfahrungen, wird kaltblütig und spottet über die Neulinge, die ohne Notwendigkeit ihr Leben riskieren.

Unterdessen zieren zwar viele Kreuze seine Brust, die Beförderung aber läßt auf sich warten. Er ist düster und wortkarg geworden; er macht es sich gern gemütlich und raucht sein Pfeifchen; in Mußestunden liest er auch Marlinski und erklärt, er sei sehr gut; auf Expeditionen ist er nicht mehr versessen: Eine alte Wunde schmerzt! Die Kosakenmädchen reizen ihn nicht, eine Zeitlang hat er von einer gefangenen Tscherkessin geträumt, jetzt jedoch auch diesen fast unerfüllbaren Traum vergessen. Statt dessen hat er eine neue Leidenschaft, und gerade die macht ihn zum echten Kaukasier.

Entstanden ist diese Leidenschaft folgendermaßen: In der letzten Zeit hat er sich mit einem friedlichen Tscherkessen angefreundet und reitet nun des öfteren zu ihm in den Aul. Fremd den Raffinements des Lebens in der vornehmen Welt und in der Stadt, hat er Gefallen an dem wilden Leben gefunden, von der Geschichte Rußlands und der europäischen Politik weiß er nichts, dafür hat er eine Vorliebe für die poetischen Überlieferungen des kriegerischen Volkes entwickelt. Die Sitten und Gebräuche der Bergbewohner sind ihm geläufig, er kennt ihre Helden dem Namen nach und hat sich die Ahnentafeln der wichtigsten Familien gemerkt. Er weiß, welcher Fürst verläßlich und welcher ein Gauner, wer mit wem befreundet ist und zwischen wem Blutsfeindschaft besteht. Er versteht ein bißchen Tatarisch; er hat sich einen Säbel, einen echten Gurda, angeschafft, einen Dolch, einen alten Basalai, eine Pistole von jenseits des Kuban, ein ausgezeichnetes Krimgewehr, das er selbst einfettet, ein Pferd, einen reinrassigen Schalloch, und eine vollständige Tscherkessentracht, die er nur bei wichtigen Anlässen anlegt und die ihm irgendeine wilde Fürstin genäht und zum Geschenk gemacht hat. Seine Vorliebe für alles Tscherkessische grenzt schon ans Unglaubliche. Er ist bereit, den ganzen Tag mit einem schmutzigen Usden über ein lumpiges Pferd und ein rostiges Gewehr zu reden, und es gefällt ihm sehr, andere in die Geheimnisse der asiatischen Sitten einzuweihen. Ihm sind verschiedene, höchst erstaunliche Dinge passiert, denken Sie! Kauft ein Neuling bei seinem Freund, dem Usden, eine Waffe oder ein Pferd, lächelt er nur insgeheim. Über die Bergbewohner äußert er sich so: »Ein guter Menschenschlag, aber ganz schreckliche Asiaten! Die Tschetschenen allerdings sind Lumpen, dafür sind die Kabardiner einfach Prachtkerle; auch unter den Schapsugen gibt es tüchtige Leute, allerdings können sie sich mit den Kabardinern nicht messen, weder verstehen sie es, sich so zu kleiden noch so zu reiten . . . wenn sie auch makellos leben, ganz makellos!«

Man muß die Voreingenommenheit eines Kaukasiers besitzen, um in einer Tscherkessensaklja etwas Makelloses zu finden.

Die Erfahrung langer Kriegszüge hat ihn nicht die Findigkeit gelehrt, die Armeeoffizieren sonst eigen ist; er kokettiert mit seiner Sorglosigkeit und der Gewohnheit, die Unbequemlichkeiten des Soldatenlebens hinzunehmen, er führt nur einen Teekessel mit sich, und selten wird auf seinem Biwakfeuer Kohlsuppe gekocht. Bei Hitze wie bei Kälte trägt er unter dem Gehrock einen wattierten Achaluchi und auf dem Kopf eine Schaffellmütze; er hat eine starke Abneigung gegen Mäntel und zieht die Burka vor; die Burka ist seine Toga, darin hüllt er sich ein; der Regen tropft ihm in den Kragen, der Wind schlägt die Burka auseinander – halb so schlimm! Die durch Puschkin, Marlinski und Jermolows Porträt berühmt gewordene Burka kommt nicht von seiner Schulter, er schläft darauf und deckt sein Pferd damit zu; er greift zu den verschiedensten Listen und Schlichen, um eine echte Andijer Burka zu ergattern, namentlich eine weiße, unten mit schwarzer Borte, und dann sieht er schon mit einer gewissen Verachtung auf die anderen herab. Den eigenen Worten zufolge ist sein Pferd erstaunlich schnell – auf weiten Strecken. Lächerliche fünfzehn Werst mag er darum mit Ihnen auch nicht reiten. Fällt ihm der Dienst mitunter auch schwer, er hat es sich zur Maxime gemacht, das Leben im Kaukasus zu loben; jedem, der es hören will, sagt er, der Dienst im Kaukasus sei sehr angenehm.

Aber die Jahre vergehen, der Kaukasier ist schon vierzig, es zieht ihn nach Hause, und wenn er nicht verwundet ist, verfährt er manchmal folgendermaßen: Während eines Feuerwechsels legt er den Kopf hinter einen Stein, die Beine aber streckt er zwecks Erlangung der Pension vor; dieser Ausdruck ist dort durch den Brauch geheiligt. Die wohltätige Kugel trifft ihn ins Bein, und er ist glücklich. Der Abschied mit Pension springt dabei heraus, er kauft einen kleinen Wagen, spannt ein paar Schindmähren davor und macht sich gemächlich auf den Weg in die Heimat; auf Poststationen hält er jedoch stets, um mit den Durchreisenden zu plaudern. Wenn Sie ihm begegnen, erkennen Sie ihn sofort als echten Kaukasier, denn selbst im Gouvernement Woronesh schnallt er Dolch oder Säbel nicht ab, weil sie ihm nicht hinderlich sind. Der Stationsaufseher hört ihm respektvoll zu, und erst hier erlaubt sich der pensionierte Held, zu renommieren und Geschichten zu erfinden; im Kaukasus ist er bescheiden – aber schließlich und endlich, wer sollte ihm in Rußland beweisen, daß ein Pferd nicht in einem Ritt zweihundert Werst zurücklegen kann und kein Gewehr der Welt auf vierhundert Sashen ins Ziel trifft? Aber ach, meistens vermodern seine Gebeine in muselmanischer Erde. Er heiratet selten, und bürdet ihm das Schicksal doch eine Gemahlin auf, bemüht er sich, in eine Garnison versetzt zu werden, und beschließt seine Tage in irgendeiner Festung, wo ihn seine Gattin vor einer für den Russen so verhängnisvollen Gewohnheit bewahrt.

Jetzt noch zwei Worte über die anderen Kaukasier, die nicht echten. Der georgische Kaukasier unterscheidet sich vom echten dadurch, daß er eine große Vorliebe für Kachetinerwein und weite seidene Pluderhosen hat. Der zivile Kaukasier legt selten asiatische Kleidung an; er ist mehr mit der Seele als mit dem Leib Kaukasier: Er befaßt sich mit archäologischen Entdeckungen, verbreitet sich gern über den Nutzen des Handels mit den Bergbewohnern sowie über Mittel, diese zu unterwerfen und zu bilden. Hat er dort einige Jährchen abgedient, kehrt er für gewöhnlich mit einem Rang und roter Nase nach Rußland zurück.

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