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Donnerstag, 24. Mai 2012

"Bomben auf Baku"

Ein nur wenig bekanntes Kapitel aus der Geschichte des Zweiten Weltkrieges stellt der Historiker Günther Deschner in seiner Schrift „Bomben auf Baku“ vor. Es geht um nichts weniger als die 1939/40 entworfenen britisch-französischen Pläne für massive Angriffe auf die südliche Sowjetunion, namentlich die Kaukasusregion. Damit sollten zwei Ziele verfolgt werden. Zum einen ging es um ein Abschneiden der deutschen Rohstoffzufuhren (vor allem Erdöl und Erdölprodukte) aus der SU, zum anderen um die Fortsetzung jenes schon nach 1917 begonnenen „Kreuzzugs gegen den Bolschewismus“. Deschner stellt die alliierten Planungen völlig zu recht in den Kontext der Intervention der Westmächte während des russischen Bürgerkrieges (1918-1919) und zeigt so langfristige Kontinuitäten des politischen Denkens auf, die teilweise bis heute fortwirken.

Konkret waren zunächst Luftangriffe gegen Industriezentren im Kaukasus geplant. Diese sollten durch Geheimdienstoperationen ergänzt werden, mithilfe derer bewaffnete Aufstände unter der dort lebenden Bevölkerung ausgelöst werden sollten. Schließlich waren auch Vorstöße zu Lande geplant, für die allein französischerseits eine Streitmacht von 150.000 Mann – vollmotorisiert! – zur Verfügung stand. Ins Werk wurde davon jedoch nichts gesetzt, doch fehlten die modernen Kampfflugzeuge und mechanisierten Verbände im Frühjahr 1940 während des Kampfes um Frankreich. Im Ergebnis waren die Planungen also nichts als eine große Diversion – allerdings nicht vom Gegner, sondern von den alliierten Generalstäben durchgeführt.

Deschner zeigt auf, daß das Kriegsbündnis der Jahre 1941 bis 1945 keineswegs natürlich war und auch andere Konstellationen denkbar gewesen wären. Des weiteren wird deutlich, daß die europäischen Großmächte keineswegs alle so friedliebend waren, wie sie sich selbst in der Rückschau gerne sehen. Und – das macht den aktuellen Wert des Buches aus – es werden jene westlichen Denkmuster hinsichtlich Rußlands aufgezeigt, die auch heute noch sehr oft anzutreffen sind, trotz alle Beteuerungen des Gegenteils.
Das führt zu einem weiteren, rein historischen Punkt: Da die Staatsführung der UdSSR von Deutschland über die Angriffspläne informiert worden war, baute sich bei ihr ein Mißtrauen gegenüber den Westmächten auf, das bis zum Kriegsende nicht abgebaut werden konnte. Ferner zeigt sich, daß um das Jahr 1940 herum von einem festgefügten völkerrechtlichen Verbot des Angriffskrieges keine Rede sein konnte.

Das Thema ist freilich nicht ganz neu und wurde bereits 1973 auch vom Spiegel aufgegriffen.


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Mittwoch, 28. März 2012

Die strategischen Streitkräfte der RF


Anfang März hat die Federation of American Scientists einen Bericht unter dem Titel "Russian nuclear forces 2012" vorgelegt. Das interessante Papier geht auf den derzeitigen Zustand und die Entwicklungsperspektiven der atomar bewaffneten strategischen Streitkräfte der Rußländischen Föderation ein. Aus der Fülle von Informationen seien an dieser Stelle einige wichtige Punkte herausgegriffen.

1. Landgestützte Interkontinentalraketen

Die Strategischen Raketentruppen haben derzeit 322 ICBMs mit etwa 1090 Sprengköpfen im aktiven Bestand. Ein erheblicher Teil der Trägerraketen muß jedoch in den nächsten Jahren ausgesondert werden, da sie ihr Lebensalter erreicht haben. Die Produktion neuer Systeme geht nur langsam vonstatten, ein auch nur annähernd vollständiger Ersatz der außerdienstgestellten Trägermittel ist nicht möglich. Mithin wird die Zahl der ICBMs in den nächsten zehn Jahren auf etwa 250 Stück sinken.

2. Seegestützte Interkontinentalraketen

Die Seekriegsflotte verfügt über 9 Atom-U-Boote, die Interkontinentalraketen tragen können (6 in der Nordflotte, 3 in der Pazifikflotte). Zusammen sind dies im Höchstfall 144 SLBMs mit bis zu 528 Sprengköpfen. Von diesen Schiffen sind in der Regel jedoch nicht mehr als sieben tatsächlich bewaffnet.

3. Strategische Bomber

Im Bestand der Fernfliegerkräfte befinden sich 72 strategische Bomber, die mit insgesamt 820 Atomsprengköpfen, getragen von Flügelraketen oder Bomben, bestückt werden können.

In den vergangenen Jahren mußten mehrere Bomber ausgemustert werden. Dasselbe trifft für den Großteil der raketentragenden U-Boote zu. Während die Zahl der landgestützten Systeme allerdings weiter drastisch sinken wird (s.o.), werden sich die maritimen und fliegenden Systeme wohl auf dem jetzigen niedrigen Niveau stabilisieren.

Abschließend noch einige Zahlen zum Vergleich: Auch in den NATO-Staaten ist die Zahl der Atomwaffen und ihrer Trägersysteme in den zurückliegenden 20 Jahren erheblich gesunken. Zur Zeit verfügen die USA über folgende strategische Streitkräfte: 420 einsatzbereite ICBMs, 14 SLBM-tragende Atom-U-Boote und 60 strategische Bomber. In Frankreich und Großbritannien stellen jeweils 4 SLBM-bestückte U-Boote den Hauptteil der strategischen Streitkräfte dar.



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Fotos: Wikipedia.

Sonntag, 26. Februar 2012

Die Wonnen des Satellitenfernsehens

Newsroom von RIA Novosti in Moskau 5

Nach Jahren des zunehmend schlechteren Kabelempfangs hat Familie Krenkel im vergangenen Dezember auf direkten Satellitenempfang umgestellt. Wenn man schon einmal dabei war, nicht nur auf Astra 19,2°O mit seinen deutschen Kanälen, sondern auch auf Hotbird 13°O, auf dem zahlreiche russisch- und polnischsprachige Sender zu finden sind. Nunmehr habe ich auch direkten Zugang zu zahlreichen Kanälen in englischer Sprache. Nicht nur CNN, wie bisher, sondern auch Russia Today, RT Doc, CCTV News und CCTV Doc (beide aus China), Al Jazeera (Katar), France 24, BBC World News, Press TV (Iran), NHK World (Japan), Arirang (Südkorea) und CNBC (USA). Nicht zu vergessen EuroNews, die auch in deutscher Sprache senden.

Dadurch wird das Bild erheblich bunter und man lernt noch besser, über den kleinen Tellerrand der deutschen Medien hinauszusehen. Man lernt jedoch auch, welche Propagandakriege auch heute noch über den Äther ausgefochten werden. Da ist z.B. Belsat, ein TV-Kanal in weißrussischer Sprache, der vom polnischen Staatsfernsehen TVP produziert wird und auf das Nachbarland Belarus zielt. Belsat wird primär von der polnischen Regierung finanziert und ist unverschlüsselt empfangbar, während man für die polnischen Hauptkanäle TVP 1 und TVP 2 einen Decoder benötigt.

Ebenso erstaunt die Vielfalt von in den USA und Großbritannien produzierten Radio- und Fernsehprogrammen, die in allen möglichen Sprachen verbreitet werden, um Propaganda im Sinne der Regierungen dieser beiden Staaten zu machen. Demgegenüber steht der iranische Staatssender Press TV, der z.T. durchaus treffende Analysen der politischen Lage im Mittleren Osten bringt. So dürfte etwa die Einschätzung eines Teheraner Politologen, daß die Aufstände des „arabischen Frühlings“ eher ein Nachholen der islamischen Revolution in Persien anno 1979 sind, der Wahrheit weitaus näher kommen als andere Deutungen, wonach es dabei um eine Demokratisierung der betroffenen Länder im „westlichen“ Sinn gehe. Um so überraschter war ich, daß die zuständige Behörde im angeblich urdemokratischen und freiheitsliebenden Großbritannien kürzlich Press TV die Lizenz entzogen hat.

Besonders interessieren natürlich die Fernseh- und Radiosender aus Rußland. Hier sind, neben den beiden englischsprachigen Kanälen von RT, vor allem RTR Planeta und der Erste Kanal als Vollprogramme zu nennen. Hinzu kommen die Nachrichtenkanäle Rossija 24 (wie RTR zur staatlichen Medienholding WGTRK gehörend) und RBC TV (ein Ableger der Wirtschaftszeitung RBK Daily, Eigentümer ist der Präsidentschaftskandidat und Oligarch Michail Prochorow). Außerdem sind die drei RTVi-Kanäle des Oligarchen Wladimir Gussinski zu nennen. Abgerundet wird das via Hotbird empfangbare Spektrum durch einige Spartenkanäle (Musik, Kinder usw.).

Zwar fehlen noch einige der größeren Sender aus der RF, da sie über andere (hierzulande schwerer empfangbare) Satelliten verbreitet werden. Nichtsdestotrotz ist dies für mich schon ein deutlicher Fortschritt gegenüber dem bisher notwendigen Fernsehempfang über Internetstreams, dessen Unzulänglichkeiten offenkundig sind. Endlich kann man sich – nicht nur im wörtlichen Sinne – ein besseres Bild über das Fernsehen in Rußland machen. Das, was darüber hierzulande verbreitet wird, klingt sehr düster. Alles unter strikter staatlicher Kontrolle, kein Aufmucken gegen den omnipräsenten Putin, keinerlei Berichte über die inner- und außerparlamentarische Opposition etc. pp. So schildern deutsche Journalisten die Arbeit ihrer rußländischen Kollegen. Ich fand das schon immer zweifelhaft, waren doch meine eigenen Erfahrungen während meiner Aufenthalte in der RF andere. Jetzt weiß ich, daß das Bild auch heute weitaus bunter ist, als es uns von unseren eigenen Medien dargestellt wird.

Selbstverständlich kommt nicht nur die Regierung, sondern auch die Opposition zu Wort, insbesondere in den Diskussionsrunden (z.B. die von Wladimir Solowjow moderierte Sendung Pojedinok auf RTR). Allein in den letzten Wochen waren dort – in den wenigen Sendungen, die ich gesehen habe – die Präsidentschaftskandidaten Michail Prochorow, Gennadij Sjuganow sowie Maria Gaidar u.a. zu Gast. Und natürlich wird auch in den Nachrichten hinreichend über oppositionelle Politiker und Parteien berichtet, z.B. über die Unterschriftensammlungen von Prochorow und Jawlinskij für die Präsidentenwahl oder über Demonstrationen. Von einem „Verschweigen“ kann keine Rede sein. Das macht es freilich auch so spannend, abends statt den gewohnten deutschsprachigen Sendern mit ihrem vorhersagbaren Einerlei einen russischen im Hintergrund laufen zu lassen.

Man lernt auch, was die außerparlamentarische Opposition von den Medien hält. Als ein Fernsehteam nach einer „Befehlsausgabe“ für Oppositionsgruppen in der Botschaft der USA mit den Teilnehmern sprechen wollte, wurde der Kameramann von der bekannten Umweltschützerin Jewgenija Tschirikowa sogar tätlich angegriffen (Spezialny Korrespondent v. 22. Januar - Video). Diese Leute wollen keine kritischen Nachfragen beantworten.
Ähnlich verhielt sich der Oppositionspolitiker Wladimir Ryshkow in einem Interview auf Rossija 24. Der Moderator versuchte, mit ihm ein sachliches Gespräch zu führen, doch Ryshkow skandierte nur immer wieder dieselben kurzen Parolen. Seine Vorstellung erinnerte an ein Maschinengewehr, nicht jedoch an ein Interview.
Zu einem Dialog mit dem Volk und der Regierung sind die Typen, die sich für die einzig wahre Opposition halten, nicht breit. Statt dessen boykottieren sie Einladungen zu derartigen Veranstaltungen. Nicht besonders konstruktiv.

Bemerkenswert sind auch die Unterschiede bei Dokumentationen. In russischen scheint es üblich zu sein, mehr und längere ungeschnittene Interviewausschnitte zu bringen als hierzulande. Auch kontroverse Themen werden in ihrer gesamten Bandbreite dargestellt und beide Seiten kommen zu Wort. So etwa auf Rossija 24 in einer Reportage über den bis heute umstrittenen Einsatz sowjetischer Sicherheitskräfte im litauischen Vilnius im Januar 1991.

Und ohne die Auslandsberichterstattung von RT, die auch über Astra und Kabel verbreitet wird, wäre der deutsche Zuschauer erheblich schlechter informiert. Er wüßte z.B. nichts von den Mitte Februar wiederaufgeflammten Gewalttätigkeiten in Bahrain (siehe hier und hier), denn das deutsche Staatsfernsehen schweigt darüber. Die Monarchie Bahrain gilt hierzulande wohl als Verbündeter, der den "arabischen Frühling" in Libyen und Syrien unterstützt, nicht jedoch als Unterdrückungsregime.

Einseitige Propaganda konnte ich in diesen Sendungen bisher nicht wahrnehmen. Im Gegenteil, das im rußländischen Fernsehen angebildete Meinungsspektrum ist weitaus größer als in Deutschland (eine Auffassung, mit der ich nicht alleine stehe - siehe hier und hier), wo sich die Mehrzahl der Journalisten als Gralshüter linker Ideologeme versteht und die Welt nur in diesem beschränkten Rahmen deutet. Dazu gehört auch die verzerrte Darstellung von Politik und Medien in Rußland – und darüber hinaus. Blenden wir doch einmal vier Jahre zurück und erinnern uns, wie Barack Obama auch von deutschen Schreiberlingen zu einer messiashaften Heilsfigur hochstilisiert wurde. Heute hat jedoch die Enttäuschung über die ausgebliebene Welterlösung zum Katzenjammer geführt.


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Freitag, 23. Dezember 2011

Die neue rußländische Opposition


Die mit rund 50.000 Teilnehmern relativ große Kundgebung, die am 10. Dezember in Moskau stattfand (vgl. hier, hier, hier und hier), markierte einen wichtigen Punkt in der Entwicklung des politischen Systems der Rußländischen Föderation. Damit meine ich nicht die hohe Zahl der Demonstranten, auf die sich manche Medien kapriziert haben. Nein, es geht um die innere Zusammensetzung der Opposition. Erstmals ist eine Scheidung aufgetreten. Auf dem Theaterplatz, wo die Demo zunächst stattfinden sollte, hatten sich lediglich die Nationalbolschewisten und andere Anhänger Eduard Limonows versammelt. Diese zur Gewalt neigende Truppe fühlte sich von den anderen Protestierern verraten. Demzufolge giftete Limonow später, wenn man seinem Rat gefolgt wäre und eine richtige Revolution gemacht hätte, hätte man schon die Macht übernehmen können. Doch nach drei unfriedlichen Revolutionen zwischen 1905 und 1917 hat sich die Mehrzahl der Russen offenkundig dem Weg der Gewalt verweigert.

Die meisten Protestgruppen hatten ihre Anhänger auf den Bolotnaja-Platz gebeten. Und sie hatten - auch das für diverse Oppositionsgruppen ein Novum! - endlich den Forderungen des Versammlungsrechts genüge getan und die Kundgebung vorher angemeldet. Und siehe da, die Durchführung war in Absprache mit der Stadtverwaltung problemlos möglich - ohne Eingreifen der Polizei, auch wenn einzelne Störer, die z.B. mitten in der Menge Rauchbomben zündeten, die Sicherheitskräfte provozieren wollten. Die Extremisten sind anscheinend ins Abseits geraten, während sich eine eher bürgerliche, aus der wachsenden Mittelschicht kommende Protestbewegung artikuliert. Denen geht es großteils nicht um einen Umsturz des Systems oder gar eine Revolution, wie sie Limonow und anderen vorschwebt, sondern um Änderungen im System: "Es handelt sich um Bürgerinnen und Bürger, die Forderungen an die aktuellen Machthaber stellen, aber nicht dafür plädieren, diese auszuwechseln". Der Verdacht von Wahlfälschungen ist - unabhängig von seinem tatsächlichen Gehalt - so schwerwiegend, daß sie eine Untersuchung der Vorwürfe und Neuauszählungen betroffener Wahllokale gefordert haben. (Forderungen, denen die Wahl- und Justizbehörden mittlerweile z.T. nachgekommen sind.)

Die russischen Fernsehsender haben übrigens seit dem Wahltag über die Proteste berichtet (siehe z.B. hier). Anderslautende Behauptungen deutscher Medien entsprechen offenkundig nicht der Wahrheit.

Wahlbetrug?

Daß auch die maßgeblichen Personen der Opposition nicht an Wahlfälschungen in Größenordnungen von 10 oder mehr Prozent glauben, zeigen Einlassungen des Jabloko-Politiker Grigorij Jawlinskij. Selbst er sieht seine Partei bei lediglich 5 bis 7 % der Stimmen - und damit außerhalb der Staatsduma (mit Ausnahme eines einzigen Mandats, welches ab 5 % als "Trostpreis" vergeben wird).
Eine schöne Zusammenfassung, inklusive mathematischer Modelle zum (Nicht-)Beweis von Fälschungen, ist bei Sublime Oblivion zu finden. Einiga Tage zuvor hat derselbe Autor die Ereignisse für Al-Jazeera kommentiert.

Entpolitisierung der Proteste

Wenn manche deutschen Beobachter meinen, die Kundgebungen gegen Wahlfälschungen würden sich zu einer allgemeinen Protestbewegung auswachsen, die sich direkt gegen Wladimir Putin richte, dann dürften sie sich getäuscht haben. Im Gegenteil, die Demonstranten treten zwar für freie Wahlen ein, wollen sich jedoch nicht mit politischen Parteien und Gruppen gemein machen. (KPRF und LDPR halten sich von der Bewegung mittlerweile fern.) So sollen morgen, am 24. Dezember, in Moskau keine Politiker auftreten. Dies entspricht dem Wunsch vieler potentieller Teilnehmer, die ein Konzert den Reden von Kasparow & Co. vorziehen. Dies bestätigt auch einen Artikel der liberalen Tageszeitung NG, worin man sich eingesteht, daß es weder zur Person Putins noch zu seiner Politik in der Vergangenheit eine realistische Alternative gab und auch heute noch nicht gibt.

Das programmatische und personelle Angebot der sog. "Demokraten" und "Liberalen" ist, zurückhaltend formuliert, sehr unterentwickelt. Mehr darüber kann man in diesem interessanten Interview, das auch weitere Einblicke in die Parteienlandschaft gibt, mit dem ehemaligen Finanzminister Alexej Kudrin lesen. Die extrem niedrigen Umfragewerte für Parteien und Politiker aus dem liberalen Spektrum i.w.S. stützen diesen Befund.

Nebenbei: Es fällt auf, wie wenig gerade die Oppositionsvertreter juristisch argumentieren. Selbst "Gerechtigkeit" ist für sie ein moralischer und kein Rechtsbegriff. Und auf konkrete Rechtsprobleme wird sogar von ausgewiesenen "Bürgerrechtsaktivisten" mit abstrakten Phrasen statt mit gestochen scharfer juristischer Argumentation reagiert. Diese Leute müssen noch eine Weile reifen, bevor man reale Macht in ihre Hände legen kann, sonst steuern sie das Staatsschiff in den Abgrund, aus dem es die beiden Petersburger Juristen herausgeholt haben.

Auch an ihrer politischen Symbolik müssen die Demonstranten noch arbeiten. Wer soll ihnen denn abnehmen, daß sie für "Freiheit" und "Demokratie" eintreten, wenn sie sich - siehe Foto - unter der roten Sowjetflagge mit Hammer und Sichel oder unter der alten schwarz-gold-weißen Flagge des Zarenreiches versammeln, dabei jedoch die weiß-blau-rote Flagge der Föderation ignorieren?

Nemzow, der Spinner

In den vergangenen Wochen ist viel interessantes in Rußland passiert, über das man hier schreiben könnte. Vor allem wenn es um Innenansichten jenseits des Schwarz-weiß-Bildes vieler ausländischer Medien geht. Zum Beispiel über die Arbeitsweise der neuen Duma. Oder generell über die Wahrnehmungsprobleme vieler Journalisten, die selbst für kritische Moskauer Journalisten peinlich sind und überdies andere Proteste verdecken, die nicht ins Schema der ausländischen Chefredakteure passen. Doch leider ist freie Zeit, gerade kurz vor Weihnachten, eine knappe Ressource. Deshalb soll ein kurzer Blick auf den westlichen Kult um Alexander Njemzow genügen.

Gestern wurde Njemzow von der BBC interviewt. Er sprach in fließendem Englisch und behauptete, in Rußland wäre die Unterstützung für Medwedew und Putin "gleich Null". Die BBC stellte ihn ihren Zuschauern als "Oppositionsführer" vor.

Njemzow ist einer der Lieblinge ausländischer Medien und deshalb ist es wichtig, sich seiner Verlautbarungen und seiner Person anzunehmen. Die These, die Unterstützung für Präsident und Premier wäre "gleich Null", kann durch einen einfachen Blick in aktuelle Meinungsumfragen wiederlegt werden. Laut dem für seine Putin-Kritik bekannten Lewada-Zentrum waren im Dezember 36 % bereit, für Putin bei der Präsidentenwahl zu stimmen. Auf Platz 2 folgte weit abgeschlagen der LDPR-Vorsitzende Shirinokwskij mit 7 %. Damit ist Njemzows Behauptung als offenkundig unwahr erwiesen, weshalb sich jede weitere Diskussion über ihren Inhalt erübrigt. Fragt sich nur, ob er bewußt gelogen hat oder ob er unter einer psychischen Erkrankung leidet.

Kommen wir zu seiner Person. Zum hiesigen Kult um sog. Oppositionsführer hatte ich hier schon das wichtigste gesagt. Njemzow kann schon deshalb kein Führer sein, weil es ihm an einer signifikanten Gefolgschaft fehlt. Seine Zustimmungsrate in der Bevölkerung pendelt um 1 % und wie selbst seine "Freunde" aus der Opposition von ihm denken, kann man auf diesem Video sehen. Es zeigt Njemzow am 18. Dezember auf einer Demonstration in St. Petersburg, wo er von den Teilnehmern ausgebuht und lautstark zum Abhauen aufgefordert wird.

Doch Njemzow wird nicht nur von seinen Gesinnungsgenossen gehaßt, auch er selbst verachtet sie zutiefst. Kürzlich veröffentlichte das Internetportal Life News Ausschnitte aus (natürlich illegal) abgehörten Telefonaten Njemzows. Darin äußert sich der selbsternannte Freiheitskämpfer verächtlich über seine Kameraden, neben denen er am 10. Dezember demonstriert hat, und belegt sie zum Teil sogar mit Begriffen aus der Fäkalsprache. Die Partei Jabloko beschimpft er als Politsekte. Diese Enthüllung dürfte Njemzows ohnehin geringes Renommee noch weiter sinken lassen, bis er irgendwann im Ausland mehr Unterstützer hat als in der RF.

Ausblick

Bleibt die Frage, wie es in Rußland jetzt weitergehen wird. Ich wage eine Prognose:

Eine Revolution findet nicht statt. Die Russen wissen, daß die Figuren, die sich jetzt so lautstark produzieren, keine ernsthaft erwägenswerte Alternative zu Putin sind. Sie wollen Korrekturen am Wahlergebis vom 4. Dezember und werden diese auch bekommen. Allerdings auf dem vom Gesetz dafür vorgesehenen Weg - den die Partei Gerechtes Rußland auch schon beschreitet - und nicht auf den Druck der Straße hin. Die jüngsten Ereignisse zeigen auch, wie sehr es den unzufriedenen Bürgern an Identifikationsfiguren fehlt. Typen wie Limonow kommen dafür nicht in Frage und Njemzow, Kasparow u.a., die ideologisch möglich wären, haben ein viel zu schlechtes Standing im Volk. Deshalb dürfte sich die "Schneerevolution" verlaufen.

Geändert hat sich allerdings die Wahrnehmung. Das Volk ist politischer geworden. Bisher war politische Aktivität, ganz gleich in welcher Richtung, die Sache von wenigen engagierten Bürgern. Nunmehr sind die Bürger wieder viel stärker in das politische Geschehen involviert. Fraglich ist allerdings, ob davon etwas beim deutschen Medienkonsumenten ankommt. Denn dafür müßten unsere Journalisten ihre manichäischen Weltbilder aufgeben.

Und noch eine Prognose: Ja, Putin wird im März wieder zum Präsidenten gewählt werden, sofern nicht zwischenzeitlich die Erde bebt oder er stirbt. Doch dies wird seine letzte Amtszeit sein. Er hat dann seine Mission erfüllt. Das Land hat sich erholt und ist stabil, der Wohlstand der Bürger ist deutlich gewachsen, wichtige Reformen sind durchgeführt. Und die Bürger können fleißig Vkontakte und Facebook nutzen, weil sie nicht mehr in langen Schlangen vor leeren Geschäften anstehen und um die Zuteilung von Lebensmitteln kämpfen müssen.

Das hektische Herbeireden und -schreiben einer "Revolution" beeindruckt mich nicht. Ich erinnere mich noch sehr gut an die Jahre 2006/2007, als sowohl in Rußland als auch hierzulande viele Journalisten, Politologen usw. darüber rätselten, wie Putin es schaffen könnte, nach Ablauf seiner zweiten Amtszeit nicht aus dem Amt scheiden zu müssen. Viele meinten, es würde eine kurzfristige Verfassungsänderung oder gar einen Putsch geben. Doch nichts dergleichen geschah, Wladimir Wladimirowitsch ist einfach aus dem Kreml gegangen. Deshalb begegne ich kurzatmigen Horrorszenarien mit Skepsis.


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Sonntag, 21. August 2011

Anarchismus im ZDF

DTN News - LONDON RIOTS NEWS: London Rioters Resent Media Image Of Hooded Teen Thug




Es ist Sommerzeit und damit für das deutsche Fernsehen wieder Gelegenheit, Reportagen aus Rußland und anderen Nachfolgestaaten der Sowjetunion zu senden, zumal sich dieser Tage der Putschversuch vom August 1991 zum zwanzigsten Mal jährt. So hatte sich das ZDF in seiner dreiteiligen Reihe "Die Schönen des Ostens" am 11. August Sankt Petersburg vorgenommen (Video).



Zunächst ließ sich die Reportage ganz gut an, doch zur Mitte hin versank Anne Gellineks Produkt wieder in den üblichen und lange gepflegten Rußlandklischees des deutschen Fernsehens. Die deutschen Sender können offenbar nicht ohne Straßenkinder, Alkoholiker und verlodderte Komunalkas auskommen. Doch wo waren die normalen Menschen, deren überwiegender Teil in Eigentumswohnungen lebt? Wo waren die Bewohner der neuen, seit Jahren aus dem Boden sprießenden Straßenzüge? Kurzum: Wo waren die "Iwan-Normalbürger", die weder auf der Straße noch in Luxusvillen leben? Von den im Film vorgestellten Personen kommen ihnen nur der Brückenwärter und - mit Abstrichen wegen ihrer besonderen Herkunft - die adeligen Damen nahe.



Mit diesen Defiziten könnte man (zähneknirschend) leben, denn sie sind in deutschen Medien so normal, daß sie keine besondere Aufmerksamkeit verdienen. Doch ZDF-Korrespondentin Gellinek glaubte wohl, sie müsse auch noch politisch werden und hat ausführlich die Anarchistengruppe "Wojna" porträtiert. Wojna heißt auf Deutsch "Krieg" und die Protagonisten dieser Gruppe wähnen sich im Krieg gegen das "System". Alle Politiker wären unfähig (komischerweise sagen Wirtschaftsdaten und Meinungsumfragen etwas anderes), weshalb es in Rußland eine neue Revolution bräuchte.



Spätestens an dieser Stelle hätte der kritische Journalismus, auf den die deutsche Journaille immer so stolz ist, eingreifen müssen: Revolution warum? Rußland hat in den zurückliegenden 110 Jahren mehrere gewaltsame Revolutionen erlebt und tiefgreifende Veränderungen durchmachen müssen. Allein für die Periode 1917 bis 1922 (Februar- und Oktoberrevolution, Bürgerkrieg, ausländische Intervention) verloren schätzungsweise mehrere Millionen Menschen ihr Leben, von den verheerenden ökonomischen Folgen ganz zu schweigen. Wollen die "Wojna"-Aktivisten erneut ein solches Blutbad heraufbeschwören, wo sich das Land seit etwa zehn Jahren wieder erholt?



An kritischen Rückfragen mangelte es auch, als die Aktionen von "Wojna" gezeigt wurden. Es handelt sich dabei nicht, wie vom ZDF behauptet, um "Kunst" bzw. legitimen, künstlerisch ausgedrückten Protest, sondern durchweg um das Begehen von Straftaten, die nicht nur im angeblich so furchtbar autoritären Putinreich, sondern auch in Deutschland (und den meisten übrigen Staaten) strafrechtlich geahndet würden. Deshalb ist es absurd, wenn "Wojna" als verfolgte demokratische Opposition dargestellt wird.



Zu diesen Straftaten zählen nicht nur zahlreiche Sachbeschädigungen, etwa das Beschmieren von Bauwerken und das Zerstören von Polizeifahrzeugen, sondern auch die tätlichen Angriffe auf Polizeibeamte. Das, was im ZDF als harmlose "Kußattacke" dargestellt wird, ist rechtlich ganz anders zu bewerten. Neben der möglichen Körperverletzung sowie der Frage des Widerstands gegen die Staatsgewalt steht hier vor allem der Vorwurf der Vergewaltigung im Raum. Die genaue Rechtslage in der RF ist mir insoweit zwar nicht bekannt, aber in vielen EU-Staaten gilt ein erzwungener Zungenkuß bereits als vollendete Vergewaltigung! Dies verdeutlicht, daß es sich bei den Wojna-Kämpfern nicht um harmlose Aktionskünstler, sondern um Kriminelle handelt.



Doch die Fehlleistungen beschränken sich insofern nicht nur auf die Rußlandberichterstattung des ZDF. Oftmals wurde in den letzten Wochen versucht, den Gewaltausbrüchen in London, Madrid und Berlin eine politische Note zu geben. Das ist ein Reflex der seit hundert Jahren geübten Praxis, andere Personen oder einfach "die Gesellschaft" für Straftaten verantwortlich zu machen, nur nicht denjenigen, der sie tatsächlich begangen hat. Doch worin besteht die angeblich politische Botschaft wahllos angezündeter Autos in der deutschen Hauptstadt? Wieso unterstellt man dem tagelang in Großbritannien randalierenden Mob politische Intentionen, wenn kein einziges Plakat zu sehen war und die Chaoten sich auf das Morden, Plündern und Brandschatzen in ihrer eigenen Nachbarschaft (!) beschränkten, während die angeblich am allgemeinen Elend schuldigen Großbanken etc. verschont blieben? Wie krank muß man sein, um gemeine Diebstähle als "sozialen Protest" auszugeben?



Nein, in England und andernorts zeigt sich nicht die Not der europäischen Jugend, sondern eine weitverbreitete Lust an Gewaltstraftaten. Es wäre die Aufgabe der Sicherheitsbehörden, dabei nicht tatenlos zuzusehen, sondern unverzüglich und energisch einzuschreiten. Die Versammlungsfreiheit gilt auch nach Artikel 11 EMRK nur für friedliche Veranstaltungen, nicht für Randale.

Die tendenzielle Schönfärberei von Straßengewalt durch die deutschen Medien hat sich schon Anfang diesen Jahres im Kult um den "arabischen Frühling" gezeigt (vgl. hier, hier, hier und hier). Da im Nahen und Mittleren Osten nunmehr der Katzenjammer Einzug gehalten hat, muß sich die Revolutionslust der (oft linksdrehenden) Journalisten und Sozialwissenschaftler andere Spielwiesen suchen. An die mittelbaren und unmittelbaren Opfer ihrer verantwortungslosen Agitation denken diese Herrschaften freilich nicht.





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Mittwoch, 11. Mai 2011

Die deutsche Frage I

Seit Jahren muß ich feststellen, daß es in Deutschland zwei verschiedene Debatten über historische Themen gibt, die zum Teil nur wenig miteinander verknüpft sind. Da ist einerseits die fachwissenschaftliche Diskussion im akademischen Raum, mit Aufsätzen, Quelleneditionen und umfangreichen Monographien und Sammelbänden. Auf der anderen Seite dann die „populärwissenschaftliche Diskussion“, die von preiswerten Taschenbüchern (z.T. ohne Fußnoten) und Fernsehsendungen geprägt wird, wobei Guido Knopp noch als vergleichsweise hochwertig gelten darf. Die Qualität letzterer variiert, zumal es offenbar mehr auf die möglichst „spannende“ Vermittlung als auf die inhaltliche Richtigkeit ankommt. (Wie könnte man sonst z.B. erklären, daß in schöner Regelmäßigkeit suggeriert wird, in der DDR wären Anfang der 1980er Jahre Mittelstreckenraketen vom Typ SS-20 stationiert gewesen?)

Ein besonderes Kennzeichen dieser zweiten Diskussion ist ihre inhaltliche Einschränkung. Man hat den Eindruck, als ginge es eher um Volkspädagogik oder Propaganda. Namentlich die wechselvolle Geschichte der deutsch-sowjetischen Beziehungen nach 1939 wird in diesem Sinne beackert. Vor allem im westlichen Teil Deutschlands hatte man sich nach 1945 ein paar nette Legenden und Selbstrechtfertigungen aufgebaut (z.T. in direkter Anknüpfung an die NS-Propaganda), von denen manche unserer Mitbürger bis heute nicht recht lassen können. Zu tief scheint noch der Ost-West-Gegensatz in den Knochen zu stecken. Es gibt zahlreiche dieser Einzelfragen, zu denen Guido Knopp & Konsorten regelmäßig eine quasi amtliche Einheitsmeinung präsentieren, während die Forschung schon erheblich weiter ist. Doch könnten deren Ergebnisse wohl manche selbstgerechte Position („wir waren die Guten“) ins Wanken bringen.

Eines jener Bücher, die geeignet sind, bisherige Gewißheiten zu erschüttern, ist „Pax Sovietica – Stalin, die Westmächte und die deutsche Frage 1941-1945“ von Jochen Laufer. Sein Untersuchungsgegenstand ist die unter sowjetischer Vorherrschaft nach 1945 durchgesetzte Friedensordnung im Osten Europas, die er als pax sovietica versteht. Laufer kann die Grundlinien der sowjetischen Außenpolitik bezüglich Deutschlands darstellen, die vom Streben nach Sicherheits- und Einflußzonen im Vorfeld des Territoriums der UdSSR geprägt war. Eine nach 1945 in Westdeutschland wichtige Behauptung kann er jedoch widerlegen: Es gab in der sowjetischen Führung kein Streben nach einer „Bolschewisierung Europas“ und mithin auch keinen „Griff nach der Weltmacht“. Der Sieg über das Deutsche Reich und dessen Besetzung gemeinsam mit den anderen Alliierten waren die Kriegsziele im Zweiten Weltkrieg.

Das Lesen von Laufers Buch, das in ein größeres Forschungsprojekt eingebunden ist, ist ein Genuß, der uns heute – vor allem, wenn es um die sowjetische Geschichte geht – nur selten zuteil wird. Kenntnisreich stellt er nicht nur die sowjetischen Quellen dar, sondern stellt sie auch in den jeweiligen internationalen Zusammenhang. D.h. es werden auch die maßgeblichen britischen und amerikanischen Quellen hinzugezogen, um einen Vorgang darzustellen. Kurzum: Diplomatiegeschichte, wie sie eigentlich betrieben werden sollte. Dabei gelingt es dem Autor, viele relevanten Vorgänge im Detail nachzuvollziehen.

Die behandelten Themen sind so vielfältig, wie es auch die Beziehungen zwischen der UdSSR, den USA und Großbritannien während der Kriegszeit waren. Der Leser erfährt z.B., daß man in London und Washington bis Ende 1942 ständig mit dem Zusammenbruch der SU und demzufolge mit ihrem Ausscheiden aus dem Krieg gerechnet hat. Oder daß es in den westlichen Hauptstädten durchaus die Meinung gab, Deutschland und die Sowjetunion sollten sich gegenseitig schwächen, was für die Westmächte letztendlich nur gut sein könne. Oder wie mühselig es war, substantielle völkerrechtliche Vereinbarungen über das Kriegsbündnis der drei Staaten herbeizuführen – ein Bündnis, das mehrfach von ernsten Spannungen fast gesprengt worden wäre. Die sowjetische Position wurde schließlich durch ein Wechselspiel zwischen eigener militärischer Machtentfaltung, dem Gestaltungswillen Stalins und der militärischen Schwäche der Westmächte geprägt. Stalin war klar, daß er auf warme Worte allein nicht bauen konnte, weshalb es militärischer Siege bedurfte, um auch auf dem diplomatischen Feld erfolgreich zu sein.

Darüber hinaus werden auch interessante Details gestreift, z.B. wie es zur Aufteilung Deutschlands in Besatzungszonen kam, wie deren Grenzen festgelegt wurden, wie man sich die Zeit nach dem Sieg vorstellte u.v.a.m. Mir war bisher nicht bekannt, daß der Verlauf der Westgrenze der SBZ bzw. DDR auf einen Entwurf britischer Planer zurückgeht, der weitgehend „durchgewinkt“ wurde. Die wechselvollen Beziehungen zwischen den drei späteren Siegermächten sind auch hinsichtlich ihrer „atmosphärischen“ Details spannend nachzuvollziehen.

Fazit: „Pax sovietica“ ist mit über 600 Seiten nicht nur gewichtig, sondern auch inhaltlich eine überaus wichtige Abhandlung zu vielen Fragen der sowjetischen Außenpolitik sowie der alliierten Deutschlandpolitik in der Zeit des 2. WK. Gestützt ist sie auf eine exzellente Quellenbasis, denn viele der Dokumente aus rußländischen Archiven wurden hierfür erstmals ausgewertet und werden mit Quellen aus anderen Staaten konfrontiert.
Bei Gelegenheit werde ich hier noch einige Aspekte vertiefen, ebenso bezüglich der sowjetischen Deutschlandpolitik nach dem 8. Mai 1945.


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Freitag, 16. Juli 2010

Erinnerungen an die gute alte Zeit


Der Spionageskandal in den Vereinigten Staaten hat vor einer Woche ein unerwartet schnelles Ende gefunden. Zehn verhaftete Personen haben sich schuldig bekannt, als nichtregistrierte Vertreter eines fremden Staates tätig gewesen zu sein; acht davon haben ferner zugegeben, unter falscher Identität gelebt zu haben. Auf die Stars der Affäre - Anna Chapman, Vika Pelaes und Michail Semenko - traf dies freilich nicht zu und es sind gerade diese beiden, wo die Beweise für die behauptete Agententätigkeit am dünnsten waren und wohl nur durch agents provocateurs des FBI gewonnen werden konnten.
Die Gründe für das schnelle Ende waren vielfältig: Die amerikanische Regierung hatte wohl kein Interesse an einem langwierigen Gerichtsverfahren, dessen Publizität in keinem Verhältnis zum verhandelten Straftatbestand gestanden hätte. Zudem wären darin unweigerlich Details aus der Arbeit der US-Nachrichtendienste offenbart worden. Letzteres wäre besonders pikant gewesen, sollen doch die entscheidenden Tips von einem ehemaligen GRU-Offizier gekommen sein, der vor zehn Jahren desertiert ist. Und die Gerichtsfestigkeit der Beweise dürfte z.T. zweifelhaft gewesen sein.

(In dieser Woche ist aber noch ein mysteriöser zwölfter "Spion" auf- und gleich wieder abgetaucht, dessen Geschichte wiederum Zweifel hinsichtlich der politischen Absichten weckt.)

Im übrigen verweise ich auf diesen Artikel der Washington Post, in dem u.a. dargelegt wird, daß die Festnahme einer langwierigen Vorbereitung, auch auf höchster Ebene, vorausging. Sonach könnte die Herbeiführung eines Agentenaustausches von Beginn an der eigentliche Zweck der Aktion gewesen sein, wobei in der RF wohl überraschend wenige verurteilte Spione im Gefängnis sitzen. Die Verhandlungen über den Austausch wurden dann auf höchster Ebene zwischen den Direktoren von CIA und SWR, Leon Panetta und Michail Fradkow, geführt.

Während die zehn, ausweislich der Anklage, keine Spionage betrieben haben, sieht das bei den vier Russen, gegen die sie ausgetauscht worden sind, schon anders aus. Drei davon sind ehemalige Nachrichtendienstoffiziere (Alexander Saporoschskij, Sergej Skripal und Gennadij Wassilenko), wovon einer für den MI-6 und zwei für die CIA gearbeitet haben.

Der vierte, Igor Sutjagin, ist ein Sonderfall. Er gibt zu, in seiner Funktion als Wissenschaftler verteidigungsrelevante Informationen seines Heimatlandes gesammelt und an eine britische Firma verkauft zu haben. Während Staatsanwaltschaft und Gericht darin eine Tätigkeit für die CIA sahen und ihn verurteilt haben, hat er immer behauptet, diese Informationen seien nicht geheim und der Empfänger sei kein Nachrichtendienst gewesen. An dieser Geschichte haben der Mann und seine Verteidiger bis zuletzt festgehalten; sogar Amnesty International hat sich eingeschaltet und vermeintliche Menschenrechtsverletzungen beklagt.
Dennoch geben zwei Punkte zu denken. Erstens: Warum versank die ominöse, in London ansässige Beraterfirma in der Versenkung, nachdem Sutjagin angeklagt worden war? Alles nur Zufall? Und zweitens: Warum hätten die USA ihn als Austauschobjekt in einem 10:4-Tausch akzeptieren sollen, wenn er angeblich nur der Spionagemanie rußländischer Sicherheitsbehörden zum Opfer gefallen ist? Fazit eines Beobachters: "So we are left to interpret his freeing as either a human rights campaign by the US/UK negotiators or as a successful effort to “not leave a man behind.”"

Die von AI behauptete Zwangsexilierung liegt übrigens nicht vor; alle Ausgetauschten sind begnadigt worden, verfügen über gültige Pässe und könnten daher ohne weiteres in die RF zurückkehren - als freie Menschen, wohlgemerkt. Die zehn in den USA festgenommenen wurden erst einmal zu mehrtägigen Haftstrafen verurteilt, um daraufhin ausgewiesen zu werden. Sie erhielten zudem ein lebenslanges Einreiseverbot für die Vereinigten Staaten, ihr gesamtes Eigentum wurde eingezogen und alle Einahmen, die sie in den USA aus einer eventuellen Verfilmung ihrer "Abenteuer" erzielen könnten, sollen dem amerikanischen Staat zufallen.

Die Agentenaffäre hat sehr viel öffentliche Aufmerksamkeit gefunden, Erinnerungen an das Spionagegeschäft des Kalten Krieges wurden wach. Es war diese Öffentlichkeitswirkung und ihre interessante Eigendynamik, mit der sich Sean Guillory in zwei lesenswerten Artikeln (siehe hier und hier) beschäftigt. Das verdeutlicht auch der Fall von Anna Chapman, deren in London lebender Ex-Mann die Gelegenheit nutzte, um seine Gewesene öffentlich bloßzustellen, indem er nicht nur aus ihrem Eheleben plauderte, sondern auch Nackfotos von ihr publizieren ließ.

Was bleibt politisch von der Affäre? Vermutlich nichts. Die Medien konnten das Sommerloch mit reißerischen Stories füllen. Das FBI konnte zehn Jahre lang seine Agenten in der Beobachtung fremder Agenten schulen, deren Gefährlichkeit sich auf das Infilitrieren kleinstädtischer Gartenfeste beschränkte. Manche Kommentatoren veruschen daraus noch Kapital schlagen, indem sie auf der angeblichen Spionagebesessenheit der Russen herumreiten - als ob die Mitarbeiter von CIA, NSA & Co. den lieben langen Tag nur in der Nase bohren und sinnlose Spesen produzieren würden. Doch dergleichen wird hoffentlich niemand ernstnehmen. Ach ja, Miß Chapman wird sich wohl in eine Gerichtsschlacht mit ihrem Ex-Mann stürzen. Aber das ist nur noch ein Thema für die Boulevardpresse.



Weiterführende Links:

U.S. seized opportunity in arrests of Russian spies

Craving Cold War

The Lords Of The Ring

Are your barbecues breeding Bolsheviks?

Wer sind die vier US-Spione?

Agententausch unter Freunden

Bettering the World 14 Spies at a Time

And Then There Were Twelve

Spioniert Obama für Russland?

Spy Swap Photos, Coverage in Russia




Abschließend möchte ich noch einen Aspekt vertiefen, der mit dem oben bereits erwähnten Igor Sutjagin zusammenhängt. Die Angelegenheit ist wirklich kurios: Erst verkaufte er geheime Informationen an einen fremden Staat (konkret GB - wo er zukünftig leben wird - und/oder die USA) und als es ihm dafür an den Kragen gehen sollte, wurde die Menschenrechtskarte ausgespielt: Er sei ein unschuldig verfolgter Wissenschaftler, der in einem politisch motivierten Prozeß verurteilt worden sei. So ließ sich nicht nur Amnesty, sondern auch die von der US-Regierung finanzierte Organisation Freedom House, an deren Spitze ein ehemaliger CIA-Cef steht, vernehmen. Ljudmilla Alexejewa von der Moskauer Helsinki-Gruppe schimpfte über die "Spionomanie", der Sutjagin angeblich zum Opfer gefallen sei. Und dreimal darf man raten, wer an der Fianzierung der Helsinki-Gruppe maßgeblich beteiligt ist - richtig, die Regierungen der USA und des Vereinigten Königreichs.
Diese Idee ist geradezu genial - erst vertrauliche Informationen abschöpfen und dann den Informanten nach seiner Enttarnung als Symbol der "Unfreiheit" im Gefängnis vor sich hin rotten lassen.

Sutjagin ist nicht der einzige, bei dem nach diesem Strickmuster verfahren wurde. Der bekannteste ist wahrscheinlich Alexander Nikitin. Der Marineoffizier hatte Mitte der 1990er Jahre Unterlagen aus seiner Dienststelle entwendet und einer norwegischen Umweltschutzorganisation übergeben. Er hat dies auch nie bestritten, sondern darauf bestanden, daß diese Unterlagen nicht geheim gewesen seien. Nach mehreren Gerichtsverfahren wurde er schließlich freisgesprochen, weil das Strafrecht der RF insofern lückenhaft ist (wenn man es etwa mit dem deutschen vergleicht). Nikitins Beispiel hat Schule gemacht.
Nächster Fall: Grigorij Pasko, ebenfalls Marineoffizier. Er hatte für eine Militärzeitung gearbeitet und als geheim eingestuftes Material an Japan übergeben. Auch er bestreitet die ihm zur Last gelegten Handlungen nicht, sondern behauptet, es hätte sich nicht um Staatsgeheimnisse gehandelt. In seinem Fall haben sich die "Menschenrechtler" zusätzlich auf die Pressefreiheit berufen - wohl in dem Mißverständnis, daß Paskos Dienstpflichten als Staatsdiener durch seine Zeitungstätigkeit aufgehoben worden seien.
Oder Valentin Danilow. Der Physiker hatte Forschungsergebnisse von Geheimprojekten an China weitergegeben. Auch hier ist das Strickmuster wie gehabt: Die Tat an sich wird nicht bestritten, der Angeklagte behauptet nur, daß es keine Geheimnisse gewesen seien. Und wieder sind die unvermeidlichen Menschenrechtler zu seinen Gunsten aufgetreten.

(Ironischerweise sind es dieselben russischen "Liberalen" wie z.B. Julia Latynina, die jedem, der ihre bizarren Vorstellungen nicht teilt, unterstellen, er arbeite für rußländische Geheimdienste.)

Diese Befunde, die ich erst infolge des jüngsten Agentenskandals recherchiert habe, bestärken mich in meiner kritischen Haltung gegenüber der sog. russischen Opposition. Wenn man die Verlautbarungen von Memorial, der Helsinki-Gruppe u.a. liest, dann wird man als durchschnittlicher Deutscher viel hahnebüchenes feststellen. Das heißt nicht, daß es in der RF keine Menschenrechtsverletzungen gäbe! Mitnichten, dergleichen passiert in jedem Land (sonst hätte das deutsche BVerfG nichts zu tun). Aber die von diesen Gruppen hochgeschossenen Fälle von Landesverrätern sind nicht geeignet, auf tatsächlich vorhandene Bürgerrechtsprobleme hinzuweisen.

Die Verurteilten haben hoch gepokert und verloren. Pech gehabt, ich kann kein Mitleid mit einem Offizier empfinden, der aus seiner Dienststelle Unterlagen stiehlt, um sie einem fremden Staat zu übergeben. Daß man so etwas als Staatsdiener nicht tun darf, sollte sich von selbst verstehen. Es ist schon eine Weile her, als ich letztmalig eine Geheimhaltungserklärung unterschreiben mußte, doch soweit ich mich entsinne, ging deren Text sehr weit und läßt sich auf den Tenor bringen: Über alle dienstlichen Vorgänge ist - unter Strafandrohung - Stillschweigen zu bewahren. Punkt. Dies ist weder in Deutschland noch in Rußland eine Menschenrechtsverletzung, sondern gesunde Normalität. Eine öffentliche Verwaltung kann anders nicht funktionieren.



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Fotos: www.russiablog.org.

Samstag, 12. Juni 2010

Luftpistolenschießen wird immer populärer

Die junge Schützin Jekaterina Barsukowa mit ihrer Trainerin Jelena Abarinowa.


Wer sich angesichts der Überschrift fragt, ob von Deutschland die Rede ist, den kann ich beruhigen: Nein, natürlich nicht. Hierzulande wird weiter gegen jede Art von Schießsport gehetzt - selbst dann, wenn lediglich harmlose Druckluftwaffen Verwendung finden (siehe z.B. hier und hier). In Schottland sind die Waffengegner sogar noch weiter; dort werden jetzt sämtliche Luftgewehre und -pistolen unter Erlaubnispflicht gestellt. Aber noch gibt es, auch in Europa, Gesellschaften, die sich diesen Dekadenzerscheinungen widersetzen. Rußland gehört dazu.

Der deutschsprachige Dienst des Rundfunksenders Stimme Rußlands hat am 29. Mai einen interessanten Beitrag über das LP-Schießen von Moskauer Jugendlichen gebracht. Darin wird auch ein Blick auf die Entwicklung des Schießsports in der RF geworfen, wo die Frauen langsam zu dominieren scheinen:
"[...] Dieses Jahr - 2010 - kann als Olympisches Jahr bezeichnet werden. Die Winterolympiade in Vancouver ging zu Ende, und im August wird in Singapur die erste Sommer-Olympiade der Junioren im Alter von 14 bis 18 Jahren stattfinden. Eine der Sportarten, die dort vertreten sein werden, ist das Luftpistolenschießen. Die verdiente Trainerin Russlands Jelena Abarinowa brachte [der Reporterin, E.K.] Anna Akopowa das Luftpistolenschießen bei.

Die Schützlinge von Jelena Abarinowa sind Sieger der Europa-Meisterschaft. Jekaterina Barsukowa brachte aus Deutschland 3 Silbermedaillen der jüngsten Wettkämpfe. Sie sagte, dass die deutsche Auswahlmannschaft im Luftpistolenschießen eine sehr starke Konkurrenz für Russland darstellt. Aber man hat überall Angst vor unseren Sportlern.

In Tschechien fanden praktisch gleichzeitig mit den Wettkämpfen im Luftpistolenschießen in Deutschland internationale Wettkämpfe teil, aber ältere Sportler. Die Deutschen gewannen alle Medaillen. Was die Wettkämpfe unter den Junioren in Deutschland betrifft, so gewann meine Freundin Katja Lewina eine Goldmedaille. Ich dachte bis zum Schluss, dass ist siegen wird, aber sie schoss besser.

Die Trainerin der höchsten Kategorie im Pistolensportschießen Jelena Abarinowa arbeitet mit ihren sechs Schützlingen in der Moskauer Schule der olympischen Reserve Nr. 2. Es stellte sich heraus, dass in der Schule nur Mädchen sich mit dem Schießen befassen. Als unsere Korrespondentin fragte, worauf das zurückzuführen ist, erläuterte die Trainerin. Es ist schwer zu sagen, wer mehr Sport treibt - die Jungen oder die Mädchen. Das Schießen assoziiert sich mehr mit Männern, aber bei uns gibt es keine Privilegien aus Geschlechtsgründen. Warum Mädchen? Sie waren einfach würdiger als jene Jungs, die versuchten in unsere Schule aufgenommen zu werden. Man muss bestimmte Verpflichtungen erfüllen, um in der Schule der olympischen Reserve zu lernen. Man muss eine gute Gesundheit haben, sehr gut lernen, weil parallel zum Schießen der Bildungsprozess verläuft, und natürlich sportliche Errungenschaften demonstrieren. Die Ergebnisse dieser Mädchen entsprachen den Anforderungen. Alle kommen aus verschiedenen Städten, unter ihnen gibt es keine Moskauerinnen.

Wenn sie bei den russischen Wettkämpfen erfolgreich auftreten, dann haben sie Chancen in die Auswahlmannschaft des Landes zu gelangen und an Europa- und Weltmeisterschaften teilzunehmen. Zwei hervorragende Sportlerinnen, über die wir bereits sprachen, gewannen die Lizenz, die ihnen das Recht gibt an den Olympischen Spielen der Junioren in Singapur im Sommer 2010 teilzunehmen. Die Spezialisierung der Mädchen ist die Pistole, weil zum Schießen auch das Gewehrschießen gehört. In Moskau gibt es nur in dieser Schule eine Abteilung für Schießen.

Warum entschloss sich Jekaterina Barsukowa für diese, wie es scheint, männliche Sportdisziplin? Sie sagte im Gespräch mit unserem Korrespondenten:

„Die Eltern meiner Freundin sind Trainer im Schießen, und wir gingen ein Mal zum Schießplatz, wo sie arbeiten. Man schlug mir vor zu schießen. Mir gefiel das. Das Schießen war für mich zuerst wie ein Hobby. Dann hat man mir vorgeschlagen mich damit professionell zu befassen, ich verhielt mich zur Sache ernst. Dann nahm ich an Wettkämpfen teil, die in Smolensk stattfanden. Ich trat erfolgreich auf und wollte etwas Besseres erreichen. Dieses Streben ging so weit, dass ich etwas Größeres erreichen will".

Vielleicht werden Mädchen aus der Moskauer Schule der Olympischen Reserve Nr. 2 in absehbarer Zukunft Olympiasiegerinnen in Singapur und danach auch bei der Olympiade in London 2012 sein."

Verwandte Beiträge:
Schießsport in der ehemaligen UdSSR und Rußland
Zur Lage des Schießsports in Rußland
Die Russischen Schießsport-Meisterschaften 2010
Schießsport im Fernsehen
15.07.2009: Bilder des Tages
22.03.2009: Bilder des Tages

Foto: Anna Akopowa/german.ruvr.ru.

Montag, 24. Mai 2010

Söldner oder Bürger in Uniform?


Der 12. Juli des Jahres 1871 war ein stürmischer Tag in New York. Stürmisch zumindest im politischen Sinne, denn anläßlich eines politischen Aufzuges kam es zu gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen protestantischen und katholischen Einwanderern aus Irland. Mittendrin: Mehrere Regimenter der Nationalgarde des Staates New York, welche die Ausschreitungen eindämmen sollen. Am Ende der "Orange Riots" sind Dutzende Tote und Hunderte Verletzte zu beklagen. Mitverantwortlich dafür war der schlechte Ausbildungszustand der Nationalgardisten. Dies gab den Anstoß für die Gründung jener Organisation, die wir heute unter dem Namen National Rifle Association (NRA) kennen. Die Gründerväter - William Church und George Wingate - wollten insbesondere die Mängel im Schießwesen der Bürgermiliz abbauen. So gingen die Landesverteidigung und der Schießsport eine langandauernde Symbiose ein, für die heute in den USA vor allem das Civilian Marksmanship Program (CMP) mit den National Matches in Camp Perry als sportlichem Höhepunkt steht. Schnitt.



Im 19. Jahrhundert hatten sich im heutigen Südafrika zwei Burenstaaten, die von den Nachfahren niederländischer Einwanderer gegeründet worden waren, etabliert: Transvaal und der Oranje-Freistaat. Die meisten Buren waren Landwirte und somit gehörte die Jagd zu ihren alltäglichen Beschäftigungen, wobei die Munitionskosten zu einem sparsamen Verbrauch und damit zu treffsicherem Schießen zwangen. Ein Bure berichtete später aus seiner Jugend, wie ihm sein Vater ein Gewehr und eine Patrone gab - verbunden mit dem Auftrag, ein Tier zu erlegen, um den Kochtopf zu füllen. Und er hat seinen Vater nicht enttäuscht (anderenfalls hätte es vermutlich Prügel gegeben).

Als 1899 der Zweite Burenkrieg ausbrach, lehrten die Buren den einrückenden Truppen Ihrer britannischen Majestät das Fürchten. Sie waren nicht nur hervorragende Schützen, sondern mit dem Mausergewehr auch noch exzellent bewaffnet - und damit den Briten nicht nur ebenbürtig, sondern partiell überlegen. Im Dezember 1899 verbluteten vor den Magersfontein-Bergen über tausend englische Soldaten, wohingegen die zahlenmäßig schwächeren Bureneinheiten kaum 300 Mann verloren hatten. Und hier spielte das vollautomatische Maschinengewehr, das später im Russisch-japanischen Krieg (1905/05) und im Ersten Weltkrieg (1914-1918) so gewaltige Verluste fordern sollte, noch keine Rolle.



Doch während es sich bei den afrikaanischen Soldaten um exzellente Schützen handelte, hatte man in der britischen Armee (wie in den meisten europäischen Armeen zu Beginn des 20. Jh.!) den Bajonettangriff favorisiert. Um einen solchen erfolgreich durchführen zu können, muß man jedoch erst einmal auf Nahkampfweite an den Gegner herankommen. Wie miserabel die englische Schießausbildung war, mag die folgende Zahl illustrieren: Noch anno 1902 trafen bei einem Armeewettkampf von 1100 abgegebenen Schüssen nur fünf die Scheibe. Kein Wunder, mit den etatmäßigen 30 Schuß pro Mann für drei Jahre lassen sich keine treffsicheren Schützen heranbilden.

Welche Konsequenzen zogen die Briten aus ihren anfänglichen Niederlagen im Burenkrieg? Unter anderem wurde die Schießausbildung verbessert. Zunächst sammelten die Offiziere Geld für zusätzliche Übungsmunition. Die bereits Ende der 1850er Jahre unter den (ebenfalls verheerenden) Eindrücken des Krimkrieges entstandene Freiwilligenbewegung erhielt neuen Auftrieb. In diesem Kontext ist auch die 1859 gegründete britische NRA zu sehen, die sich - als zivile Organisation - der Pflege des Gewehrschießens gewidmet hat. Um die Jahrhundertwende kamen noch Wettkämpfe mit den damals neuen Kleinkalibergewehren sowie entsprechende Vereine hinzu. So gehörten der Society Of Miniature Rifle Clubs im Jahre 1914 über 200.000 Mitglieder an. Dies alles geschah auch mit dem Ziel, die Verteidigung des Empires sicherzustellen. Schnitt.



Wir schreiben den Sommer 1941. Deutsche Truppen stoßen tief in die Sowjetunion vor. In der seit 1927 existierenden sowjetischen Wehrsportorganisation Osoaviachim wird auch der Schießsport gepflegt - und zwar nicht nur von Männern, sondern - die Gleichberechtigung schreitet voran - auch von zahlreichen Frauen. Zwar war der Zweite Weltkrieg erheblich stärker technisiert (um nicht zu sagen: industrialisiert) als der Burenkrieg, weshalb den Einzelschützen immer weniger Gewicht zukommt. Doch kann man auch unter diesen Umständen nicht ganz auf den gezielten Einzelschuß verzichten.



Mithin hat man in der Roten Armee relativ viel Wert auf das Scharfschützenwesen gelegt. Unter den sowjetischen "Snajpery" waren im Jahr 1943 über 1.000 weibliche Soldaten, die freiwillig der Roten Armee beigetreten waren. Die meisten von ihnen dürften so wie Ljudmila Pawlitschenko in der Osoaviachim mit dem Schießen, das im Notfall auch der Landesverteidigung dienen konnte, begonnen haben. Schnitt.



Auch nach 1945 wurde und wird in vielen europäischen Staaten den grundsätzlich zivilen Schieß-Sport unterstützt, um die Bürger auch zu guten Verteidigern des Vaterlandes heranzuziehen. Zu nennen sind hier etwa die Jungschützenkurse in der Schweiz, die enge Anbindung der Schützenverbände an die Verteidigungsministerien in den skandinavischen Staaten. Oder in unserem Nachbarland Polen die Liga zur Verteidigung der Heimat (LOK), welche unter anderem als Schießsportverband fungiert (siehe z.B. hier), sowie die von den Schulbehörden organisierten Schülerwettbewerbe im Gewehrschießen namens "O Srebrne Muszkiety" (dt.: Über silberne Musketen), die von lokalen Wettkämpfen bis hin zu polnischen Meisterschaften gehen. Schnitt.



Frühjahr 2010, Nordafghanistan. Deutsche Soldaten werden zunehmend in heftige Gefechte mit bewaffneten Einheimischen verwickelt; die Zahl der Gefallenen steigt. Unter den dabei in der Bundeswehr zutage getretenen Mängeln ist Medienberichten zufolge auch die unzureichende Ausbildung der eingesetzten Soldaten an ihren Handfeuerwaffen. In der Heimat müsse gespart werden, weshalb auch die Schießausbildung häufig auf der Strecke bliebe.

Was müßte jetzt eigentlich in Deutschland passieren, wenn man die soeben skizzierten Beispiele aus anderen Staaten als Maßstab nähme? Patriotische und wehrwillige Bürger sowie die Schießsportverbände würden mit dem Bundesverteidigungsministerium kooperieren, um angehenden Rekruten noch vor ihrer Einberufung ein erstes Schießtraining zuteil werden zu lassen. Doch dergleichen geschieht in der Bundesrepublik Deutschland anno 2010 nicht und wird wohl auch in Zukunft nicht geschehen. Das vielbeschworene bürgerschaftliche Engagement ist in dieser Richtung nicht gefragt. Warum?





Erstens ist vielen Deutschen alles, was im weitesten Sinne mit Waffen und Militär zu tun hat, suspekt geworden. Die Schießsportverbände tun daher (klugerweise) alles, um irgendwelche paramilitärischen Anklänge zu vermeiden. Selbst der Reservistenverband bemüht sich um ein betont ziviles, unmilitärisches Erscheinungsbild. Aus der alten preußischen Idee des Staatsbürgers in Uniform, dem (zugespitzten) Ideal des "Volks in Waffen", ist heute der bestenfalls temporär tarnanzugtragende Zivilist geworden. Diese Entwicklung ist in der Sache zwar bedauerlich, sollte nach zwei verlorenen Weltkriegen jedoch keine allzu große Verwunderung hervorrufen.

Freilich kann man so keine Armee führen und unterstützen, die mittlerweile auf weltweite Einsätze ausgerichtet ist. Der Soldat einer solchen Einsatzarmee muß Profi sein. Dadurch vergrößert sich allerdings seine Distanz zur deutschen Mehrheitsgesellschaft deutlich. Die zivile Gesellschaft kann damit leben, solange keine Wehrpflichtigen gezwungen werden, im Ausland zu kämpfen. Das Nebeneinander zwischen Armee und Gesellschaft ist auch für die politische Führung der Bundeswehr kein wirkliches Problem. Denn so kann man die Truppe fast beliebig einsetzen, ohne allzu viel öffentlichen Widerstand fürchten zu müssen. Wenn der Wunsch mancher Politiker wahr würde und sich die Deutschen tatsächlich intensiv für das Schicksal unserer Soldaten in Afghanistan interessieren würden, dann hätten wir vermutlich bald Sitzblockaden vor Kasernen und andere pazifistische Demonstrationen zu erwarten.

Sowohl Volk als auch Politik sind mit dieser Sonderlage der Einsatzarmee zufrieden, wobei deren Soldaten wohl eher als eine Art "Söldner" denn als Mitbürger und Nachbarn gesehen werden. Zu diesem Image trägt natürlich die Art und Weise der Personalgewinnung bei, die (zumindest hier in Ostdeutschland) nicht wenige junge Männer vornehmlich aus finanziellen Erwägungen in die Streitkräfte lockt. Letzteres ist weder schlimm noch unmoralisch, aber es trägt zwangsläufig zur Entfremdung zwischen Front und Heimat bei. Es sind eben nicht "unsere Jungs", die bei Kunduz fallen oder verwundet werden, sondern zumeist anonyme Staatsangestellte, die freiwillig einen Risikoberuf gewählt haben und dafür sehr gut bezahlt werden. (Und die, die unversehrt zurückgekommen sind, haben bisweilen keine Scheu, ihren neuerworbenen Wohlstand zur Schau zu stellen.)





Dazu kommt noch die extreme Unklarheit hinsichtlich der politischen Ziele, die in Afghanistan verfolgt werden. Weshalb stehen im Jahr 2010 deutsche Truppen noch am Hindukusch? Um den afghanischen Frauen den Schleier vom Gesicht zu reißen? Um ihren Töchtern eine Schulbildung zu ermöglichen? Um den seit Jahren abgetauchten Osama bin Laden zu fangen? Um lokale Guerillas und Banditen zu bekämpfen? Um das (zunehmend unzuverlässige) Regime von Hamid Karzai und diverse regionale Fürsten zu stützen? Um die Durchsetzung des islamischen Rechts zu ermöglichen (vgl. Artikel 3 der afghanischen Verfassung von 2004) - Todesstrafe für Konvertiten inklusive? Oder gar, um den Opiumanbau und -handel zu schützen?

Aus den genannten Gründen werden auch sämtliche Initiativen zur Stärkung des zivil-militärischen Verhältnisses wie etwa die gelben Bänder weithin erfolglos bleiben, so lobenswert sie auch sind. Die derzeitige Situation ist den meisten in Deutschland ganz recht, wenn auch aus unterschiedlichen Gründen. Unter die Räder kommen dabei natürlich die betroffenen Soldaten und ihre Familien. Doch das sind zu wenige Wähler, um politisch relevant zu werden.
Somit wird es wohl in der absehbaren Zukunft keine öffentlich wirksamen Denkmäler für gefallene Bundeswehrsoldaten geben, von einem Grabmal des unbekannten Soldaten mitsamt Ewiger Flamme wie z.B. in Paris oder Moskau ganz zu schweigen. Es werden mit Sicherheit keine deutschen Schulen nach in Afghanistan Gefallenen benannt werden, schließlich leben wir in einer "post-heroischen" Gesellschaft (wie selbst BW-Angehörige nicht ohne Stolz verkünden).

Und es wird mit ebensolcher Sicherheit keine, wie auch immer geartete vormilitärische (Schieß-)Ausbildung für junge Männer und Frauen geben, denn Waffen sind grundsätzlich böse, das Militär ebenso und wer sich mit beidem beschäftigt, gehört entweder in die geschlossene Anstalt oder in ein Feldlager im Wüstensand. Aber auf jeden Fall nicht in das heutige Deutschland, das lieber auf "Friedenserziehung" und "gewaltlose Konfliktprävention" setzt. Und wenn unsere unzureichend geschulten Soldaten im Mittleren Osten krepieren? Sei's drum, denn laut Bundesminister a.D. Joschka Fischer gilt bekanntlich die Devise: "Deutsche Helden müßte die Welt, tollwütigen Hunden gleich, einfach totschlagen".


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24.02.2009: Bilder des Tages
Nur ein wehrloses Opfer ist ein gutes Opfer
Schluß mit dem Gewalttabu
Bilder aus Afghanistan
28.01.2009: Gedicht des Tages
03.12.2008: Musik des Tages

Fotos: Library of Congress, www.maxpenson.com, www.zstslubice.edu.pl/muszkiet, Reuters u.a.

Mittwoch, 28. Januar 2009

28.01.2009: Gedicht des Tages

Wenn man die Nachrichten aus Afghanistan liest, sollte man sich der Geschichte der kriegerischen Völker dieses Landes erinnern. Nicht nur die Sowjets haben sich dort in den 1980er Jahren eine blutige Nase geholt, schon im 19. Jahrhundert mußten die Briten dieselbe Erfahrung machen. Daran erinnert dieses Gedicht von Theodor Fontane aus dem Jahre 1847:
"Das Trauerspiel von Afghanistan

Der Schnee leis stäubend vom Himmel fällt,
Ein Reiter vor Dschellalabad hält,
„Wer da!“ – „Ein britischer Reitersmann,
Bringe Botschaft aus Afghanistan.“

Afghanistan! er sprach es so matt;
Es umdrängt den Reiter die halbe Stadt,
Sir Robert Sale, der Commandant,
Hebt ihn vom Rosse mit eigener Hand.

Sie führen in’s steinerne Wachthaus ihn,
Sie setzen ihn nieder an den Kamin,
Wie wärmt ihn das Feuer, wie labt ihn das Licht,
Er athmet hoch auf und dankt und spricht:

„Wir waren dreizehntausend Mann,
Von Cabul unser Zug begann,
Soldaten, Führer, Weib und Kind,
Erstarrt, erschlagen, verrathen sind.

„Zersprengt ist unser ganzes Heer,
Was lebt, irrt draußen in Nacht umher,
Mir hat ein Gott die Rettung gegönnt,
Seht zu, ob den Rest ihr retten könnt.“

Sir Robert stieg auf den Festungswall,
Offiziere, Soldaten folgten ihm all’,
Sir Robert sprach: „Der Schnee fällt dicht,
Die uns suchen, sie können uns finden nicht.

„Sie irren wie Blinde und sind uns so nah,
So laßt sie’s hören, daß wir da,
Stimmt an ein Lied von Heimath und Haus,
Trompeter, blas’t in die Nacht hinaus!“

Da huben sie an und sie wurden’s nicht müd’,
Durch die Nacht hin klang es Lied um Lied,
Erst englische Lieder mit fröhlichem Klang,
Dann Hochlandslieder wie Klagegesang.

Sie bliesen die Nacht und über den Tag,
Laut, wie nur die Liebe rufen mag,
Sie bliesen – es kam die zweite Nacht,
Umsonst, daß ihr ruft, umsonst, daß ihr wacht.

Die hören sollen, sie hören nicht mehr,
Vernichtet ist das ganze Heer,
Mit dreizehntausend der Zug begann,
Einer kam heim aus Afghanistan.
"

Freitag, 19. Dezember 2008

Das Weiterleben der SOE


Wohl jeder, der sich mit der Geschichte der irregulären Kriegführung im 20. Jahrhundert näher beschäftigt hat, weiß mit dem Kürzel SOE etwas anzufangen. Damit ist die Special Operations Executive gemeint, ein britischer Nachrichtendienst während des Zweiten Weltkriegs, der sich allerdings weniger auf die klassische Informationsbeschaffung als vielmehr auf Sabotageangriffe und Kommandounternehmen spezialisiert hatte.

Bisher ging man davon aus, daß diese Truppe nach Kriegsende vollständig aufgelöst worden sei; im Visier-Special 49 ist noch von der "gänzlichen" Abmusterung der "personellen wie materiellen Strukturen" die Rede (vgl. S. 31). Die BBC hat nun anhand kürzlich freigegebener Akten herausgefunden, daß dem nicht so war: "Churchill's secret army lived on".
Ein nicht unbeträchtlicher Teil der vormaligen SOE-Mitarbeiter - rund 300 Mann - wurde sonach in den Nachrichtendienst SIS / MI 6 überführt. Und auch die verdeckten Kleinkriegsoperationen gingen nach 1945 weiter. Etwa in Albanien, im Baltikum und in der Ukraine zur Unterstützung örtlicher Partisanen-/Terroristengruppen. Dergleichen war bis dato nur von den Nachrichtendiensten der USA bekannt, aber offensichtlich haben die Briten munter mitgespielt und waren nicht bis zur Wiederaufstellung des Special Air Service (zu Beginn der 1950er Jahre) zur Handlungsunfähigkeit verdammt.

Angesichts dieser Befunde verwundert es schon, daß sich immer noch auf Seriösität bedachte Autoren finden, die den osteuropäischen Nachrichtendiensten im Kalten Krieg "Paranoia" unterstellen - so, als hätte es derartige Operationen nie gegeben. Desweiteren dürfen wir gespannt darauf sein, was als nächstes aus britischen Archiven ans Licht kommt. Die CIA mußte ja mittlerweile einräumen, daß sie tatsächlich Attentate auf Fidel Castro verübt hat.