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Freitag, 7. Oktober 2011

Rückblende in die Dreißiger


Betrachtet man die Geschichte der Sowjetunion, so stellen sich die 1930er Jahre als eine sehr widersprüchliche Zeit dar. Einserseits gab es eine unheimliche gesellschaftliche Dynamik, die sich z.B. in industriellen Großprojekten und der Erschließung neuer Gebiete äußerte. Es wurden neue Flugzeugtypen entwickelt und Langstreckenrekorde aufgestellt. Die sowjetische Gesellschaft jener Zeit strotzte vor Optimismus und Zukunftshoffnung (was natürlich ganz im Sinne des Marxismus-Leninismus war). Und es gab ja auch Grund zu der Annahme, daß das Land seine Rückständigkeit schnell ablegen könne.
Auf der anderen Seite stehen allerdings die Repressalien, insbesondere die Großen Säuberungen der Jahre 1936 bis 1938. Sie erfaßten weite Teile der Bevölkerung - und vermochten es - erstaunlicherweise - doch nicht, wenn man den Erinnerungen von Zeitzeugen glauben darf, den Menschen ihren Optimismus und auch ihren Glauben an die Partei und Stalin zu nehmen.



Zwei der Vehikel, um den "neuen Menschen", der für den Sozialismus taugte, zu erziehen, waren Körperkultur und Sport. Die 30er waren geprägt vom Massensport, der natürlich vom Staat organisiert und finanziert wurde. Auch hier kann man in den Quellen viel Enthusiasmus finden, der sich etwa auf dem letzten Bild bei einer der zahllosen Paraden zeigt.
Ab Mitte der 1920er Jahre wurde in der UdSSR auch der Schießsport aufgebaut. Er hatte dort (wie in vielen Staaten) immer ein Doppelgesicht: Zum einen leistungsbezogener Sport, zum anderen Mittel der Wehrertüchtigung für alle Bürger. So wurde in den Schießklubs auch das Bajonettfechten geübt. Viele der folgenden Bilder (im unteren Teil) stammen aus Usbekistan, einem islamischen Land, in dem die Frauen erst wenige Jahre zuvor ihre Verschleierung abgelegt hatten. Der (Schieß-)Sport, dem die jungen Usbekinnen nachgingen, hatte mithin noch eine dritte Dimension: Er war ein Weg zur Emanzipation und gesellschaftlichen Gleichberechtigung.



Mögen diese Bilder einen Eindruck vom Leben in den turbulenten 30er Jahren vermitteln, die vielleicht die "authentischste" Epoche der sowjetischen Geschichte waren.














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Fotos: www.maxpenson.com u.a.

Montag, 11. Juli 2011

Spetsnaz XIII: Der Föderale Drogenkontrolldienst (FSKN)

Heute soll eine Sicherheitsbehörde der Rußländischen Föderation vorgestellt werden, die in Westeuropa nur wenig bekannt ist, doch die im eurasischen Raum eine wichtige Rolle spielt. Gemeint ist der Föderale Dienst für die Kontrolle von Narkotika (russ.: Federalnaja slushba po kontrolju sa oborotom narkotikow, Abk.: FSKN), den man als Äquivalent zur amerikanischen Drug Enforcement Administration (DEA) sehen kann.

Geschichte

Der FSKN ist eine junge Behörde. Sein Vorläufer war das 2002 gegründete und dem föderalen Innenministerium (MWD) unterstehende Staatliche Komitee für die Bekämpfung des illegalen Drogenhandels. Im Jahre 2003 wurde dieses Komitee im Zuge der Reform der Sicherheitsbehörden aus dem MWD herausgelöst und verselbständigt (Gosnarkokontrol). Der heute verwendete Name des FSKN wurde 2004 eingeführt. Erster Behördenleiter war seit 2002 Viktor Tscherkessow; 2008 ist ihm Viktor Iwanow als Direktor des FSKN nachgefolgt.

Im Jahr 2004 übernahm der FSKN einen großen Teil des Personals und der Sachmittel der aufgelösten Steuerpolizei. Diese bewaffnete Exekutive der Finanzverwaltung, die in den 1990er Jahren weltweite Berühmtheit erlangt hatte, war entbehrlich geworden, nachdem das rußländische Steuersystem durch eine grundlegende Reform einfacher und durchsichtiger geworden war (z.B. Einkommenssteuer als „flat tax“ von 13 %), weshalb die Bürger ihre Steuern zunehmend freiwillig entrichteten.

Tscherkessows Name wurde durch eine seltsame Affäre beschädigt, als es 2007 den Anschein hatte, daß sich der FSKN und der FSB befehden und ihre Mitarbeiter gegenseitig festnehmen würden.
Bis zum Frühjahr 2011 waren die Dienststellen des FSKN übrigens die einzige Sicherheitsbehörde der RF, die offiziell als „Polizei“ tituliert wurde.


FSKN-Direktor Iwanow während einer Pressekonferenz.


Das Drogenproblem

Einer Schätzung des FSKN aus dem vergangenen Jahr zufolge konsumieren Drogensüchtige in Rußland pro Jahr etwa 30 Tonnen Heroin. Hinzu kommen in großem Umfang Cannabis sowie synthetische Drogen. In 2010 hat die Drogenbehörde insgesamt 49 t Rauschmittel beschlagnahmen können, darunter 3 t Heroin.


Wissenschaftliche Konferenz.


Aufgaben

Das Drogenproblem wird in Rußland sehr ernst genommen und seine Bearbeitung als gesamtstaatliche Aufgabe angesehen. In der 2009 verabschiedeten Strategie der staatlichen Anti-Drogen-Politik kommt dies zum Ausdruck. Darin werden der internationale Drogenhandel und die mit ihm verbundene organisierte Kriminalität (welche als sehr einträglich gilt) als Bedrohung der nationalen Sicherheit eingestuft und zahlreiche Gegenmaßnahmen empfohlen.

Im Gegensatz zu anderen Sicherheitsbehörden der RF sind die Kompetenzen und Befugnisse des FSKN über zahlreiche Gesetze und Rechtsverordnungen verteilt. Ihm obliegt im präventiv-verwaltungsmäßigen Bereich die Kontrolle über den Umgang mit Betäubungsmitteln i.w.S., deren legale Verwendung (z.B. in der Medizin), Herstellung, Ein- und Ausfuhr usw.
Im repressiven Bereich, also bei der aktiven Bekämpfung des illegalen Drogenhandels, besitzt der FSKN kein Monopol; auch die Polizei und der FSB werden auf diesem Gebiet tätig. Gleichwohl ist der FSKN aufgrund seiner Fachkompetenz hier in einer Vorzugsstellung. Seine Kompetenzen beschränken sich nicht nur auf die Drogenkriminalität selbst, sondern schließen auch damit zusammenhängende Delikte wie z.B. Geldwäsche mit ein. Man ist sich darüber im klaren, daß man das gesamte ökonomische Geflecht des illegalen Drogenhandels zerstören muß, um Erfolg zu haben.

Damit dieser nachhaltig wird, muß jedoch auch die Nachfrage nach unerlaubten Drogen reduziert werden. Hier setzt die allgemeine Drogenprävention ein, welcher vom FSKN eine hohe Priorität eingeräumt wird. Die Behörde geht z.B. in Schulen und klärt dort über Drogengefahren auf. Ferner werden Sport- und Kulturveranstaltungen durchgeführt, die Jugendliche für die Risiken sensibilisieren sollen und es gibt – wie auch in Deutschland – öffentliche Kampagnen wie Plakate etc. Deshalb betreibt der FSKN auch eine sehr aktive Öffentlichkeitsarbeit (vielleicht die aktivste aller Sicherheitsbehörden in der RF).


Plakat „Gemeinsam für das Leben - gemeinsam gegen Drogen“.


Organisation

An der Spitze des FSKN steht der Direktor. Ihm unterstehen unmittelbar die Abteilungen des Zentralapparates mit Sitz in Moskau. Dies sind: die Abteilungen für operative Arbeit, Kriminologie und Spezialaufgaben, innere Sicherheit (Antikorruption!), internationale Verbindungen und Recht, Personal, Finanzen etc.

Darunter stehen die territorialen Organe des FSKN. In der Regel handelt es sich dabei um eine Verwaltung für jedes Föderationssubjekt. Deren Leiter bekleiden in der Regel den Rang eines Obersten oder Generalmajors. Den Territorialverwaltungen unterstehen wiederum Abteilungen für einzelne Städte bzw. Kreise. In diesen regionalen und lokalen Behörden wird die Hauptarbeit geleistet.

Als Besonderheit ist das Staatliche Anti-Drogen-Komitee zu nennen, dessen Leitung dem Direktor des FSKN in Personalunion obliegt. Diese interministerielle Dienststelle dient – analog dem Anti-Terror-Komitee – der Koordination verschiedener rußländischer Behörden bei der Bekämpfung des unerlaubten Handels mit Betäubungsmitteln.

Im übrigen sind nur wenige Details über die Organisation des FSKN bekannt. Belastbare Angaben zur Personalstärke gibt es m.W. nicht, doch aufgrund der weitverzweigten Struktur wird man wohl von mehr als 10.000 Mitarbeitern ausgehen können.


Go-Kart-Rennen unter dem Motto „Adrenalin ohne Drogen“.


Spezialkräfte

Wie jede Sicherheitsbehörde der RF so verfügt auch der FSKN über eigene Spezialkräfte. Diese sind zum einen Teil der (zentralen) Abteilung für spezielle und kriminalistische Unterstützung mit Standort Moskau. Innerhalb dieses Departements bilden sie die Verwaltung für Spezialaufgaben und Bewachung.
Hervorgegangen sind die Spezialkräfte der Drogenpolizei aus einigen, zwischenzeitlich aufgelösten Spezialeinheiten der Miliz (SOBR). Ihr erster Chef war General Jewgenij Raschodtschikow, der zuvor in der Gruppe „Alfa“ gedient hatte.

Ihre Aufgabe ist die Durchführung von Hausdurchsuchungen und Festnahmen im Drogenmilieu. Die Kriminellen, selbst wenn sie nur „nebenamtlich“ in diesem „Business“ nachgehen, sind überaus gewaltbereit und eröffnen auch bei relativ geringen BTM-Mengen das Feuer, um ihren Besitz zu schützen. Hinzu kommt die gute Organisation bei größeren Mafiagruppierungen, deren Bosse oft über eigene Leibwächter verfügen. Oberste Priorität hat bei allen Operationen des FSKN das Aus-dem-Verkehr-Ziehen von Drogen.
Bei der Ausbildung wird neben den üblichen Themen wie Nahkampf und Schießen besonderer Wert auf die juristische Ausbildung gelegt, schließlich müssen die Fälle gerichtsfest gemacht werden.

Es ist unklar, ob die regionalen Behörden der Drogenkontrolle über die genannte Spezialeinheit hinaus noch über eigene Spezialkräfte verfügen. In deren Pressemitteilungen sind zwar regelmäßig Fotos solcher Beamter enthalten, es wird jedoch nicht erläutert, ob es sich um eingeflogene Mitarbeiter der Moskauer Spezialverwaltung oder um eigene Kräfte handelt.



Internationale Zusammenarbeit

Besonderen Wert legt der FSKN auf die Abstimmung mit anderen Staaten, denn Rußland ist für den internationalen Drogenhandel vor allem ein Transitland und erst in zweiter Linie ein Empfängerland. Dies trifft insbesondere auf die Opiumherstellung in Afghanistan und die Cannabisproduktion in weiteren Staaten Mittelasiens zu.

Neben dem Austausch von Informationen und dem Abhalten von Konferenzen zur Koordinierung zwischen verschiedenen Staaten geht es dem FSKN auch um substantielle operative Zusammenarbeit. So haben die Mitgliedsstaaten der Organisation des Vertrages über kollektive Sicherheit (OVKS/CSTO) Mitte November 2010 abgestimmte Razzien durchgeführt, an denen auch Beobachter aus den USA, Italien, China und dem Iran teilgenommen haben. Dabei hat der FSKN allein in St. Petersburg 179 kg Rauschgift beschlagnahmt. Insgesamt waren es in allen OVKS-Staaten 6,6 t.

Ein Schwerpunkt sind insoweit die früheren Sowjetrepubliken in Mittelasien. Vor allem Tadshikistan hat sich seit dem Abzug der rußländischen Grenztruppen im Jahr 2003 zu einem Brennpunkt des Drogenschmuggels entwickelt. Um die Dimension zu verdeutlichen: Im Juni 2005 hat die Drogenpolizei bei mehreren Operationen gegen eine einzige Bande tadshikischer Schmuggler nahe Moskau insgesamt 240 kg Heroin im Wert von 8 bis 9 Mio. US-Dollar sichergestellt. Deshalb möchte der FSKN so früh wie möglich mit der Bekämpfung des illegalen Drogenhandels beginnen – nicht nur in Tadshikistan, sondern auch im Ursprungsland von 90 % des weltweit vertriebenen Heroins: in Afghanistan.


Fotos von einer Razzia in Konakowo.


Afghanistan

Seit dem Ende der Taliban-Herrschaft ist die Opiumproduktion in Afghanistan, die es dort immer gegeben hat, in die Höhe geschnellt. Mittlerweile sollen 6,4 % der afghanischen Bevölkerung im Mohnanbau beschäftigt sein. Dies wurde für Rußland zu einem erheblichen, auch außenpolitischen Problem, denn fast alle Schmuggelrouten aus Afghanistan nach Europa laufen über das Territorium der RF. (Der grassierende Drogenschmuggel ist einer der Gründe, weshalb sich die EU nach wie vor weigert, die Visaverfahren für Bürger der RF zu vereinfachen.) Verschlimmert wurde die Lage noch dadurch, daß sich die ausländischen Besatzungstruppen in Afghanistan jahrelang geweigert haben, gegen den grassierenden Schlafmohnanbau vorzugehen.

Erst in jüngster Zeit hat sich die Position der ISAF zu diesem Problem geändert, was sicher auch mit auf den politischen Druck aus Moskau zurückzuführen ist. Auch in den NATO-Staaten wurde erkannt, daß das Opiumgeschäft heute auch der Finanzierung der afghanischen Kämpfer von Taliban & Co. dient. (Aus dieser Perspektive ist das Heroin freilich nur ein mittelbares Problem.) Nunmehr kooperieren also die Drogenbehörden der Vereinigten Staaten, Rußlands und der mittelasiatischen Staaten mit der afghanischen Regierung und der ISAF im Kampf gegen die Drogenmafia. Ihre Strukturen werden gemeinsam analysiert und Gegenmaßnahmen geplant.

Bisheriger Höhepunkt war die Bildung einer amerikanisch-russischen Arbeitsgruppe, die den Anti-Drogen-Kampf am Hindukusch koordiniert. Seit Oktober 2010 haben DEA, CIA und FSKN zusammen mit dem Kabuler Innenministerium und der ISAF mehrere Operationen zur Zerstörung von Drogenlaboren in Afghanistan durchgeführt. Allein die erste Aktion am 28. Oktober, die sich gegen vier Labore richtete, brachte eine Ausbeute von 932 kg Heroin und 156 kg Opium. Bei einer Operation im Dezember konnten immerhin 200 kg Heroin sichergestellt werden. Die Arbeit am Boden haben vor allem amerikanische Spezialkräfte sowie afghanische Polizisten erledigt. Der FSKN war – auch aus Rücksicht auf afghanische Befindlichkeiten – nur mit einer Handvoll Spezialisten beteiligt. Dennoch hagelte es danach Kritik von Präsident Karsai.

Aus rußländischer Sicht ist dies das erste Mal seit vielen Jahren, daß die USA im Sicherheitsbereich zu einer substantiellen Zusammenarbeit bereit sind. (Im Gegensatz zu den kaukasischen Islamisten.) Man hofft, daß durch die gemeinsamen Erfolge nicht nur die Bedrohung durch den Drogenhandel eingedämmt werden kann, sondern daß sich daraus mittelfristig auch mehr gegenseitiges Verständnis zwischen den Politikern und Sicherheitsbehörden beider Staaten entwickelt.


In den nächsten Folgen der Speznas-Reihe wird es voraussichtlich um den Grenzschutz gehen.



Bibliographie

Offizielle Webseite des FSKN

Offizielle Webseite der Verwaltung des FSKN für das Gebiet Twer

Offizielle Webseite der Abteilung des FSKN in der Stadt Konakowo

Aufsichtsbehörde gibt Ausmaße der „Drogentragödie“ in Russland bekannt, RIA Nowosti v. 03.12.2010

Bodansky, Yossef: Narco-terrorism and narco-criminality at the heart of Asia, Valdai International Discussion Club v. 06.07.2011

CSTO veranstaltet Großrazzia gegen Dealer, RIA Nowosti v. 22.11.2010

Drogenlabors in Afghanistan sprießen wie Pilze aus dem Boden, RIA Nowosti v. 29.10.2010

Fedjaschin, Andrej: Russland wehrt sich gegen die Drogenflut, RIA Nowosti v. 28.10.2010

Jewdokimow, Pawel: Antinarkotitscheskij speznas, in: Bratischka 4/2006, S. 30 f.

Karsai erbost über Drogenrazzia mit Russen, RIA Nowosti v. 01.11.2010

Lamzow, Michail: Kommandos w afganskoj „jame“, in: Bratischka 2/2011, S. 8 f.

Moskauer Forum ruft zu koordiniertem Vorgehen gegen afghanische Drogengefahr auf, RIA Nowosti v. 24.06.2010

Renz, Bettina: Russia's "force structures" and the study of civil-military relations, in: Journal of Slavic Military Studies 18 (2005), S. 559 ff.

Russischer Nato-Botschafter kündigt härteres Vorgehen gegen afghanische Drogen an, RIA Nowosti v. 02.12.2010

Russland und USA setzen Razzien gegen Drogenlabors in Afghanistan fort, RIA Nowosti v. 01.11.2010

Russland und USA zerstören Rauschgiftlabors in Afghanistan, RIA Nowosti v. 20.04.2011

Russland will mehr Anti-Drogen-Einsätze mit USA in Afghanistan, RIA Nowosti v. 29.10.2010

Russlands Drogensüchtige pumpen sich jährlich mit 30 Tonnen Heroin voll, RIA Nowosti v. 23.12.2010

Wikipedia: FSKN (russ., eng.)




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Spetsnaz X: Die Marineinfanterie heute
Aufruhr in Kirgisistan
Fehleinschätzungen in Washington

Bilder: fskn.gov.ru, www.nk.konakovo.org, RIA Nowosti.

Montag, 14. März 2011

14.03.2011: Musik des Tages

Einer der Kultfilme des sowjetischen Kinos war und ist "Die weiße Sonne der Wüste" aus dem Jahre 1969. Die Mischung aus einem Actionfilm und einer Komödie spielt im Mittelasien der 1920er Jahre und erfreut sich bis heute großer Beliebtheit. Dazu hat auch das eingängige Titellied "Wasche blagarodie, gosposha udatscha" (dt. etwa: Euer Wohlgeboren, Frau [besser: Herr] Erfolg) beigetragen. Der Text stammt vom berühmten Bulat Okudschawa, die Musik von Isaak Schwarz, gesungen wird es hier wohl ebenfalls von Okudschawa.



Montag, 29. November 2010

Spetsnaz IX: Geschichte der Marineinfanterie (2)


Erneute Auflösung nach 1945 …

Nach Beendigung des Zweiten Weltkrieges sah es zunächst so aus, als ob sich die Marineinfanterie als Waffengattung der sowjetischen Seekriegsflotte etabliert hätte – neben den Landstreitkräften und den Luftlandetruppen. Ausdruck dessen war die Einrichtung einer eigenen MI-Offiziersschule in Wyborg.

Doch 1956 hatte die Führung der UdSSR unter Generalsekretär Chruschtschow und Verteidigungsminister Shukow den originellen Gedanken, daß die SU ein friedliebender Staat sei, weshalb man keine größeren Seelandungen mehr vorbereiten müsse. Außerdem seien solche Operationen im Atomwaffenzeitalter sinnlos*. Kleinere Landungen könnten ggf. von küstennah dislozierten Mot. Schützen- und Panzereinheiten des Heeres durchgeführt werden. Daraus folgte, daß die Marineinfanterie überflüssig war; ihre Einheiten wurden entweder aufgelöst oder in die Landstreitkräfte überführt. Zudem wurden die schwimmenden Einheiten der Flotte stark reduziert (selbst wenn sie relativ neu waren) und das Schiffbauprogramm, welches den Neubau von Landungsschiffen vorgesehen hatte, geändert, um vermehrt Atom-U-Boote zu schaffen.



… und Wiedergeburt

Sieben Jahre später hatten sich die Anschauungen gewandelt. Admiral Sergej Gorschkow, der Oberbefehlshaber der Seekriegsflotte, konnte die Staatsführung davon überzeugen, daß sich die sowjetische Marine nicht nur auf die passive Küstenverteidigung beschränken dürfe, sondern auch auf den Weltmeeren präsent sein müsse. Mithin glaubte Gorschkow auch an die Notwendigkeit der Marineinfanterie, der insbesondere in den „kleinen Kriegen“ der Dritt-Welt-Staaten eine besondere Rolle zukommen sollte. Mit anderen Worten: Die Seesoldaten dienten auch der UdSSR als klassisches Einflußinstrument. Ferner hatte sich in Übungen herausgestellt, daß die Einheiten der Landstreitkräfte mit den spezifischen Problemen einer Seelandung oft überfordert waren.

1963 wurde die Marineinfanterie wieder gegründet. Zuerst wurde ein MI-Regiment in der Baltischen Rotbannerflotte formiert, danach folgten Regimenter der Pazifik- (1963) und der Nordmeerflotte (1966) sowie ein Bataillon der Schwarzmeerflotte, das später zu einem Regiment erweitert wurde (1967). Die Kaspische Flottille verfügte über ein MI-Bataillon.
Dabei wurde oft auf bereits bestehende Einheiten des Heeres zurückgegeriffen. Beispielhaft soll diese Entwicklung am 61. MI-Regiment nachvollzogen werden. 1943 wurde das 61. Schützenregiment aus Teilen einer Marineschützenbrigade gebildet und kämpfte u.a. in Karelien und Nordnorwegen. Nach dem 2. WK verblieb es im Bestand der Landstreitkräfte des Leningrader Militärbezirks. 1966 wurde dieses Regiment in die Nordmeerflotte überführt und in 61. Marineinfanterieregiment umbenannt. 1979 erfolgte schließlich die Erweiterung des Regiments zur 61. Marineinfanteriebrigade (s. auch unten).

Damit war die Struktur gegeben, die im Grunde bis heute beibehalten wurde. Im Jahre 1967 wurde in der Pazifikflotte der einzige Großverband der sowjetischen MI nach dem 2. WK gebildet: die 55. Marineinfanteriedivision. Sie bestand aus 3 MI-Regimentern, 1 selbst. Panzerbataillon, 1 Artillerieregiment, 1 Flugabwehrregiment, 1 Aufklärungsbataillon und weiteren Unterstützungseinheiten.



Landungsschiffe

Eine Marineinfanterie ohne geeignete Mittel zu ihrer Verbringung an den Einsatzort ist weitgehend wertlos und nichts anderes als ein normaler Infanterieverband, der zufällig dem Kommando der Flotte untersteht. Deshalb wurde seit Mitte der 1960er Jahre in der UdSSR der Bau von Landungsschiffen vorangetrieben. Befanden sich vorher nur kleine Landungsschiffe (Projekt 106) im Bestand, so verließen 14 Große Landungsschiffe des Projekts 1171 („Alligator“) zwischen 1966 und 1975 die Werften. Dann folgten Mittlere Landungsschiffe (Projekte 770, 771 und 773 „Polnochny“) sowie die Großen Landungsschiffe des Projekts 775 („Ropucha“), die bis zu 14 Kampfpanzer und 200 Soldaten transportieren konnten. Viele dieser Schiffe wurden übrigens auf polnischen Werften gebaut.

Bereits Ende der 1960er Jahre wurden die ersten Landungsboote auf Luftkissenbasis in Diemst gestellt (Projekt 1205 „Skat“). Zwischen 1975 und 1981 wurden sie durch 20 Luftkissenboote vom Projekt 1206 („Kalmar“), 8 Landungsfahrzeuge des Typs „Murena“ (Projekt 12061) und 2 Boote vom Projekt 1209 („Omar“) ergänzt bzw. ersetzt. Hinzu kamen – als größte Einheiten – 18 Kleine Landungsschiffe des Projekts 12321 („Aist“). Hinsichtlich der Verwendung der Luftkissentechnologie war die sowjetische Marine weltweit führend – sowohl qualitativ als auch (zeitweilig) quantitativ.



Ab 1978 erfolgte dann ein Quantensprung. Waren sowjetische Landungsschiffe bis dahin für die direkte Anlandung von Mannschaften und Fahrzeugen am Strand konzipiert, stellte die Seekriegsflotte mit den drei Großen Landungsschiffen des Projekts 1174 („Iwan Rogow“) neue Universallandungsschiffe in Dienst, die 1 MI-Bataillon aufnehmen konnten. Sie verfügten über zwei wichtige Neuerungen. Erstens konnten die Marieninfanteristen nicht nur direkt über den Bug an den Strand gebracht werden, sondern auch über die beiden im Heck untergebrachten kleinen Landungsboote. Damit verfügte die SU erstmals über Docklandungsschiffe. Zweitens konnten – für sowjetische Landungsschiffe ebenfalls ein Novum – bis zu 4 Hubschrauber (meist Ka-29) an Bord mitgeführt. Diese Maschinen konnten bis zu 16 Soldaten transportieren.

Das Konzept der „Iwan-Rogow“-Klasse entsprach den seinerzeitigen Anforderungen der sowjetischen Führung an die Marineinfanterie: begrenzte Kontingente sollten sich lange Zeit in See befinden und auf drei unterschiedlichen Wegen angelandet werden können. Damit wurde die Durchführung der Auslandseinsätze (s.u.) erleichtert. Es wäre jedoch maßlos übertrieben, diese Landungsschiffe als Ausdruck einer weltweiten amphibischen Bedrohung seitens der UdSSR zu werten – so, wie es manche westlichen Autoren seit 30 Jahren tun. Angesichts der Anzahl und Größe von Landungsschiffen etwa der US Navy nehmen sich die beiden Schiffe eher bescheiden aus.



Einsatzkonzepte für konventionelle Konflikte

Der sowjetischen Marineinfanterie waren drei Aufgaben zugewiesen worden: Küstenverteidigung, insbesondere Schutz der Marinebasen; selbständige Durchführung taktischer Seelandungen und Mitwirkung an amphibischen Operationen der Landstreitkräfte (MI als erste Staffel zur Eroberung eines Brückenkopfes).

Von besonderer Bedeutung war die dritte Aufgabe im Ostseeraum, war doch die Beherrschung dieses Binnenmeeres aus Sicht der sowjetischen Flottenführung im Falle eines europäischen Krieges unbedingt nötig, um ein gegnerisches Einwirken auf die eigenen Küsten zu unterbinden. Ferner sollten die Vereinigten Ostseeflotten des Warschauer Vertrages in die Nordsee durchbrechen, um dort die Operationen der NATO-Streitkräfte zu stören. Für beides wäre die Beherrschung der Ostseeausgänge von essentieller Bedeutung gewesen, weshalb bei Manövern mehrfach Truppenlandungen in großem Stil geübt wurden.



„Geh' zur Marine und lern' die Welt kennen“

Der Kalte Krieg und seine Stellvertreterkonflikte in der Dritten Welt führten zu einer erheblichen Ausweitung der Einsatzgebiete der sowjetischen Flotte und damit auch der Marineinfanterie. Seesoldaten nahmen regelmäßig an den Fernfahrten von Kriegsschiffen teil und hatten auch eigenständige Aufgaben zu lösen; u.a. in Ägypten, Syrien, Äthiopien, Malta, Griechenland, Angola, Vietnam, Indien, Irak, Iran, Jemen, Madagaskar, Somalia, Pakistan, Benin, Guinea, Guinea-Bissau und San Tome.

Seit 1967 waren fast ständig Kräfte der Marineinfanterie in Übersee. Züge und Kompanien, zum Teil sogar komplette Bataillone, fuhren auf Landungsschiffen über die Weltmeere. Den Rekord stellte das 1. Bataillon der 61. MI-Brigade auf, welches sich 1979/80 ununterbrochen 11 Monate auf See befand. Es war dieser, mit permanenter Bereitschaft verbundene „Gefechtsdienst im Frieden“, der an den Kräften der Marineinfanteristen zehrte. Er war es auch, der die Marineinfanterie als Teil der Flotte grundsätzlich von anderen Truppen wie etwa den Fallschirmjägern unterschied. Letztere warteten auf einen fernen „Tag X“ mit großem Tamtam, den Seesoldaten konnte hingegen jeden Tag eine See- oder Luftlandung an einem unbekannten tropischen Küstenabschnitt befohlen werden – u.U. nur in Zug- oder Kompaniestärke, mit begrenzter Luftunterstützung etc. Dieser Umstand trug – ebenso wie die umfangreiche und harte Ausbildung – natürlich zur Herausbildung eines elitären (Selbst-)Bewußtseins bei.


Sowjetische Marineinanteristen gehen in Äthiopien an Land.


Drei Episoden mögen die Auslandseinsätze der „Morskaja pechota“ illustrieren: Während des Ogadenkrieges im November 1977 wurde in der (damals noch) äthiopischen Hafenstadt Massaua insgeheim eine durch Kampfpanzer verstärkte MI-Kompanie der Pazifikflotte angelandet, um somalische Truppen, die die Stadt angriffen, zu stoppen. Im November 1981 landeten Marineinfanteristen unter dem Kommando eines Hauptmanns auf den Seychellen, um bei der Niederwerfung eines Staatsstreichs gegen die Regierung zu helfen.
Brisant war die Lage 1967 während des israelischen Vormarsches im Sechstagekrieg. Von den im Hafen von Port Said liegenden sowjetischen Landungsschiffen wurde an jedem Morgen das 309. MI-Bataillon ausgeschifft, welches tagsüber die zweite Linie der ägyptischen Verteidigung vor der Hafenstadt bildete, abends jedoch wieder auf die Schiffe zurückkehrte.

Ein Konflikt, an dem jedoch keine Einheiten der Marineinfanterie teilgenommen haben, war der sowjetische Feldzug in Afghanistan. Mit diesem Binnenland hatte die Seekriegsflotte nichts zu tun, weshalb es eine Domäne des Heeres und der Luftlandetruppen blieb.



Weitere Entwicklung der MI bis 1991

Die Marineinfanterie der späteren Jahre wurde „leichter“ und hat sich stärker auf Kleinkriegsszenarien vorbereitet. Bereits seit Beginn der 1970er Jahre erhielten MI-Angehörige aller Flotten im Ausbildungszentrum „Saturn“ bei Sewastopol am Schwarzen Meer eine umfangreiche Ausbildung für Aufklärungs- und Diversionseinsätze. Die dort ausgebildeten Soldaten entsprachen in ihrer Qualifikation in etwa den Angehörigen der der regulären Aufklärungseinheiten der GRU (Speznas), auch wenn sie nicht so bezeichnet wurden.

Das Jahr 1979 brachte einen weiteren Umbruch für die Marineinfanterie. Die bisherigen Regimenter der Baltischen, Nordmeer- und Schwarzmeerflotte wurden zu Brigaden umformiert. In den drei Brigaden sowie in den Regimentern der 55. MI-Division wurde ferner jeweils ein Lande-Sturm-Bataillon** aufgestellt. Neben der Anlandung vom Meer her (vorzugsweise mit den schnellen Luftkissenbooten – s.o.) konnten dessen Angehörige auch per Fallschirm oder Hubschrauber abgesetzt werden. Damit eröffnete sich für die sowjetische Marineinfanterie die dritte Dimension. In der Folge wurden verstärkt triphibische Operationen geübt, so z.B. im Juni 1983 im Schwarzen Meer.

1982 führte die Pazifikflotte das Manöver „Lutsch“ durch. Dabei wurden motorisierte Einheiten der 55. MI-Division bei Nacht ausgeschifft und angelandet, wobei als Hilfsmittel ausschließlich IR-Nachtsichtgeräte zur Verfügung standen.
Die sowjetische Marineinfanterie war modern bewaffnet und ausgerüstet; ihre Kampftechnik war großteils schwimmfähig, was den Anforderungen einer Seelandung entgegenkam. Darunter waren z.B. Schwimmpanzer PT-76, Schützenpanzerwagen BTR-60 und BTR-80, 122-mm-Selbstfahrlafetten „Gwosdika“, diverse Fla-Raketen-Komplexe kurzer und mittlerer Reichweite etc. Des weiteren wurden die üblichen Infanteriewaffen der Sowjetarmee geführt.



1987 war die geänderte Militärdoktrin*** des Warschauer Vertrages in Kraft getreten. Sonach wurde eine möglichst breite Verteidigung vorbereitet, anstatt – wie zuvor – alles auf einen großen Gegenangriff zu setzen und dafür auch temporäre Gebietsverluste in Kauf zu nehmen. Für die sowjetische Marine hatte dies zur Folge, daß der Küstenverteidigung stärkere Aufmerksamkeit gewidmet wurde. 1989 entstand eine neue Waffengattung: die Küstentruppen der Seekriegsflotte. Diese bestanden neben der Marineinfanterie aus den Küsten-Raketen- und -Artillerie-Truppen und den neuformierten Küstenverteidigungstruppen. Letztere wurden aus 4 Motorisierten Schützendivisionen der Landstreitkräfte gebildet, die in die Marine überführt worden waren und nun Küstenverteidigungsdivisionen hießen.

Während der Unruhen, welche den Zerfall der Sowjetunion begleiteten, waren Marineinfanteristen an vielen Brennpunkten im Einsatz, vor allem im Kaukasus, an den Küsten des Schwarzen und Kaspischen Meers.

In Teilen der westlichen Literatur (z.B. Leistner) wird behauptet, daß die sowjetische Marineinfanterie allein der Baltischen Flotte mehrere Divisionen umfaßt habe. Nach sorgfältiger Sichtung der russischsprachigen Literatur muß dies jedoch verneint werden. 1991 existierten bei den 5 Flotten und Flottillen insgesamt 1 MI-Division, 3 MI-Brigaden sowie eine Handvoll selbständiger Regimenter und Bataillone (z.B. in Moskau). Das entspricht einer Gesamtstärke von etwa 20.000 Mann.



Nach dem Ende der UdSSR

Nach der Auflösung der Sowjetunion wurden die meisten Marineinfanterieverbände von der Rußländischen Föderation übernommen. Lediglich das 880. selbst. MI-Bataillon wechselte in den Bestand der ukrainischen Seestreitkräfte. Nach verschiedenen Reorganisationen wird es heute als 1. Marineinfanteriebataillon tituliert. Sein Standort ist Feodossija und es besteht aus 2 MI-Kompanien, 1 Lande-Sturm-Kompanie, 1 Granatwerferbatterie und 1 Aufklärungszug.
Auch andere Nachfolgestaaten der SU haben in der Vergangenheit kleinere MI-Kontingente unterhalten, über die jedoch kaum etwas bekannt ist (Kasachstan, Georgien, Aserbaidshan).

Die Marineinfanterie der RF kam während der Jahre 1994-1996 und 1999-2000 in Tschetschenien zum Einsatz. Dabei bewährte sich vor allem die Gebirgsausbildung dieser Truppe, die eng mit Fallschirmjägern und Heereskräften zusammenarbeitete. Besonders wichtig war der Einsatz zweier Lande-Sturm-Bataillone aus der Baltischen und Nordmeerflotte sowie des 165. MI-Regiments der Pazifikflotte während der Erstürmung von Grosny. Am 7. Januar 1995 hatte der Generalstab die Verbände nach Tschetschenien befohlen, wo sie am 10. Januar eintrafen. Bis zum 7. März blieben sie in der Stadt, um danach andere Aufträge zu übernehmen.
Die Kämpfe im Nordkaukasus haben von den Marineinfanteristen einen hohen Preis gefordert: allein während des Jahres 1995 sind 178 von ihnen gefallen. Zu den Toten des Jahres 2000 gehört auch Generalmajor Alexander Otrakowskij, ein alter Marineinfanterist, der ab 1992 Kommandeur der Küstentruppen der Nordflotte war. Seit 1994 wurden insgesamt 22 MI-Angehörige zu „Helden Rußlands“, über 4900 weitere erhielten Orden und Ehrenzeichen.



Aufgaben und Organisation der russischen Marineinfanterie, wie sie sich heute darstellen, sind Gegenstand der nächsten Folge, die voraussichtlich übermorgen erscheinen wird.



Anmerkungen

* Die damaligen Diskussionen in der politischen und militärischen Führung der SU, in denen es insgesamt um die Bedeutung konventioneller Streitkräfte im Atomzeitalter ging, werden von F. Umbach: Das rote Bündnis, Berlin 2005, S. 75 ff., sehr gut dargestellt.

** Die russischsprachige Bezeichnung dieser Einheiten lautet "Desantno-schturmowoj batalon" (kyrillisch: десантно-штурмовой батальон; Abk.: DSchB), was ins Deutsche regelmäßig als Luftsturmbataillon übersetzt wird (Englisch: air assault battalion). Diese Übersetzung trifft die DSBs der Landstreitkräfte gut. Bezüglich der DSchBs der MI wird damit jedoch die spezifisch triphibische Rolle, die diesen Einheiten zukommt, unterbewertet. Es wäre falsch, sie einfach als Fallschirmjäger oder Luftlandesoldaten zu titulieren, zumal (zumindest) in den 1990er Jahren Teileinheiten einiger DSchB auch offiziell zu den Spezialkräften gezählt wurden (Kampfschwimmer). Deshalb wird hier die etwas gewöhnungsbedürftige wörtliche Übersetzung "Lande-Sturm-Bataillon" verwendet.

*** Zur Militärdoktrin des WV siehe C. Jones: Gorbacevs Militärdoktrin und das Ende des Warschauer Paktes, in: T. Diedrich et.al. (Hrsg.): Der Warschauer Pakt, Berlin 2009, S. 245 ff. Leider bleibt Jones in zentralen Punkten, insbesondere hinsichtlich der konkreten Einsatzplanung, sehr abstrakt. Ergänzend sei deshalb auf H. Nielsen: Die DDR und die Kernwaffen, Baden-Baden 1998 (insbesondere S. 25 ff.) verwiesen.




Bibliographie

Je. Abramow: Morskaja pechota w Welikoj otetschestwennoj wojne 1941-1945, St. Petersburg 2005.

S. Gorschkow: Die sowjetische Seekriegsflotte, Berlin 1980.

W. Jefimenko: 5 Maja 1943, in: Bratischka 5/2010, S. 78.

W. Juchimtschuk / R. Nikolajew: Tri weka slawnych djel, in: Bratischka 11/2005.

G. Leistner: Von der Garde-Marineinfanterie zum Küstenschutz, in: Barett 1/1993, S. 45 ff.

E. Lemcke / H. Neidel: Raketen über See, Werder 2008 [zur Marinestrategie der UdSSR].

B. Loose: Die Entwicklung der Landungsfahrzeuge, in: Marinekalender der DDR 1980, Berlin 1979, S. 137 ff.

H. Mehl: Sowjetische Landungsschiffe vom Typ „Iwan Rogow“, in: Marinekalender der DDR 1990, Berlin 1989, S. 189 ff.

W. Menz: Anlandetraining, in: Marinekalender der DDR 1985, Berlin 1984, S. 41 ff.

A. Murawjew: Is-pod Minska w Baltijsk, in: Njesawisimoje wojennoje obosrenije v. 17.04.2009.

Sinai - po mestam bojow ..., belostokskaya.ru, 2009.

W. Schtscherbakow: Gdje my, tam – pobjeda, in: Bratischka 6/2010, S. 10 ff.

W. Usmanzew: „Tschernye berety“ w Mirowom okeane, in: Bratischka 4/2009, S. 10 ff.

S. Zaloga / J. Loop / R. Volstad: Soviet Bloc Elite Forces, Osprey Elite Series Nr. 5, London 1985.

Wikipedia: Morskaja pechota Rossii, Morskaja pechota Ukrainy.






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29.11.2008: Bilder des Tages
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Freitag, 10. September 2010

Machmud Umarow (1924-1961)


Heute wird die kleine Reihe mit Porträts von Sportschützen aus der früheren Sowjetunion mit Machmud Bedalowitsch Umarow fortgesetzt. (Sein Name wird manchmal auch als Makhmud Umarov transkribiert.) Er war - wie der Vorname schon vermuten läßt - kein Russe, sondern ein am 10.09.1924 (also vor exakt 86 Jahren) in Usbekistan geborener Uigure. Der Handwerkerssohn hatte gerade die Schule beendet und bereitete sich auf den Eintritt in ein Institut vor, als 1941 der Krieg ausbrach. Umarow trat in die Rote Armee ein und wurde Offizier bei den Fallschirmjägern.

Nach 1945 verblieb er in der Armee und nahm ein Studium an der Militärmedizinischen Akademie im damaligen Leningrad auf. (Die Klinik dieser Hochschule gilt noch heute als eine der besten Rußlands.) Während seines Studiums war er mit der Schießsportsektion der Akademie in Verbindung gekommen und begann, systematisch zu trainieren. Im Jahre 1953 promovierte er im Fachgebiet Neuropathologie und nahm eine wissenschaftliche Stelle an der Akademie an. Im gleichen Jahr erfüllte Machmud Umarow die Norm im Schießen mit dem Großkaliberrevolver, um sich fortan "Meister des Sports" nennen zu dürfen.

Damit begann seine Blitzkarriere als Wettkampfschütze. 1954 nahm er in den Reihen der Leningrader Auswahlmannschaft erstmals an den sowjetischen Meisterschaften teil. Aufgrund seiner hohen Leistungen hat man ihn danach in die Nationalmannschaft aufgenommen und er wurde mit zu den Weltmeisterschaften nach Caracas entsandt. Hier reichte es jedoch "nur" für einen Mannschaftstitel. Nach Leningrad zurückgekehrt, intensivierte er sein Training. 1955 wurde Umarow in Bukarest Europameister mit dem Revolver (Resultat: 588 Ringe = Weltrekord) und gewann 1956 in Melbourne mit der Freien Pistole über 50 m olympisches Silber. Weitere Medaillen bei der WM 1958 in Moskau, der Olympiade 1960 und in anderen Wettkämpfen folgten. Die Freie Pistole entwickelte sich zu seiner Paradedisziplin; 1960 hat er mit ihr während eines Trainings 585 Ringe geschossen (das sind 4 Ringe mehr als der derzeit gültige Weltrekord).

Doch dann ereilte ihn, der sowohl Mediziner als auch Weltrekordschütze gewesen war, das Schicksal: Am 25.12.1961 erlag er einem Herzinfarkt. Sein Herzleiden war ihm bekannt, aber er schaffte es nicht mehr rechtzeitig, das Medikament, das er bei sich trug, einzunehmen. Ein höchst tragisches und viel zu frühes Ende für einen sehr begabten und erfolgreichen Kurzwaffenschützen. Machmud Umarow wurde 37 Jahre alt.
(Am selben Tag, nur 43 Jahre später, ist übrigens sein Mannschaftskamerad Lew Weinstein gestorben.)



Eine seiner Schriften, "Die Psyche des Schützen", ist 1963 auch auf Deutsch erschienen. Darin beschäftigt er sich mit den psychologischen Aspekten des Sportschießens, sowohl hinsichtlich des Trainings als auch der Wettkämpfe. Eine sehr interessante Lektüre! Ein weiterer deutschsprachiger Aufsatz folgt übermorgen.


Bibliographie:

WP-HM: Mahmoud Umarow - Gelehrter und Weltrekordschütze, in: Der Sportschütze 1957, S. 109.

Shooting UA



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Foto: Der Sportschütze.

Montag, 21. Juni 2010

Fehleinschätzungen in Washington


Eigentlich wollte ich mich nicht mehr über die Ereignisse in Kirgisistan äußern, doch ein Artikel, über den ich vorhin zufällig gestolpert bin, nötigt mich dazu. Geschrieben wurde er von Roger McDermott, einem Mitarbeiter der Jamestown Foundation. Dieser Think-tank ist für seine notorische Russophobie bekannt. McDermotts Meinung über die 2009 gebildeten Krisenreaktionskräfte der Organisation des Vertrages über kollektive Sicherheit (OVKS) ist höchst negativ; der Tenor lautet in etwa, daß die russiche Regierung bösartig, aber unfähig sei. Er illustriert das mit der vor einem Jahr diskutierten, aber bis heute nicht erfolgten Einrichtung einer Militärbasis der RF in der kirgisischen Stadt Osch, die das Zentrum der derzeitigen Unruhen ist.

Das schönste Zitat lautet:
"[...]

It is illuminating to note that Moscow generally seeks consensus only after announcing and negotiating a new initiative, such as opening a military base on Uzbekistan's border that arguably plays no practical security role.

[...]"
Aha, Osch und das Ferghanatal liegen also "JWD" und eine Truppenstationierung in dieser Region hätte keinerlei praktische Bedeutung für die Verbesserung der Sicherheitslage in der Region. Die Ereignisse der letzten Wochen haben McDermott natürlich Lügen gestraft. Man muß kein Prophet sein, um festzuhalten, daß die Ereignisse der letzten Wochen einen anderen Verlauf genommen hätten, wäre bereits ein Kontingent von Sicherheitskräften aus anderen OVKS-Mitgliedsstaaten dort disloziert gewesen.

Das gilt auch für den ersten Teil des oben zitierten Satzes. Die Suche nach Konsens bei internationalen Verhandlungen kann logischerweise erst durch die Verhandlungen selbst geschehen. Wie sollte auch ein vorheriger Konsens möglich sein? Und wenn man in Verhandlungen eintritt, werden alle Beteiligten ihre Ausgangspositionen darlegen. Dies ist ganz natürlich und keineswegs ein Zeichen von diplomatischer Schwäche oder Unfähigkeit Moskaus. McDermotts Einlassungen zeigen eher, daß es ihm am notwenigen Verständnis der internationalen Diplomatie fehlt.

Es ist ferner bezeichnend und wäre fast schon ironisch (wenn es nicht so viele Opfer der Unruhen gäbe), daß ausgerechnet Usbekistan, das im vergangenen Jahr der Einrichtung der OVKS-Truppe widersprochen hat (und das von McDermott dafür gelobt wird), in der derzeitigen Lage mit am meisten von ihr profitieren würde. Jetzt muß Taschkent mit abertausenden Flüchtlingen und einer sehr prekären Lage in seiner Grenzregion zu Kirgisistan alleine fertig werden.

Aber so weit reicht das Analysevermögen der "Kalten Krieger" wahrscheinlich nicht. Im Zweifelsfall sind immer "die Russen" das Problem, wie Gabriele Krone-Schmalz so treffend bemerkte. Hoffentlich finden sich in Zukunft nicht mehr allzu viele Gläubige, die diesen, von Radio Liberty verbreiteten Unsinn ernstnehmen.


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Foto: RIA Nowosti.

Sonntag, 20. Juni 2010

Aufruhr in Kirgisistan


Die vergangenen Monate waren voller überraschender Wendungen für die Beobachter der politischen Ereignisse in den Nachfolgestaaten der Sowjetunion. Im Mai/Juni-Heft der Zeitschrift Internationale Politik erschien eine Abhandlung von Antje Kästner und Julia Bader, in dem behauptet wurde, daß Rußland autoritäre Regime in Eurasien stützen würde, wobei der ehemalige kirgisische Staatschef Kurmanbek Bakijew als Beispiel galt. Selbiger Aufsatz war freilich bei seinem Erscheinen schon veraltet, denn in der ersten Aprilhälfte war es in Kirgisistan zu gewalttätigen Unruhen gekommen, in deren Folge Bakijew abdanken mußte. Er, der 2005 durch die sog. Tulpenrevolution an die Macht gekommen war, wurde von seinem Volk auf dieselbe Art und Weise wieder aus dem Amt gejagt. Als Übergangspräsidentin übernahm Rosa Otunbajewa die Macht.
Bald danach kamen neue Gerüchte auf, die vor allem von englischsprachigen Medien verbreitet wurden: Der Aufstand, welcher zu Bakijews Sturz geführt hatte, sei von Moskau initiiert worden, um die geopolitische Stellung der USA zu schwächen. Irgendwelche Belege dafür ließen sich zwar nicht finden, doch gilt offenbar mancherorts die Grundregel, daß Putin und Medwedew im Zweifelsfall immer die Bösen sind.

Nun sind in den letzten Wochen im Süden Kirgisistans, im Ferghanatal rund um die Stadt Osch neue Unruhen aufgeflammt, die einen stark ethnischen Anstrich trugen und sich zuvörderst gegen die dort lebende usbekische Minderheit von fast einer Dreiviertelmillion Menschen richteten. Das Ferghanatal war bereits 1990 Schauplatz zwischen-ethnischer Gewaltausbrüche, die nur durch längere und massive Präsenz der damals noch sowjetischen Sicherheitskräfte zur Ruhe gebracht werden konnten. Tausende bedrohter Usbeken wurden damals über eine Luftbrücke in andere Teile der UdSSR ausgeflogen, wo viele von ihnen noch heute leben.

Nach Ausbruch der neuerlichen Unruhen in Osch und Dschlalabat sind erneut Spekulationen über eine vermeintliche Beteiligung Rußlands ins Kraut geschossen. Würde man diesen Moden folgen, dann ergäbe sich folgendes Bild: Moskau stützt Bakijew, läßt ihn dann fallen, um Otunbajewa an die Macht zu verhelfen, und sechs Wochen später wird wiederum Bakijew unterstützt, der aus seinem Exil in Minsk zum gewaltsamen Kampf gegen die Übergangsregierung aufgerufen haben soll. Das macht alles furchtbar viel Sinn. Man sollte endlich akzeptieren, daß in den Staaten Mittelasiens eigene politische Prozesse ablaufen, die weder von Washington noch von Moskau, weder von Brüssel noch von Peking gesteuert werden können. Das Ausland kann sich bestenfalls mit den Ergebnissen dieser Prozesse arrangieren. (Und es würde mich nicht wundern, wenn die jetzige Hoffnungsträgerin Otunbajewa in einigen Jahren das gleiche Schicksal wie Bakijew ereilen würde.)



Jetzt zu den Unruhen selbst. Meine Kenntnisse der Verhältnisse in Zentralasien sind - ebenso wie die verfügbaren Informationen - sehr beschränkt, weshalb ich zunächst aus einem äußerst lesenswerten Artikel auf NewEurasia.net zitieren möchte:
"[...]

As Managing Editor of neweurasia, I want to take a moment to address something that’s been concerning me throughout the crisis in Southern Kyrgyzstan, namely, the conflation of speculation with fact, ultimately and especially regarding the issue of blame and the problem of evil. To begin with, this is what the international journalistic community thinks it knows and only that: as affirmed by the United Nations’ High Commissioner for Human Rights, it appears that gangs of masked men attacked, in an organized and premeditated fashion, Uzbek and Kyrgyz targets in Osh.

That’s all we know right now. Even the Commissioner is unsure as to these gangs’ intentions, although it’s more than reasonable to conclude they were seeking to provoke a reaction. More importantly, we don’t know who they are. There is no smoking gun — yet. In its place there are a lot of theories buzzing around, everything ranging from Russian special forces to secret agents of the Bakiyev network. But these are only theories at the moment. Until we have hard evidence, e.g., a confession, one that meets international standards of propriety, we do not know what was the plan behind these attacks.

I must remind everyone, especially certain Westerners, that this is not some board game of Risk or hermetically sealed thought experiment in a military lab. The city of Osh has been burned down. The old methodology of identifying likely suspects by who would profit the most from a situation simply doesn’t work. Let’s use the Bakiyev network as an example: even if they didn’t expect the violence to get so out of control, why would they have taken the risk knowing that the interim government would likely blame them anyway? And that’s exactly what has happened, by the way.

That leads me to the next important point: the scale of the violence clearly indicates that there is no easy villain in this. You cannot blame Bakiyevists, mafiosos, Russian special services, Islamist terrorists, or space aliens for the immense and gratuitous bloodletting of the past week. Some bloggers have tried to argue that the extremism of the violence couldn’t have come from “mere” ethnic tension, but they underestimate that there are some chasms in the human soul that are too dark for decency.

That means you also cannot conveniently blame the Kyrgyz military, nation-state, or the entire ethnic group, either. You want to call this a “genocide” and a “conspiracy”? Until you can offer me rigorous proof of a systematic basis for the tragedy, I as a journalist and an academic won’t allow you to call it that. Why? Because truth is what is at stake, and at stake in truth is justice and real human lives.

[...]"
Die Ereignisse an sich sind schlimm genug, da müssen nicht noch dramatische (Verschwörungs-)Theorien erfunden werden. Zur weiteren Vertiefung möchte ich auf die hervorragenden Webseiten bzw. Blogs New Eurasia und Registan sowie die entsprechende Rubrik von RIA Nowosti verweisen, die an Sachkenntnis und Landeskunde schwer zu übertreffen sind.



Nun zu einem anderen Thema. Wie sollen die Unruhen erstickt werden? Vor einer Woche hatte die kirgisische Übergangsregierung zunächst in Washington angefragt, ob die USA zumindest "Riot control"-Ausrüstung liefern könnten. Dies ist abschlägig beschieden worden. Danach wurde die rußländische Regierung um die Entsendung von Truppen in die Unruheregion gebeten. Auch dies ist bis heute nicht erfolgt. Dies wird z.T. sehr kontrovers diskutiert - siehe z.B. "Russia’s Osh Test", "Explosion of violence in Kyrgyzstan: Moscow wins?" und "Konflikt in Kirgistan: Was muss Russland jetzt tun?" (die Lektüre dieser drei Texte wird empfohlen).

Die Lage in Osch und Umgebung ist auch für Moskau höchst unübersichtlich. Da ist der ethnische Konflikt, da sind ordinäre kriminelle und Drogenhändler, da ist die Möglichkeit einer usbekischen Militärintervention im Nachbarland, da sind geopolitische Faktoren wie etwa das Verhältnis zu den USA, wo eine russische Intervention womöglich als "Muskelspiel des Kremls" verurteilt würde. Und zumindest in Usbekistan sind auch islamistische Gruppen aktiv.
Mithin hatte die russiche Regierung auf eine breit angelegte Regelung im Rahmen der Organisation des Vertrages für kollektive Sicherheit (OVKS) angestrebt. Die OVKS hat sich in den letzten Jahren auf ähnliche Szenarien vorbereitet, u.a. indem Anti-Terror-Übungen durchgeführt und gemeinsame Krisenreaktionskräfte gebildet wurden. Doch aus einer gemeinsamen Intervention zur Unterstützung der kirgisischen Übergangsregierung wird anscheinend nichts. Die Gremien der OVKS haben getagt (es hat sogar Konsultationen mit der NATO gegeben), doch zu einem Marschbefehl konnte man sich nicht durchringen.

Die Absage aus Belarus kam nicht überraschend, denn die weißrussische Regierung verfolgt seit Jahren eine äußerst defensive und zurückhaltende Sicherheitspolitik, die Kampfeinsätze von Truppen außerhalb des eigenen Staatsgebietes de facto ausschließt. Entscheidend dürfte die Weigerung Kasachstans gewesen sein, einer Intervention zuzustimmen. Das Land grenzt im Süden sowohl an Usbekistan als auch an Kirgisistan, weshalb ihm in jedem Fall eine wichtige Rolle zukäme (Überflugrechte, Truppentransit usw.). Zu mehr als humanitären Hilfslieferungen für die abertausenden Flüchtlinge, der Entsendung einer Beobachtergruppe (inkl. nachrichtendienstlicher Zusammenarbeit) und weiterer technischer Unterstützung hat es nach derzeitigem Stand nicht gereicht. Und angesichts des Abflauens der Unruhen könnte sich das Thema ohnehin bald erledigt haben.

Das zeigt - neben gewissen politischen Befindlichkeiten (Bakijews Asyl in Belarus) und völkerrchtlichen Rücksichtnahmen (Stichwort: innerer Konflikt, vgl. auch Artikel 5 der OVKS-Charta) - auch die praktischen Schwierigkeiten bei der Eindämmung solcher Unruhen. Mit ausländischer Militärpräsenz alleine wäre es ja nicht getan, diese Kräfte müßten auch handeln. Doch was sollten sie angesichts der komplexen kirgisischen Gemengelage tun? Massenhafter Schußwaffeneinsatz gegen nur teilweise bewaffnete Randalierer wäre vielleicht zielführend, verbietet sich aber aus rechtlichen und ethischen Erwägungen. Und wie kommt man aus diesem Sumpf wieder heraus, wenn man einmal darin involviert ist? (Aus guten Gründen verzichten auch die USA auf ein militärisches Eingreifen, obwohl sie in Kirgisistan eine Luftwaffenbasis unterhalten.)





Am 15. Juni stellte sich das wie folgt dar:
"[...]

Bei einem Treffen mit Russlands Präsident Dmitri Medwedew gab OVKS-Generalsekretär Nikolai Bordjuscha zu verstehen, dass die Entsendung von Friedenstruppen nicht erwogen werde. Beim Gipfel der Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit (SOZ) sagte Medwedew, eine Intervention von OVKS-Truppen in Kirgisien sei nicht geplant, doch am Sonnabend wandte sich die kirgisische Übergangsregierungschefin Rosa Otunbajewa mit der Bitte an Russland, in den Süden Kirgisiens Friedenssoldaten zu entsenden. Dafür sprach sich auch der gestürzte Präsident Kurmanbek Bakijew aus.

Laut OVKS-Satzung werden Friedenseinsätze in den Mitgliedsländern der Organisation von den Präsidenten gefasst, und zwar unter Berücksichtigung der nationalen Gesetzgebung und nach einer offiziellen Bitte des betreffenden Mitgliedsstaates. Nach Otunbajewas Bitte könnten Friedenssoldaten entsendet werden, doch wolle sich niemand in diese Situation verwickeln lassen, sagt Wladimir Scharichin, Vizedirektor des Moskauer GUS-Instituts: Die Entsendung eines Truppenkontingents wäre eine extreme Maßnahme.

Der russische Politologe Alexej Wlassow ist der Ansicht, die Entsendung der Friedenstruppen müsse als Konsens beschlossen werden - es müssen also alle sieben Präsidenten der OVKS-Länder dafür stimmen. Die Meinungen der Experten würden auseinandergehen, meint Wlassow. Einige von ihnen hofften, die OVKS werde die Differenzen überwinden und die Entsendung von Friedenssoldaten beschließen, was jedoch nicht der Fall gewesen sei: Was gehen die Ereignisse im fernen Kirgisien Armenien oder Weißrussland an?

[...]"
Die Entscheidung, die Übergangsregierung materiell und begrenzt personell zu unterstützen statt eigene Soldaten nach Kirgisien zu entsenden, war möglicherweise besser. Die kirgisischen Sicherheitskräfte kennen ihre "Pappenheimer" und können mit ihnen entsprechend umgehen. Ausländische Truppen wecken immer negative Emotionen unter den Einheimischen und werden somit leicht zur Zielscheibe von Anschuldigungen oder gar Angriffen. Zudem wäre ein Eingreifen von außen - wie das Beispiel von 1990 lehrt - langwierig und kostspielig und sein Ende möglicherweise unabsehbar. Schließlich wird sich die kirgisische Regierung - sofern es tatsächlich gelingt, Ruhe und Ordnung wiederherzustellen - von ihrem Volk nicht vorwerfen lassen müssen, daß sie nur eine Marionette des Auslands sei und ihre Macht auf den Bajonetten fremder Truppen beruhe.





Abschließend noch eine Beobachtung über den Verlauf der Unruhen und die Bewaffnung der Randalierer. Medienberichte und Fotos aus Osch zeigen eindeutig, daß die Gewalttäter zunächst fast nur mit improvisierten Waffen wie Metallrohren, Speeren, Messern u.ä. ausgerüstet waren (siehe auch das obige Video). Erst die Erstürmung von Polizeistationen und Armeekasernen führte zum massenhaften Auftauchen von Schußwaffen in ihrer Hand. Mithin war es - wie schon zuvor in vielen Bürgerkriegen - nicht etwa ein laxes Waffenrecht oder privater Waffenbesitz, der zu der hohen Zahl von Opfern beigetragen hat. Vielmehr waren es die offenbar unzureichend gesicherten Behördenwaffen. Man könnte jetzt versuchen, noch weitere Lehren aus den tragischen Ereignissen zu ziehen, doch wären diese angesichts der schwierigen Informationslage reine Spekulation.


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Fotos: RIA Nowosti; Karte: Wikipedia.