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Donnerstag, 24. Mai 2012

"Bomben auf Baku"

Ein nur wenig bekanntes Kapitel aus der Geschichte des Zweiten Weltkrieges stellt der Historiker Günther Deschner in seiner Schrift „Bomben auf Baku“ vor. Es geht um nichts weniger als die 1939/40 entworfenen britisch-französischen Pläne für massive Angriffe auf die südliche Sowjetunion, namentlich die Kaukasusregion. Damit sollten zwei Ziele verfolgt werden. Zum einen ging es um ein Abschneiden der deutschen Rohstoffzufuhren (vor allem Erdöl und Erdölprodukte) aus der SU, zum anderen um die Fortsetzung jenes schon nach 1917 begonnenen „Kreuzzugs gegen den Bolschewismus“. Deschner stellt die alliierten Planungen völlig zu recht in den Kontext der Intervention der Westmächte während des russischen Bürgerkrieges (1918-1919) und zeigt so langfristige Kontinuitäten des politischen Denkens auf, die teilweise bis heute fortwirken.

Konkret waren zunächst Luftangriffe gegen Industriezentren im Kaukasus geplant. Diese sollten durch Geheimdienstoperationen ergänzt werden, mithilfe derer bewaffnete Aufstände unter der dort lebenden Bevölkerung ausgelöst werden sollten. Schließlich waren auch Vorstöße zu Lande geplant, für die allein französischerseits eine Streitmacht von 150.000 Mann – vollmotorisiert! – zur Verfügung stand. Ins Werk wurde davon jedoch nichts gesetzt, doch fehlten die modernen Kampfflugzeuge und mechanisierten Verbände im Frühjahr 1940 während des Kampfes um Frankreich. Im Ergebnis waren die Planungen also nichts als eine große Diversion – allerdings nicht vom Gegner, sondern von den alliierten Generalstäben durchgeführt.

Deschner zeigt auf, daß das Kriegsbündnis der Jahre 1941 bis 1945 keineswegs natürlich war und auch andere Konstellationen denkbar gewesen wären. Des weiteren wird deutlich, daß die europäischen Großmächte keineswegs alle so friedliebend waren, wie sie sich selbst in der Rückschau gerne sehen. Und – das macht den aktuellen Wert des Buches aus – es werden jene westlichen Denkmuster hinsichtlich Rußlands aufgezeigt, die auch heute noch sehr oft anzutreffen sind, trotz alle Beteuerungen des Gegenteils.
Das führt zu einem weiteren, rein historischen Punkt: Da die Staatsführung der UdSSR von Deutschland über die Angriffspläne informiert worden war, baute sich bei ihr ein Mißtrauen gegenüber den Westmächten auf, das bis zum Kriegsende nicht abgebaut werden konnte. Ferner zeigt sich, daß um das Jahr 1940 herum von einem festgefügten völkerrechtlichen Verbot des Angriffskrieges keine Rede sein konnte.

Das Thema ist freilich nicht ganz neu und wurde bereits 1973 auch vom Spiegel aufgegriffen.


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Montag, 14. März 2011

14.03.2011: Musik des Tages

Einer der Kultfilme des sowjetischen Kinos war und ist "Die weiße Sonne der Wüste" aus dem Jahre 1969. Die Mischung aus einem Actionfilm und einer Komödie spielt im Mittelasien der 1920er Jahre und erfreut sich bis heute großer Beliebtheit. Dazu hat auch das eingängige Titellied "Wasche blagarodie, gosposha udatscha" (dt. etwa: Euer Wohlgeboren, Frau [besser: Herr] Erfolg) beigetragen. Der Text stammt vom berühmten Bulat Okudschawa, die Musik von Isaak Schwarz, gesungen wird es hier wohl ebenfalls von Okudschawa.



Dienstag, 15. Dezember 2009

15.12.2009: Gedicht des Tages



Heute: Der "Linke Marsch" und darin Wladimir Majakowskijs Ode an die Pistole C-96. Hätte er dieses Gedicht nicht geschrieben, wäre der "Schreihals der Revolution" heute wohl weithin in Vergessenheit geraten. ;-)
"Entrollt euren Marsch, Burschen von Bord!
Schluß mit dem Zank und Gezauder.
Still da, ihr Redner!
Du
hast das Wort,
rede, Genosse Mauser!

Brecht das Gesetz aus Adams Zeiten.
Gaul Geschichte, du hinkst ...
Woll'n den Schinder zu Schanden reiten.
Links!
Links!
Links!

Blaujacken, he!
Wann greift ihr an?
Fürchtet ihr Ozeanstürme?!
Wurden im Hafen euch eurem Kahn
rostig die Panzertürme?
Laßt
den britischen Löwen brüllen –
zahnlosfletschende Sphinx.
Keiner zwingt die Kommune zu Willen.
Links!
Links!
Links!

Dort
hinter finsterschwerem Gebirg
liegt das Land der Sonne brach.
Quer durch die Not
und Elendsbezirk
stampft euren Schritt millionenfach!
Droht die gemietete Bande
Mit stählerner Brandung rings, -
Russland trotzt der Entente
Links!
Links!
Links!

Seeadleraug' sollte verfehlen?!
Altes sollte uns blenden?
Kräftig
der Welt ran an die Kehle,
mit proletarischen Händen.
Wie ihr kühn ins Gefecht saust!
Himmel, sei flaggenbeschwingt!
He, wer schreitet dort rechts raus?
Links!
Links!
Links!"

Weiterführende Links:
Bericht über das Moskauer Majakowskij-Museum (dt.)

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Sonntag, 13. Dezember 2009

Partisanen vom Amur



Es ist eines der bekanntesten roten Lieder aus dem russischen Bürgerkrieg, das nicht nur in viele Sprachen übersetzt, sondern - mit geändertem "weißem" Text - von den ehemaligen Gegnern der Roten im Ausland gesungen wurde: "Partisanen vom Amur". Den deutschen Text sollte jeder in der früheren DDR aufgewachsene noch heute kennen ;-):
"Durch's Gebirge, durch die Steppen zog
Unsre kühne Division
Hin zur Küste dieser weißen,
Heiß umstrittenen Bastion.

Rot vom Blut, wie unsere Fahne,
War das Zeug, doch treu dem Schwur,
Stürmten wir die Eskadronen,
Partisanen vom Amur.

Kampf und Ruhm und bittere Jahre!
Ewig bleibt im Ohr der Klang,
Das Hurra der Partisanen,
Als der Sturm auf Spassk gelang.

Klingt es auch wie eine Sage,
Kann es doch kein Märchen sein:
Wolotschajewska genommen!
Rotarmisten zogen ein.

Und so jagten wir zum Teufel
General und Ataman.
Unser Feldzug fand sein Ende
Erst am Stillen Ozean."



Hinsichtlich des historischen Hintergrundes dieses Liedes war ich bis dato skeptisch, schließlich ist wohlbekannt, wie freizügig die Sowjets bisweilen im "Erfinden" von Traditionen und in der Pflege derselben waren. Doch in der vergangenen Woche ist mir ein Artikel im Heft 10/2009 des Wojenno-Istoritscheskij Shurnal (dt.: Militärhistorische Zeitschrift) aufgefallen. Mit seiner Abhandlung "Die Rolle der Partisanenbewegung im Kampf gegen die japanische Intervention im Fernen Osten in den Jahren 1918 bis 1920" unternimmt es der Autor W. G. Chitryj, die im russischen Originaltext noch stärker als in der deutschen Übersetzung besungenen Partisanen aus ihrer weihevollen Anonymität zu holen und mit Leben zu erfüllen.



Wir schreiben das Jahr 1918. Seit Herbst 1917 befinden sich erste amerikanische Truppen in Wladiwostok, die seit Frühjahr 1918 durch japanische Kontingente verstärkt werden. Letztere beschränken sich allerdings nicht mit der Herrschaft über die Hafenstadt, sondern stoßen entlang der Transsibirischen Eisenbahn weit Richtung Westen bis zum Baikalsee vor. Das offizielle politische Ziel der Intervention bestand in der Unterstützung der Weißen im russischen Bürgerkrieg (insbesondere von Admiral Koltschak) sowie in der Evakuierung der Tschechoslowakischen Legion über den Pazifik in ihre Heimat.



Über diese von allen Interventionsmächten (USA, Großbritannien, Frankreich, Kanada u.a.) geteilten Ziele hinaus hatte Japan jedoch eine "hidden agenda": Die Japanisierung des russischen Fernen Ostens. Zu diesem Zweck wurden Siedlungskolonien gegründet (insgesamt ca. 50.000 Personen) - und eine davon, in Nikolajewsk am Amur, wurde durch einen "Zwischenfall" 1920 berühmt. Im März hatte eine Partisanenabteilung unter Führung des Anarchisten Triapizyn die Stadt umzingelt, in der es neben 350 japanischen und 300 "weißen" Soldaten auch 450 japanische Kolonisten gab. Als im Mai eine Entsatzexpedition der japanischen Armee eintraf, waren alle der vorgenannten entweder gefallen oder füsiliert worden. Dasselbe Schicksal sollte dann aber auch Triapizyn ereilen.



Bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts hatte das expandierende Japan seine begehrlichen Blicke auf diesen Teil der Welt geworfen und seither nicht davon abgelassen (siehe auch hier). Jetzt schien eine günstige Chance gekommen. Mit einem Truppenkontingent von rund 70.000 Mann - das war das Zehnfache der amerikanischen Truppen - waren die Japaner die uneingeschränkte Führungsmacht im Fernen Osten und in Sibirien sowie in den angrenzenden Gebieten Chinas. Diese militärische Macht wurde durch politisch-diplomatische Manöver abgesichert, etwa die Unterstützung für Grigorij Semjonow (das ist der im Lied besungene Ataman) und Robert von Ungern-Sternberg. Beide Männer verfolgten ihre eigene Agenda (Ungern-Sternberg ernannte sich z.B. selbst zum Diktator der Mongolei) und waren, bei Lichte betrachtet, nicht nur Separatisten, sondern überhaupt zwielichtige und ziemlich unappetitliche Figuren.



Angesichts dieser offensichtlichen Bedrohung durch die japanischen Okkupanten wie durch ihre blutrünstige Landsleute ist es nicht überraschend, daß sich aus den Einwohnern des russischen Fernen Ostens Partisanengruppen gebildet haben. Regionale Schwerpunkte waren das Amurgebiet, die Region Chabarowsk und Primorje. Die Organisation war, den Zeitumständen entsprechend, sehr divers, weshalb man eine alles bestimmende Rolle der Bolschewiki oder der Roten Armee wohl verneinen muß. Eine zentralere Führung durch die Streitkräfte der Fernöstlichen Republik war erst in der zweiten Periode des Konflikts (1920-1922) gegeben. Dazu kam die ethnische Heterogenität der Partisanen: Russen, Koreaner, Chinesen u.a. Völkerschaften waren vertreten; es gab in ihren Reihen sogar freigelassene deutsche und österreichische Kriegsgefangene. (Manche Gruppen dürften allerdings kaum besser als ordinäre Banditen gewesen sein.)



Im Februar 1919 sollen allein im Amurgebiet rund 10.000 Partisanen operiert haben. Ihre zumeist aus Kavallerie und Infanterie gemischten Abteilungen hatten in der Regel eine Stärke zwischen etwa 50 und 200 Mann. Die Angriffe richteten sich vor allem gegen die Verbindungswege der Japaner. Der Schwerpunkt lag dabei auf Attacken gegen die Eisenbahnlinien, über die ja nicht nur die japanischen, sondern auch die weißen Truppen im Osten Sibiriens versorgt wurden. Von Februar bis Oktober 1919 sollen 327 Eisenbahnbrücken durch Partisanen zerstört worden sein. Sofern sich die Gelegenheit ergab, wurden allerdings auch japanische Garnisonen und ganze Städte angegriffen. Bis zum November 1919 verlor die japanische Armee bei diesen Kämpfen 572 Gefallene und 483 Verwundete; hinzu kommen 436 Soldaten, die infolge von Erkrankungen verstorben sind. Insgesamt verloren die Japaner während ihres Rußlandabenteuers über 5.000 Tote.



1921 gab es mit der von Japan unterstützten Gründung der sog. Küstenrepublik ein letztes Aufbäumen der weißen Bewegung im Fernen Osten. Doch diesem Versuch war nur eine kurze Dauer beschieden. Im September/Oktober 1922 verließen die japanischen Truppen als letzte der Interventionsmächte das russische Festland (Nordsachalin blieb bis 1925 besetzt) und im Dezember zog die Rote Armee in Wladiwostok ein. Die Partisanen vom Amur hatten gesiegt. In ihrem jahrelangen Kleinkrieg hatten sie nicht nur ihre weißen Gegner besiegt, sondern auch erheblich stärkere japanische Truppen aus dem Land geworfen. Für Tokio war die Intervention zu einer nicht mehr tragbaren Belastung geworden, die erhebliche finanzielle Mittel verschlang (insgesamt ca. 900 Mio. Yen).




Die ersten Bilder stammen aus amerikanischen und japanischen Quellen. Die letzten vier zeigen hingegen Partisanen sowie Soldaten der Roten Armee.
Bezeichnend sind die Fotos 1 bis 3 (s.o.) im Vergleich mit dem letzten. Alle sind in Wladiwostok entstanden: zunächst paradieren die Interventionstruppen, doch am Ende triumphiert die Rote Armee.






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Sonntag, 11. Oktober 2009

Das Laboratorium der Moderne

Der Osteuropahistoriker Karl Schlögel hat 1988, kurz vor dem Zusammenbruch der Sowjetunion, ein Buch vorgelegt, das sich fast schon als prophetisch erwiesen hat und im Frühjahr 2009 endlich auch als Taschenbuch erschienen ist. In „Petersburg – Das Laboratorium der Moderne 1909-1921“ beschreibt er die Entwicklung der Residenzstadt des Zarenreiches hin zu einer bürgerlichen Metropole. Diese Epoche hat mit als Vorlage für jene Wiederkehr der zeitweilig Leningrad geheißenen Stadt gedient, die sich in den letzten Jahren vollzogen hat – von der im Schatten Moskaus stehenden Provinz – hin zu einer Weltstadt aus eigenem Recht.

Wie für das gesamte Russische Reich, so waren auch für Sankt Petersburg die Jahre nach 1861 geprägt von einer stürmischen Entwicklung. Bauernbefreiung und zunehmende Industrialisierung führten zwangsläufig zu einer stärkeren Urbanisierung. Damit begann die Herausbildung eines Bürgertums, welches maßgeblich durch Industrielle und Geschäftsleute geprägt war und nicht so recht in das überkommene Schema der bäuerlichen Autokratie passen wollte. Es dürfte klar sein, daß solch eine rasante Entwicklung immer zu Konflikten und Paradoxien führen muß.
In seinem Werk gelingt es Schlögel, dies an mehreren Fallbeispielen aus der Stadtgeschichte St. Petersburgs nachzuzeichnen. Sei es der Streit um den richtigen Baustil für die Stadt (Jugendstil, Neoklassizismus, altrussischer Stil), ein Querschnitt durch die disparate Intelligentsia oder biographische Skizzen von Kaufleuten, Politikern und Künstlern.
Diese Großstadt als Laboratorium der Moderne war spannend und vielschichtig – und wird von Schlögel auch so geschildert. Um so mehr, als Petersburg während dieser Zeit im Zentrum des Weltgeschehens lag – man denke nur an die Revolutionen von 1917 –, bevor es danach zur Peripherie der Sowjetunion wurde.




Es ist genau diese Epoche des Aufbruchs, der Modernisierung, der – im positiven Sinne – Verbürgerlichung, die heute in Rußland so viel Interesse hervorruft. Nachdem die Blütenträume eines kommunistischen Himmels auf Erden zerplatzt sind und sich eine allzu starke Anknüpfung an das Zarenreich aus verschiedenen Gründen verbietet (z.B. wegen seiner notorischen Reformunfähigkeit), sind es die Industriellen, Geschäftsleute, Ingenieure und Intellektuellen des frühen 20. Jahrhunderts, an denen sich die seit einigen Jahren entstehende Mittelschicht auf ihrer Suche nach historischen Vorbildern orientiert. Gefragt ist heute – auch unter Studenten – nicht mehr der große Gestus, der im Dunst einer verrauchten Hinterhausküche verkündete Aufruf zu einer Revolution, sondern das praktische und tatkräftige Wirken im Hier und Jetzt. Ausdruck dieser Tendenz ist auch die Wahl des einstigen Ministerpräsidenten Stolypin zum „zweitgrößten Russen der Geschichte“ im Dezember 2008. Heute hat der Geist der „Wechi“ Konjunktur, nicht jedoch irgendwelche abgehobenen Diskurse unter Intellektuellen (was letztere oft betrübt).

Und es sind, nebenbei bemerkt, mit Medwedew und Putin zwei maßgebliche Politiker in der RF, die genau diese Tendenzen erheblich befördert haben. Hatten Schulkinder zu Jelzins Regierungszeit noch angegeben, ihr größter Berufswunsch sei Bandit (Jungen) bzw. Prostituierte (Mädchen), so stehen heutzutage gutbürgerliche Berufe (wieder) weitaus höher in der Gunst. Ich persönlich halte dies für ein Zeichen der zunehmenden Gesundung Rußlands.

Doch jetzt zurück zu Schlögels Buch. Die rund 630 Seiten sind natürlich nicht in einem Zug zu lesen. Dafür eröffnet sich durch die sinnvolle Kapitelgliederung die Möglichkeit, den Text in leichter „verdaubaren“ Portionen zu genießen. Wie bei dem Autor üblich, ist das Niveau der Argumentation und der dargelegten Fakten sehr hoch. Und es eröffnet – ebenso wie das Standardwerk von Orlando Figes – den Einblick in eine der prägendsten Epochen der russischen Geschichte, die aus den o.g. Gründen heute für das Selbstverständnis der russischen Gesellschaft wichtiger geworden ist als die jahrzehntelang mystifizierte Oktoberrevolution.




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Donnerstag, 20. August 2009

Egalitäre Privilegien in der Sowjetunion


Die Überschrift klingt wie ein Paradox und tatsächlich ist der hier zu behandelnde Sachverhalt nicht frei von Widersprüchen. Gestern ist mir in Orlando Figes’ Buch "Die Tragödie eines Volkes" eine Fußnote aufgefallen, die ich vorher übersehen hatte. Auf Seite 630 heißt es über die Zeit des russischen Bürgerkrieges:
"Die Bolschewiki hatten schon immer ein martialisches Machoimage gepflegt. Sie zogen Lederjacken an - eine Militärmode aus dem Ersten Weltkrieg - und trugen alle Waffen.*

* Alle Parteimitglieder besaßen das Recht, eine Waffe zu tragen. Dies wurde als Zeichen der Gleichheit unter Genossen betrachtet. Erst nach dem Mord an Kirow wurde dieses Recht 1935 abgeschafft."
Noch im Jahr 1920 und danach, als der Rote Terror schon Abertausende von Opfern, vornehmlich unter Bürgern, Adligen und Bauern, gefordert hatte, hielten die Bolschewiki innerhalb ihrer Partei am revolutionären Ideal einer bewaffneten Arbeitermiliz fest.
Eine Miliz ist - bereinigt um die klassenkämpferische Komponente - sicher kein schlechtes Prinzip im Hinblick auf die Landesverteidigung. Aber sie müßte das ganze Volk umfassen und nicht nur eine privilegierte Kaste, während alle übrigen Menschen - im wahrsten Sinne des Wortes - zum Abschuß freigegeben werden.



Die drei zeitgenössischen Propagandaplakate der Bolschewiki vermitteln (hoffentlich) einen kleinen Eindruck dieser Epoche. Das erste fordert die Arbeiter zum bewaffneten Schutz ihrer Fabriken und zur Teilnahme an einer allgemeinen militärischen Grundausbildung auf. Das zweite Plakat soll die Verteidigung Petrograds gegen die 1917/18 vorrückenden deutschen Truppen mobilisieren. Und auf dem dritten wird der Film "Panzerkreuzer Potemkin" gefeiert.



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Sonntag, 1. Februar 2009

Die Tragödie eines Volkes

In den vergangenen Wochen habe ich hier schon fünf kurze Auszüge aus dem fast 900 Seiten starken Buch "Die Tragödie eines Volkes" von Orlando Figes veröffentlicht. Was gibt es nun über dieses Werk insgesamt zu sagen? Es ist auf jeden Fall ein Standardwerk über die Epoche der russischen Revolution, zumindest im deutschsprachigen Raum. Der Autor kapriziert sich nicht auf einige Ereignisse, sondern behandelt ebenso ausführlich die Vorgeschichte der Revolution(-en) sehr ausführlich und spannt so einen Bogen von der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts bis zum Bürgerkrieg und in die Mitte der 1920er Jahre.

Figes gelingt es, die Staats-, Diplomatie- und Militärgeschichtsschreibung mit der Sozialgeschichte zu kombinieren, ohne dabei den (häufigen) Fehlgriff der letzteren zu begehen, indem nur eine Geschichtsschreibung "von unten" ohne rechte Verbindung zu den "großen Linien" geboten wird. Der Autor hat für seine Darstellung der russischen Revolutionen einen interessanten Ansatz gewählt. Sie sind für ihn keine "Geißel Gottes" oder ein Betriebsunfall der Geschichte, sondern das Ergebnis konkreter politischer Handlungen oder Unterlassungen. Dadurch werden die Ereignisse verständlich und nachvollziehbar, sind kein bloßes "Schicksal" mehr. Folglich gibt es in seinem Buch auch keine Unterscheidung in gut und böse (alle Beteiligten bekommen "ihr Fett weg"), stattdessen geht es darum, die Handlungslinien und die Motive der Akteure aufzuzeigen.

Wobei es für Leser mit sehr schematischen Geschichtsbildern unangenehme Erkenntnisse geben dürfte. Etwa dann, wenn die finnische Unabhängigkeitsbewegung mit dem Spruch "Lieber tot als rot" beschrieben wird. Das Gegenteil war 1917 der Fall: Die finnischen Bürgerlichen wollten mit der Provisorischen Regierung nur über eine Autonomie verhandeln, während es gerade die Linken waren, die auf die sofortige Unabhängigkeit setzten - um so möglichst schnell den Sozialismus aufbauen zu können.

Ansonsten kann man über ein so umfangreiches und gut geschriebenes Buch kaum mehr schreiben, ohne sich allzu sehr in Details zu verlieren. Kurzum: Wer sich für dieses Kapitel der Geschichte interessiert, wird an Figes' Buch kaum vorbeikommen.


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Samstag, 27. Dezember 2008

Die (fehlende) russische Geschichtspolitik

Vorbemerkung: Mein gestriger Beitrag über den neuen Koltschak-Film "Der Admiral" hatte einige wichtige Fragen ausgeklammert, die nachfolgend diskutiert werden sollen, nämlich die geschichtspolitischen Aspekte dieses Films über den russischen Bürgerkrieg. Mit anderen Worten: Was sagt uns "Der Admiral" über den Umgang der Russen mit ihrer Geschichte? Läßt sich am Film und an anderen aktuellen Tendenzen so etwas wie eine staatliche Beeinflussung der Geschichtsdarstellung und -wahrnehmung feststellen?

1. Sowjetnostalgie?

Der Film hat zunächst - wieder einmal - die gern von vielen Medien kolportierte Vorstellung widerlegt, im heutigen Rußland herrsche weithin eine Sowjet- und Stalinnostalgie. Im Gegenteil:
"But it is interesting to note yet another facet of the conflicted Soviet legacy here: In modern Capitalist Russia, the Reds are sneaky and evil, and the Whites are heroic, God-fearing, Tsar-loving real Russians, pure and simple."
Oder wie es die Berliner Zeitung formuliert hat:
"Diese Szene, vor allem aber später der Angriff weißer Truppen unter General Kappel gegen Stellungen der Roten greifen Szenen aus der sowjetischen Filmgeschichte auf und deuten sie um. Wie in "Tschapajew" - dem Filmklassiker über einen roten Truppenführer, der bis heute als geliebte Witzfigur weiterlebt - marschieren die Weißen in Reih' und Glied auf ein Maschinengewehr zu. Aber sie tun das nicht mehr aus zaristischer Überheblichkeit, wie in der Vorlage von 1934, sondern weil ihnen die Munition ausgegangen ist; nicht in Paradeuniformen, sondern als abgerissene tapfere Soldaten.
Auch die Kamera hat die Seite gewechselt und sich unter die Weißen begeben. Diesen ideologischen Seitenwechsel haben viele Kritiker bemängelt. Folgt nun auf die einseitige Verurteilung der Weißen ihre ebenso einseitige Idealisierung - jedenfalls "bis zum nächsten Umsturz", wie die Nesawisimaja Gaseta scherzt? Nur die Filme der späten Sowjetzeit, konstatiert der Kommersant betrübt, hätten ein ausgewogenes Bild der Weißgardisten gezeigt, "die goldene Mitte zwischen Ausgeburten der Schurkerei und Engeln mit Flügelchen"."
Hier zeigt sich, daß es gerade die sog. "Liberalen" in Rußland sind, die der sowjetischen Geschichtsdarstellung hinterhertrauern.

2. Xenophobie?

Ein weiterer Vorwurf, der gegen den Film erhoben wurde, ist der der Fremdenfeindlichkeit:
"It is a French general and Czech forces who, in the end, deliver Kolchak to the Bolsheviks for execution. [...] In line with Russian ideology today, a foreigner can only be a foe, Gladilshchikov wrote."
Abgesehen davon, daß ich mich völlig außerstande sehe, so etwas wie eine zeitgenössische "russische Ideologie" zu erkennen, sprechen die historischen Fakten eine andere Sprache. Ich darf dazu aus Orlando Figes: "Die Tragödie eines Volkes", einem der Standardwerke zur Epoche von Revolution und Bürgerkrieg, zitieren (S. 697):
"Am 4. Januar 1920 erklärte Koltschak seinen Rücktritt, übergab den Befehl über seine Armee an Semjonow und fuhr mit den Tschechen nach Irkutsk, wo er erwartete, den alliierten Missionen übergeben zu werden. Er wurde jedoch hintergangen und an die Irkutsker Bolschewiki ausgeliefert. Soweit es sich heute feststellen läßt, lieferten die Tschechen ihn und sein Gold sehr wahrscheinlich im Tausch gegen eine sichere Durchfahrt nach Wladiwostok aus, von wo aus sie sich schließlich auf ihrer Heimreise rund um den Erdball nach Amerika einschiffen konnten. Weder das politische Zentrum noch die alliierten Missionen unternahmen etwas, um den Admiral zu retten."
Es ist unter Historikern unstrittig, daß die Tschechoslowakische Legion im Bürgerkrieg eine zwielichtige Rolle gespielt hat; ebenso ist das Taktieren namentlich der französischen Interventionstruppen durch zahlreiche Quellen belegt. Mithin gibt es im Film keinerlei Anhaltspunkte für die behauptete Xenophobie.



3. Mangel an Geschichtspolitik und Politischer Korrektheit

Kennzeichnend für das heutige Rußland ist vielmehr die von der Berliner Zeitung mit Verwunderung konstatierte Polarisierung, die der Film ausgelöst hat. Ist der Regisseur Patriot oder Geschichtsrevisionist, wie das Neue Deutschland fragt. Ist der "Admiral" eine Verunglimpfung der Oktoberrevolution oder das längst überfällige Gegengewicht zur jahrzehntelangen kommunistischen Propaganda? Keine dieser Fragen wird eindeutig und endgültig beantwortet. Folglich existieren verschiedene Geschichtsbilder nebeneinander her - ohne daß es zu einer staatlichen Intervention zwecks Durchsetzung einer bestimmten Meinung kommen würde. Dies ist das hervorstechendste Merkmal der aktuellen Geschichtsdebatten in Rußland.
Es gibt eben nicht nur Stalin-Fans, sondern auch solche des Generals Wlassow; nicht nur Anhänger Lenins, sondern auch Verehrer Koltschaks oder Kerenskijs. Alle diese dürfen sich weitgehend frei äußern und miteinander streiten. Dergleichen hat man sich in Deutschland, wo z.B. der § 130 StGB der historischen Forschung eine inhaltliche Linie vorgibt, mittlerweile entwöhnt. Anders kann ich es mir nicht erklären, daß man in den hiesigen Medien so gern und oft auf einseitige Darstellungen ausweicht: entweder beklagt man die "Weißwaschung" Koltschaks oder man behauptet eine angeblich weit verbreitete Stalinnostalgie - und erkennt nicht, daß sich beides gegenseitig ausschließt.

Illustriert wird das eben Gesagte durch die beiden Fotos über und unter diesem Abschnitt, aufgenommen in Moskau im September 2007. Es ist keineswegs ungewöhnlich, an einem Gebäude eine Tafel zu finden, die an irgendwein - mit Lenin verbundenes - revolutionäres Ereignis erinnert. Gleichzeitig ist im selben Gebäude ein Geschäft für Luxusgüter untergebracht und davor stehen zuhauf Nobelkarossen, die sich auch die meisten Deutschen niemals werden leisten können. Wenn Lenin das sehen könnte, würde er vermutlich in seinem Mausoleum rotieren. ;-)

Die in Rußland herrschende Offenheit bezüglich historischer Forschung und der Diskussion ihrer Ergebnisse kann man außerdem daran ermessen, daß zahlreiche russische Historiker Arbeiten zur Präventivkriegsthese vorgelegt haben (und daß darüber auch offen diskutiert wird), für die sie in Deutschland als vermeintliche "Neonazis" stigmatisiert worden wären.



Der Beitrag wird morgen mit einem zweiten Teil fortgesetzt.


Nachtrag (28.12.2008): Die angekündigte Fortsetzung wird es - zumindest in der geplanten Form - vorerst nicht geben, da sich das Thema als sehr komplex erwiesen hat - zu aufwendig und zu lang für ein Weblog. Sollte seitens meiner Leser dennoch Interesse bestehen, bitte ich darum, dies kundzutun. Danke.


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Freitag, 26. Dezember 2008

Der Admiral

Die letzten Tage sind bei mir sehr ruhig verlaufen und so konnte ich endlich wieder ein paar Bücher lesen und Filme ansehen. Darunter war auch einer der diesjährigen "Topfilme" aus Rußland: "Der Admiral" (vgl. hier, hier, hier, hier und hier). Der Film dreht sich um Alexander W. Koltschak, der es im Ersten Weltkrieg bis zum Admiral der russischen Marine gebracht hatte und im anschließenden Bürgerkrieg eine der bedeutendsten Führungsfiguren der weißen Bewegung gewesen war.

Der Film hätte vom Thema her ein großes historisches Drama werden können. Doch es sollte anders kommen. "Der Admiral" ist im Kern die Erzählung einer Liebesgeschichte zwischen Koltschak und Anna Timirjowa - beide natürlich verheiratet. Und es sollte wohl auch nicht mehr sein als die russische Version von "Titanic". Die dramatischen Ereignisse der Jahre 1917 bis 1920 dienen nur als Hintergrund für die gefühlsbetonte Beziehungsgeschichte, der - ähnlich einem Rinforzando in der Musik - kurz und heftig aufleuchtet, um danach wieder Platz für die beiden Protagonisten und ihre Beziehung zu machen.
Wie dieser Hintergrund aber gezeigt wird, ist schon beeindruckend. Das "Zerschellen des adlig-bürgerlichen Russland am Eisberg des Bolschewismus" wird in realitätsnahen Szenen gezeigt: von den revoltierenden Soldaten und Matrosen ermordete Offiziere, die Ohnmacht der Provisorischen Regierung, die Unübersichtlichkeit nicht nur der politischen Landschaft, blutige Gefechte zwischen den Bürgerkriegsparteien und die Intrigen der Interventionsmächte, die Koltschak schließlich den Roten ans Messer liefern sollten. Hier hätte man mehr aus dem Film machen können, wenn man denn gewollt hätte. So bleibt es bei der Darstellung Koltschaks als "Seemann und Puritaner", der als Regierungschef freilich gescheitert ist.

"Der Admiral" ist somit kein schweres historisches Drama, sondern wurde für den Massengeschmack gedreht, der keine allzu schwere Kost verträgt. Aber das ist ja in Deutschland oder den USA nicht anders. Historisierende Filme kommen nicht ohne ein paar amouröse Geschichten aus. Offensichtlich hat sich mittlerweile also auch in Rußland die Mittelschicht soweit eingerichtet, daß sie auf leichtverdauliche Unterhaltung nicht verzichten will. Sind derartige Filme ein "Mittelschichtphänomen"?
Nichtsdestotrotz ist der "Admiral" es wert, angeschaut zu werden. Technisch sehr gut gemacht, ebenso die Leistungen der Schauspieler. Und trotz der Kritik kann dem Film sein Unterhaltungswert nicht abgesprochen werden. Insbesondere die Kampfszenen sind durchaus beeindruckend.

In den Kritiken zum "Admiral" werden auch zahlreiche Fragen angesprochen, die das Feld der Geschichtspolitik betreffen. Diese erscheinen mir so interessant, daß ich beabsichtige, in den nächsten Tagen dazu einen gesonderten Beitrag zu schreiben.
Heute nur so viel: Der russische Filmtitel lautet "Адмиралъ" (dt.: Admiral), wobei am Ende des Wortes ein Härtezeichen steht. Das war früher in der russischen Sprache bei vielen Substantiven die Regel, bis die Bolschewiki 1918 eine Rechtschreibreform durchgeführt haben. Auch solche Details enthalten eine Aussage.

Nachfolgend ein Trailer mit Szenen aus dem Film:



Und zum Schluß noch zwei Videos mit Musik aus "Der Admiral":





PS: Erwerben kann man russische Film-DVDs in Deutschland zu sehr günstigen Preisen übrigens hier oder hier.

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Filme: Erster Weltkrieg und russischer Bürgerkrieg

Mittwoch, 3. Dezember 2008

Kleine Korrektur


Im Oktober, bei der Vorstellung der interessanten russischen Fernsehserie "Gibel Imperii", hatte ich behauptet, daß dort ein österreichischer Offizier mit einer Pistole Steyr M 1912 gezeigt werde. Im Film sah das auf die Schnelle auch so aus. Jetzt habe ich jedoch entdeckt, daß es sich, wie das obige Bild zeigt, tatsächlich um eine FN High Power gehandelt hat - und zwar um eines der früheren Modelle, wie man an dem für die Verwendung mit einem Anschlagschaft konzipierten Schiebevisier erkennen kann. Mithin leider nicht stilecht. :-(

Auf meinen Fehler bin ich übrigens in diesem Strang im Forum von Guns.ru aufmerksam gemacht worden, in dem zahlreiche Bilder von Filmwaffen gezeigt sowie diverse weitere Ungereimtheiten "aufgedeckt" werden.

Mittwoch, 26. November 2008

26.11.2008: Video des Tages

Im heutigen Video wird das russische Lied "Abschied der Slawin", welches den weißen Truppen während des Bürgerkrieges zum Teil als inoffizielle Hymne diente, von entsprechenden Bildern ergänzt.

Dienstag, 11. November 2008

Das Museum für Politische Geschichte


Das Museum für Politische Geschichte ist zwar kein Militärmuseum i.e.S., nichtsdestotrotz eines der interessantesten in St. Petersburg. Untergebracht in der im Jugendstil erbauten Kschessinskaja-Villa, worin die roten Revolutionäre 1917 ihr erstes Hauptquartier eingerichtet hatten und die deshalb später als Museum der Oktoberrevolution zu einer Kultstätte gemacht wurde. Dies war nach 1991 nicht länger hinnehmbar, und so ist in den letzten Jahren Geld für eine Umgestaltung "lockergemacht" worden. Herausgekommen ist das Museum für die politische Geschichte Rußlands im 20. Jahrhundert, in dem insbesondere die kommunistische Epoche sehr kritisch beleuchtet wird, ohne dabei allerdings in Simplifikationen vom "Reich des Bösen" (R. Reagan) zu verfallen. Gerade dies macht das Museum so sehenswert.



Für die Besichtigung sollte man etwa zwei Stunden einplanen. Zu empfehlen ist hier die Teilnahme an einer Führung. Das Museum liegt auf der Petrograder Seite, zwischen Peter-und-Pauls-Festung, dem Kreuzer "Aurora" und dem ersten Häuschen Peters des Großen.



Anschrift: Uliza Kujbyschewa 2/4
(Link bei Google Maps)
Nächste Metrostation: Gorkowskaja



Weiterführende Links:
Offizielle Webseite (russ./eng.)
Infoseite (russ.)
Das Museum für politische Geschichte bei Rußland Aktuell (dt.)




Zu den Bildern:
1 - Geschütz im Hof des Museums;
2 - Die "gute alte Zeit" vor der Revolution;
3 - Erster Weltkrieg;
4 - Weißes Propagandaplakat aus dem Bürgerkrieg;
5 - Die Uniform der Revolutionäre: schwarze Lederkleidung; daneben eine Mauserpistole C-96.
6 - Ein mir unbekannter Säbel.






7 - Die Kollektivierung während der 1920er Jahre; davor eine lange Pistole 08 (Artilleriemodell);
8 - Die Uniform eines NKWD-Offiziers während der 1930er Jahre; dazu gehörte ein Nagant-Revolver;
9 - Der gefangene Vogel und die zwei Seiten der Sowjetherrschaft: Handarbeit eines Gulag-Häftlings.





10 - Die Ausrüstung der Roten Armee während der 1920er und 30er Jahre, darunter ein Nagant-Revolver, eine Pistole C-96 und ein Mosin-Nagant-Gewehr;
11 - Ein Büro aus der Stalin-Ära;
12 - Das schwere Maschinengewehr Maxim (PM-1910).





13 - Beginn des Kalten Krieges Ende der 1940er Jahre;
14 - Die Chruschtschow-Ära;
15 - Der Afghanistankrieg;
16 - Der kümmerliche Rest des Revolutionsmuseums: Lenins Arbeitszimmer.


11.11.2008: Video des Tages

Die weißen Truppen im russischen Bürgerkrieg ähnelten in vielerlei Hinsicht den zur gleichen Zeit in Deutschland existierenden Freikorps. So auch darin, daß zum Teil komplette Einheiten nur aus Offizieren und Offiziersanwärtern gebildet wurden. Ein Beispiel dafür ist das Offiziersregiment des Generals Sergej Markow, an welches im folgenden Video erinnert wird. Die Musik stammt von Alexej Jazkowskij.


Samstag, 1. November 2008

Dienstag, 28. Oktober 2008

28.10.2008: Videos des Tages

Die beiden heutigen Videos zeigen Bilder der letzten Zarenfamilie und der weißen Truppen aus dem russischen Bürgerkrieg, musikalisch unterlegt von einer (französisch gesungenen) "weißen" Fassung der "Partisanen vom Amur".



(Teil 1)



(Teil 2)

Montag, 13. Oktober 2008

Filme: Erster Weltkrieg und russischer Bürgerkrieg

In den letzten Wochen hatte ich gezwungenermaßen etwas mehr Zeit, um mich durch meine Filmsammlung zu arbeiten. Drei der empfehlenswertesten davon sollen nachfolgend vorgestellt werden.


"Gibel Imperii" (dt.: Der Niedergang des Imperiums; vgl. auch hier und hier) ist m.E. einer der besten Filme zu diesem Thema. Die Handlung der zehnteiligen Reihe beginnt im Sommer 1914 und endet 1918, kurz nach Beginn des russischen Bürgerkrieges.

Der Held der Handlung, Hauptmann Kostin, ist eine eigenwillige Figur. Im Japanisch-russischen Krieg war er 1905 in japanische Kriegsgefangenschaft geraten und hatte sich einige Zeit im Land der aufgehenden Sonne aufgehalten. Dabei kam es nicht nur zu einer unglücklichen Liebe, Kostin erlernte auch die japanische Fechtkunst. Diese praktiziert er auch nach seiner Rückkehr nach St. Petersburg (die Stadt ist übrigens auch das Zentrum des Films). Die ständigen Kendo-Reminiszenzen erinnern ein wenig an die Arbeiten Yukio Mishimas. Auch sonst ist Kostin kein Duckmäuser, der sich seine Unterordnung unter die Obrigkeit des Zaren nicht leicht macht. Er wird als ausgesprochener Individualist gezeichnet: weder Panslawist und "Untertan", noch Westler und Revolutionär. Eines aber ist er auf jeden Fall: Offizier.

Zusammen mit zwei Kameraden dient er in der Spionageabwehr des russischen Militärs. Damit ist zugleich das Genre der Serie, die Kriminalgeschichte, genannt. Am Vorabend des Ersten Weltkrieges wie auch während desselben gilt es, Geheimnisse der eigenen Seite zu schützen oder an deutsche und österreichische heranzukommen. Das alles ist spannend erzählt, ohne dabei in Klischees und Gemeinplätze abzugleiten.
Der Handlungsbogen ähnelt in seiner Fokussierung auf die Probleme der zarischen Regierung und auf die (vom Ausland kräftig unterstützten) sozialistischen (Berufs-)Revolutionäre der Romanserie "Das rote Rad" des kürzlich verstorbenen Alexander Solschenizyn.
Recht ausführlich werden die Ereignisse von der Februarrevolution bis zum Beginn des Bürgerkrieges dargestellt: Die Absetzung des Zaren, die zersetzende Arbeit der Anhänger Lenins (der vom deutschen Nachrichtendienst aus seinem Schweizer Exil geholt wurde), der hoffnungslose Versuch des Generals Kornilow, die provisorische Regierung zu retten, die gewaltsamen Übergriffe und Hinrichtungen infolge der Oktoberrevolution, die Tatsache, daß zu den Berufsrevoluzzern auch notorische Kriminelle zählten, ferner die zeitweilige Besetzung der Ukraine durch Truppen der Mittelmächte, überhaupt die chaotischen Verhältnisse dieser Monate ...
Dazu kommt noch das notorische Unverständnis der alten Eliten für die politische Natur der Bolschewiki im allgemeinen und deren (rational kaum begreifbare) Gewaltorgien im besonderen.

Sowjetische und russische Filme sind im allgemeinen sehr korrekt, was die Darstellung von Waffen, Uniformen und Militärmaterial angeht, was man von vielen Hollywoodstreifen nicht behaupten kann. Und so kommt der Waffenkenner auch bei "Gibel Imperii" auf seine Kosten: zahlreiche Taschenpistolen, die zu Beginn des 20. Jh. große Mode waren, werden gezeigt, dazu natürlich Nagant-Revolver, Mosin-Nagant-Gewehre, Parabellumpistolen und - in den Händen eines österreichischen Nachrichtenoffiziers - eine Steyr M 1912.

Fazit: Diese Reihe über den Niedergang des Zarenreiches ist unbedingt sehenswert. Einige Folgen sind auch online greifbar. Hier noch ein Video mit der Filmmusik der Gruppe Lyube und Szenen aus der Serie:





"Gospoda Ofitsery - Spasti Imperatora" (dt.: Meine Herren Offiziere - Rettet den Kaiser; vgl. auch hier und hier) ist eher ins Genre der Actionfilme einzuordnen. Die Handlung ist schnell erzählt: Der letzte Zar, Nikolaus II., befindet sich während des Bürgerkrieges samt seiner Familie in der Hand der Bolschewiki in Jekaterinburg. Ein paar mutige Offiziere der Weißen Truppen fassen den Entschluß, ihren ehemaligen Herrscher in einem Kommandounternehmen zu befreien. Und so geht denn alles seinen Gang: Es wird viel geritten, gekämpft und geschossen.
Bei letzterem kommt wiederum der Waffenkenner auf seine Kosten. Ich habe bspw. noch nie in einem Film so viele C 96-Pistolen gesehen wie in diesem. (Was historisch korrekt ist, schließlich war die Waffe im russischen Bürgerkrieg und danach dort sehr beliebt.)
Der Film erinnert an einen guten Western. Viel Action, wenig Rahmenhandlung. Und der Zuschauer kann desöfteren auch einmal herzhaft lachen. Aber auch im Film wird die Geschichte nicht gänzlich umgeschrieben: Der Rettungsversuch für die Zarenfamilie scheitert am Ende.

Nachfolgend ein Video mit Szenen aus dem Film:





"Korona Rossijskoj Imperii" (dt.: Die Krone des Russischen Imperiums; vgl. hier und hier) ist eine noch zu tiefsten Sowjetzeiten entstandene dreiteilige Filmreihe über den heroischen Kampf junger Komsomolzen im russischen Bürgerkrieg. Damit ist die ideologische Grundrichtung zwar klar, dennoch handelt es sich um durchaus sehenswerte Mantel-und-Degen-Filme ohne allzu viel vordergründige Propaganda. Sie sind actionreich und witzig. Die Handlung erzählt die Geschichte des Diebstahls der Zarenkrone durch russische Emigranten (um im Pariser Exil einen neuen Zaren krönen zu können) und deren Wiederbeschaffung durch die Helden des Films.
Hier ein Ausschnitt:





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