Sonntag, 14. Februar 2010

Spetsnaz I: Die Gruppe "Alfa" 1974-1991

Entgegen populären Vorstellungen vom „Reich des Bösen“ war die Sowjetunion keineswegs ein monolithischer, von der Außenwelt hermetisch abgeschlossener Block. Die kaukasischen und mittelasiatischen Sowjetrepubliken waren immer der „weiche Unterleib“ des roten Reiches. Dort führten ethnische, religiöse, politische und kriminelle Motive regelmäßig zu Spannungen und Gewaltausbrüchen. Der Bürgerkrieg ist stellenweise nie richtig beendet worden; Teile der genannten Regionen wurden nur oberflächlich sowjetisiert. Daher überrascht es nicht, daß Sicherheitstruppen in der SU immer eine große Rolle spielten. Gerade der Dienst in den Grenztruppen konnte bisweilen ein echtes Abenteuer sein. Doch auch im Landesinnern kam es zu Gewaltakten wie Bombenanschlägen (z.B. 1977 in Moskau) oder Flugzeugentführungen (mehrere zu Beginn der 1970er Jahre). Neben ordinären Kriminellen und Extremisten unterschiedlicher Couleur stellten Wehrpflichtige, die unter Mitnahme ihrer Waffen desertierten, ein beachtenswertes Problem dar.

Doch die Initialzündung für die Aufstellung einer polizeilichen Spezialeinheit war auch in der UdSSR der Angriff auf die Olympischen Sommerspiele 1972 in München. Verstärkt wurde dieser Eindruck noch durch mehrere Anschläge auf den zivilen Luftverkehr, auf welche die sowjetischen Sicherheitsorgane nur unzureichend reagieren konnten. Am 18.05.1973 versuchte ein Passagier einer Tu-104, die sich auf dem Flug von Moskau nach Tschita befand, die Weiterreise nach China zu erzwingen. Ein an Bord befindlicher Milizbeamter eröffnete das Feuer auf den Entführer – mit einem verheerenden Resultat: Infolge einer Beschädigung der Kabine stürzte das Flugzeug aus einer Höhe von 6600 m ab, es gab keine Überlebenden.



Angesiedelt war die neue Einheit wegen der besonderen Brisanz des Themas im Komitee für Staatssicherheit (KGB). Am 29.07.1974 unterzeichnete der KGB-Vorsitzende Andropow den Aufstellungserlaß der Gruppe „A“, die später (eher inoffiziell) auch „Alfa“ genannt werden sollte. Angesiedelt war die Gruppe in der für Be- und Überwachungsaufgaben zuständigen 7. Verwaltung des KGB, d.h. sie gehörte weder zur Auslandsaufklärung noch zur Spionageabwehr i.e.S., sondern zu einem eher technischen Bereich.

Der Schwerpunkt sollte von Beginn an auf klassischen Anti-Terror-Operationen, insbesondere bei Geiselnahmen und Flugzeugentführungen, liegen. Erster Kommandeur wurde der damalige Oberleutnant Witalij Bubenin (letzter Dienstgrad: Generalmajor). Bubenin hatte zuvor in den Grenztruppen gedient und sich bereits 1964 während eines Gefechts um die Damanskij-Insel ausgezeichnet. (Die Grenztruppen wurden zum bevorzugten Rekrutierungsfeld der Spezialeinheiten des KGB [und sind es, wenn man bekanntgewordene Biographien liest, bis heute]. Schließlich brauchte man Personal mit einem eher militärischen Hintergrund, den viele operative Mitarbeiter in den nachrichtendienstlichen Bereichen des KGB nicht besaßen.)
Zum Personalbestand von „Alfa“ gehörten (und gehören auch heute) fast ausschließlich Offiziere und Berufsunteroffiziere (Praportschniki – entsprechen den Fähnrichen der NVA). Das sichert ein für die Spezialaufgaben erforderliches hohes (Aus-)Bildungsniveau sowie die nötige Verweildauer in der Einheit.



Der Aufbau der Gruppe „A“ war – ähnlich den Sondereinheiten in Westeuropa – von vielen Experimenten, bisweilen skurril anmutenden Ideen und dem Prinzip „Versuch und Irrtum“ geprägt. Es gab keine fertigen Dienstvorschriften, ja nicht einmal konkrete Vorbilder, auf die man hätte zurückgreifen können. Die Auslandsaufklärung hatte ein paar amerikanische Publikationen über die Delta Force beschafft, die von den ersten Alfa-Kämpfern eifrig rezipiert worden sind. Auf dem gleichen Weg gelangten einige M-16-Gewehre und UZI-MPis in das Arsenal der Einheit, so daß eine umfassende Schießausbildung betrieben werden konnte, die über die klassische Kalaschnikow hinausging. Einige Sonderwaffen (z.B. Scharfschützengewehre) entstanden später auch in Kleinserien in der Tulaer Waffenfabrik (TOZ).
Ansonsten übte man alle möglichen Techniken, von denen man annahm, daß sie für eine derartige Einheit relevant sein könnten: Nahkampf, Fallschirmspringen, Gebirgsausbildung, Tauchen etc., wobei vieles noch an klassischen militärischen Konzepten ausgerichtet war. Zugleich machten sich die Angehörigen mit möglichen Einsatzorten wie Flugzeugen, Flughäfen, Waggons, Bahnhöfen, Passagierschiffen oder auch der Moskauer Kanalisation vertraut.

Das Auftreten der Alfa-Kämpfer in den 1970er Jahren unterschied sich im Hinblick auf Uniformierung und persönliche Ausrüstung kaum von der regulären Sowjetarmee. Allerdings haben bereits damals Versuche mit kugelsicheren Westen aus Titan und Kevlar begonnen. Es wurde außerdem mit chemischen Mitteln wie z.B. Tränengas experimentiert.
Der Aufbau von Alfa vollzog sich unter größter Geheimhaltung. Veteranen berichten, daß sie sogar formell aus dem Staatsdienst entlassen wurden sind, aber trotzdem ihre neue Arbeitsstelle sogar vor der eigenen Familie verheimlichen mußten.
Doch das lange und intensive Training zahlte sich aus. Die KGB-Führung war von den Fähigkeiten ihres neuen Werkzeugs überzeugt und übertrug der Gruppe „A“ zunehmend Sicherungsaufgaben bei Staatsbesuchen und anderen, als heikel erscheinenden Anlässen.



Im April 1977 sah Bubenin die Aufstellung als weitgehend abgeschlossen an und ließ sich von Andropow zurück in die Grenztruppen versetzen. Sein Interimsnachfolger wurde Robert Iwon, der jedoch bereits im November 1977 wieder zum Stellvertreter wurde. Denn dann kam ein Kommandeur, der Alfa nachhaltig prägte und dessen Name noch heute am stärksten mit der Einheit verbunden ist: Gennadij Sajzew (letzter Dienstgrad: Generalmajor). Sajzew diente nicht nur von 1977 bis 1988 als Chef der sowjetischen Gruppe „A“, sondern nach dem Ende der UdSSR noch einmal von 1992 bis 1995 als Kommandeur der rußländischen Alfa. Er hatte seinen Dienst 1953 als Wehrpflichtiger im Kreml-Regiment begonnen (das Regiment unterstand wie die Grenztruppen dem KGB) und war danach viele Jahre in der 7. Verwaltung tätig, wo er u.a. als Personenschützer für Andropow eingesetzt wurde. Sajzew genießt heute in Rußland einen ähnlich legendären Ruf wie Ulrich Wegener in Deutschland.



1979 war ein turbulentes Jahr für die Gruppe „A“. Im März hatte ein psychisch gestörter Mann in Moskau den Zweiten Sekretär der US-Botschaft angegriffen, wobei auch Alfa-Männer zum Einsatz kamen. Der Dezember brachte dann den ersten großen und vielbeachteten Einsatz der Einheit – allerdings in einer völlig artfremden Rolle. Nicht als Terroristenjäger, sondern als Diversanten, verkleidet mit afghanischen Uniformen, sind einige Angehörige der Gruppe „A“ (zusammen mit anderen Sondereinheiten des KGB, der GRU und Fallschirmjägern) am 27.12.1979 in Kabul aufgetreten.
Die insgesamt rund 700 Mann starke Streitmacht bestand aus folgenden Kräften: 500 Mann eines rein moslemischen Spetsnaz-Bataillons der GRU, eine Kompanie des 345. Fallschirmjägerregiments sowie 48 Spezialkräfte des KGB, davon 24 aus der Gruppe „A“. Sie hatte zu Beginn des sowjetischen Einmarsches in Afghanistan die Aufgabe, den bisherigen Staats- und Parteichef Hafisullah Amin auszuschalten und seinen Palast zu besetzen. Die Operation „Sturm-333“ konnte zwar erfolgreich abgeschlossen werden (Amin hatte Selbstmord begangen), doch waren erhebliche Verluste zu verzeichnen.
In den „Schwarzbüchern des KGB“ werden Zahlen genannt, die von den obigen erheblich abweichen. Von den beiden Autoren wird u.a. die starke Beteiligung von Einheiten des Verteidigungsministeriums verschwiegen. Demzufolge kann die dort erwähnte Zahl von 100 in Kabul gefallenen KGB-Angehörigen ebenfalls nicht stimmen, denn so viele waren ja überhaupt nicht im Einsatz. Die Zahl 100 bezieht sich vielmehr auf die Verluste der gesamten Kampfgruppe. Selbige waren mit Sicherheit beachtlich, denn ihnen standen nur ca. 200 afghanische Soldaten gegenüber, die den gut ausgebauten Palast Amins verteidigten. Von den 24 Alfa-Kämpfern sind zwei (Hptm. D. Wolkow, Hptm. G. Sudin) nicht wieder aus Kabul zurückgekehrt. Dafür wurden die überlebenden Soldaten großzügig ausgezeichnet.
Ironischerweise war es dieser untypische Einsatz im Dezember 1979, der den legendären Ruf von Alfa begründen sollte – worüber mancher ehemalige Angehörige der Einheit bis heute nicht glücklich ist.
Von Februar 1981 bis März 1987 wurden insgesamt 140 Alfa-Männer nach Afghanistan zur Bekämpfung der Mudschaheddin abkommandiert. Dort waren sie z.T. in Manöver- und Luftsturmgruppen der Grenztruppen integriert.



Im Jahre 1980 konnte die Gruppe „A“ jedoch wieder zu ihrem Kerngeschäft zurückkehren, denn die Olympischen Sommerspiele machten umfangreiche Sicherheitsmaßnahmen in Moskau und Tallin, dem Austragungsort der Segelwettbewerbe, erforderlich.
Die 1980er Jahre sahen eine deutliche Zunahme der Einsätze zur Terrorabwehr. Am 18.12.1981 nahmen zwei bewaffnete Deserteure in Sarapul (Udmurtien) die Schüler einer zehnten Klasse als Geiseln. Es gelang den aus Moskau eingeflogenen Alfa-Kräften, sie am folgenden Tag zur Aufgabe zu bewegen. Überhaupt konnten erstaunlich viele Einsätze ohne Abgabe eines einzigen Schusses beendet werden, wobei sich Gennadij Sajzew mehrfach als geschickter Verhandlungsführer erwies. Erstaunlich deshalb, weil das Image der sowjetischen (und heute der rußländischen) Spezialeinheiten im Ausland doch stark in die Richtung von rücksichtslosem Gewalteinsatz geht.

Härter ging es am 18./19.11.1983 auf dem Flughafen von Tiflis zu. Sieben Mitglieder einer Terrorgruppe hatten eine Passagiermaschine auf dem Flug von Tiflis nach Leningrad in ihre Gewalt gebracht, dabei fünf Personen getötet und forderten sodann eine Kursänderung in Richtung Türkei. Es gelang dem Piloten jedoch, die Angreifer aus dem Cockpit zu drängen, die Tür zu blockieren und nach Tiflis zurückzukehren. Am 19. November wurde das Flugzeug von Alfa-Kräften gestürmt. Dabei gab es glücklicherweise keine weiteren Opfer unter den Geiseln, allerdings konnten nur drei der Entführer festgenommen werden.
Am 20.09.1986 wurde Alfa wieder zu einer Flugzeugentführung, allerdings noch im Anfangsstadium, gerufen. In Ufa (Baschkirien) hatten drei fahnenflüchtige und bewaffnete Wehrpflichtige eine Tu-134 mit 76 Passagieren und 5 Besatzungsmitgliedern in ihre Gewalt gebracht, wobei zwei Menschen ums Leben kamen. Ihre Forderung: Ein Flug nach Pakistan. Noch in der Nacht stürmte Alfa die Maschine, wobei einer der Entführer getötet und ein zweiter verwundet wurde.



Während man Einsätze, die durch abgängige Soldaten ausgelöst worden sind, durchaus noch als Verzweiflungstaten einstufen kann, welche durch die bisweilen unangenehmen Lebensumstände der sowjetischen Wehrpflichtigen begründet waren, so gab es doch auch Terrorakte, bei denen lupenreine Kriminelle agierten und wo man nicht über eine fadenscheinige politisch-ideologische Rechtfertigung („Freiheitskämpfer“) diskutieren kann.
So z.B. am 01.12.1988 in Ordshonikidse (bei Wladikawkas in Nordossetien gelegen), als vier Banditen einen mit 32 Schülern besetzten Bus kaperten, um mit diesem zum Flughafen von Mineralnyje Wody zu fahren. (Stadt und Flugplatz sollten später in den 1990er Jahren zu einem wahren Tummelplatz von Terroristen werden.) Als sie dort ankamen, waren gerade Alfa-Angehörige aus Moskau eingetroffen. Nach siebenstündigen Verhandlungen ließen sich die Entführer erweichen und die Kinder sowie ihre Lehrerin wurden gegen Waffen, Munition, kugelsichere Westen und Drogen ausgetauscht. Die Terroristen wollten nach Israel ausgeflogen werden, was ihnen von den sowjetischen Behörden auch zugestanden wurde, nachdem das israelische Außenministerium sein Einverständnis signalisiert hatte. Nach ihrer Ankunft auf dem Ben-Gurion-Flughafen wurden sie von israelischen Sicherheitskräften überwältigt und kurz danach an die UdSSR ausgeliefert.
Es erscheint unproduktiv, wenn, wie in diesem Fall, der Staat den Terroristen Waffen liefert, um die Geiseln freizubekommen. Hier ist jedoch zu bedenken, daß die Gruppe „A“ immer nur ausführendes Organ war. Verantwortlich für die Einsatzleitung waren in jedem Fall die örtlichen Dienststellen von KGB bzw. Miliz.



Die Gruppe „A“ hatte sich auch mit niedriger aufgehängten Formen der Gewaltkriminalität zu befassen. So etwa vom 10. bis 12. Mai 1989, als in Saratow Gefängnisausbrecher, die sich in einem Haus verschanzt und Geiseln genommen hatten, wieder eingefangen werden mußten. Eine ähnliche Lage, wenngleich in größerem Umfang, wurde vom 11. bis 15. August 1990 in Suchumi (Abchasien) bewältigt.

Um den zunehmenden Anforderungen aus allen Teilen der SU gerecht zu werden und die Reaktionszeiten von Alfa zu verkürzen, beschloß die Leitung des KGB im Frühjahr 1990 das Aufspannen eines „Anti-Terror-Schirmes“ über dem Land. Dies bedeutete, daß die bisher zentral bei Moskau stationierte Einheit aufgeteilt wurde. In der Folge entstanden in Kiew (10. Gruppe), Minsk (11. Gruppe), Alma-Ata (12. Gruppe), Swerdlowsk (14. Gruppe) und Krasnodar (13. Gruppe) „Filialen“ der Gruppe „A“. Erste Erfahrungen mit dieser Organisationsform hatte man bereits seit Juni 1984 gesammelt, als in Chabarowsk (Ferner Osten) die 7. Gruppe formiert worden war. Letztere hatte damals eine Stärke von 21 Mann; die 1990 gebildeten Gruppen umfaßten jeweils 45 Kämpfer.
In der russischen Wikipedia finden sich erstaunlicherweise folgende Stärkeangaben von Alfa (sogar mit Fundstellen): 1974 – 30 Mann; November 1977 – 52 Mann; Januar 1980 – 122 Mann; Dezember 1981 – 222 Mann. Nähme man die letztgenannte Zahl auch für das Jahr 1991 an und addierte die Stärken der sechs Außenstellen hinzu, so käme man auf eine Gesamtstärke von 468 Mann. Diese Angabe ist jedoch spekulativ und m.E. zu hoch, denn ich glaube nicht, daß die Aufstellung der regionalen Teileinheiten 1984 und 1990 nicht auf Kosten der Zentrale bei Moskau gegangen sein sollte. Ich halte für 1991 eine Gesamtstärke von etwa 400 Mann für realistisch.
Nach der Auflösung der UdSSR wurden die regionalen Alfa-Teams in der Ukraine, Belarus und Kasachstan von den dort neu entstehenden Sicherheitsbehörden (welche ebenfalls aus dem vormaligen KGB entstanden sind) übernommen. Sie firmieren m.W. bis heute – wie ihre Kollegen in Rußland – unter dem Traditionsnamen „Alfa“ und pflegen mit ihnen das gemeinsame Erbe, beispielsweise bei Vergleichswettkämpfen. (Überarbeitet am 16.02.2010.)



Als sich 1990 in der Sowjetunion erste, auch gewaltträchtige Zerfallserscheinungen zeigten, hat Staatschef Gorbatschow – neben anderen Sondereinheiten von Innenministerium, KGB und Armee – auch Alfa aufgeboten, um ihnen zu begegnen. Dabei kam es zu zahlreichen, bisweilen äußerst unappetitlichen Einsätzen, die nicht ohne Verluste abliefen. So z.B. im Januar 1990 in Aserbaidshan (gemeinsam mit den Kollegen von Vympel), im Januar 1991 in Vilnius (Litauen) und, gewissermaßen als Tiefpunkt, während des August-Putsches 1991 in Moskau. (Diese Ereignisse können hier nur kurz erwähnt werden, da ihre Darstellung und politische Einordnung doch sehr viel Platz braucht und somit auf einen späteren Zeitpunkt verschoben werden muß.)

Neben ihrem Einsatz als Bürgerkriegstruppe mußten die Männer von Alfa auch weiterhin Einsätze auf ihrem originären Aufgabenfeld leisten – etwa bei der Entführung eines Moskauer Touristenbusses am 07.06.1991, wo erfreulicherweise wieder Verhandlungen, an denen ein Abgeordneter beteiligt war, zur Aufgabe des Täters führten.
Bereits im November 1988 hatte die Gruppe „A“ einen neuen Kommandeur erhalten. Viktor Karpuchin (letzter Dienstgrad: Generalmajor) blieb nur bis zum 23.08.1991, zwei Tage nach Ende des Augustputsches, im Amt und wurde danach von Michail Golowatow (letzter Dienstgrad: Oberst) abgelöst. Doch diese Personalentscheidungen gehören bereits zum Strudel der Auflösung der UdSSR.
Am 31.12.1991 verabschiedete sich das „Paradies der Werktätigen“, dessen Komitee für Staatssicherheit bereits einige Tage zuvor aufgelöst worden war, aus der Geschichte. Was danach passierte, können Sie im dritten und vierten Teil dieser Serie lesen, während wir im nächsten Artikel noch einmal ins Jahr 1979 zurückblenden werden, um den zweiten Zweig der Spezialeinheiten des KGB zu beleuchten (Stichwort: „Vympel“).




Bibliographie

Die im vorliegenden Text verarbeiteten Informationen wurden aus folgenden Quellen geschöpft:

C. Andrew / W. Mitrochin: Das Schwarzbuch des KGB, München 2001.

C. Andrew / W. Mitrochin: Das Schwarzbuch des KGB 2, Berlin 2006.

P. Ewdokimow: „Alfa“. Istorija antiterrora, in: Bratischka 8/2009, S. 2 ff.

P. Ewdokimow: Operazija „Grom“, in: Bratischka 4/2006, S. 36 ff.

P. Ewdokimow: Polkownik Speznasa, in: Bratischka 1/2010, S. 8 ff.

Geschichte der Grenztruppen der UdSSR, Berlin 1988.

W. Gondusow: Gruppa „A“. Natschalo, in: Bratischka 8/2009, S. 8 f.

W. Nitsch: Die Steppenwölfe, in: Visier 7/1992, S. 114 ff.

A. Pljusnin / D. Beljakow: „Tak ush wyschlo, tschto likwidirowal Chafisullu Amina imenno ja…“, in: Bratischka 12/2009, S. 22 ff.

Sa drugi swoja…, in: Bratischka 8/2009, S. 38 f.

G. Sajzew / P. Ewdokimow: Gruppa krowi „A“ (1), in: Bratischka 8/2007, S. 14 ff.

G. Sajzew / P. Ewdokimow: Gruppa krowi „A“ (2), in: Bratischka 9/2007, S. 32 ff.

M. Sotnikow: „Alfa“, stawschaja ego sudboj, in: Bratischka 9/2009, S. 28 ff.

Wikipedia: Alfa (russ.)



Die Kommandeure von Alfa (v.l.n.r.): Golowatow, Bubenin, Andrejew, Sajzew, Gusew, Miroschnitschenko und, ganz rechts, der derzeitige Chef, Generalmajor Wladimir Winokurow.

Verwandte Beiträge:
Spetsnaz: Neue Serie über russische Spezialeinheiten
Spetsnaz II: Die Gruppe "Vympel" 1981-1991
Spetsnaz III: Der FSB nach 1991
Spetsnaz IV: Einsätze von Alfa und Vympel seit 1992
Spetsnaz V: Alfa und Vympel heute
29.07.2009: Video des Tages
Tacticoole Kalaschnikows
11.12.2008: Bilder des Tages
Die militärischen Einheiten der Staatssicherheit I
Die militärischen Einheiten der Staatssicherheit II
01.09.2009: Videos des Tages

Fotos: Bratischka.

Spetsnaz - Sicherheitsbehörden und Spezialeinheiten in Rußland


Bei der Lektüre des Januarheftes der Zeitschrift K-ISOM durfte ich feststellen, daß sie erfreulicherweise dabei ist, ihre Kinderkrankheiten abzulegen (siehe hier, hier und hier). Vieles liest sich jetzt schon besser als vor einem Jahr. Der Bericht über den Scharfschützenworkshop in Prag (S. 38 ff.) hat für mich dazu angeregt, ein schon im vergangenen Jahr begonnenes, dann aber aus Zeitmangel nicht weiterverfolgtes Projekt wiederaufzunehmen. In besagtem Artikel beklagt Sören Sünkler, daß über die rußländischen Spezialeinheiten „Alfa“ und „Vympel“ kaum Informationen zur Verfügung stehen würden. Damit hat er recht und unrecht zugleich. Denn über diese beiden Einheiten ist schon einiges publiziert worden, aber eben kaum in deutscher oder englischer Sprache. Und vieles von dem, was in diesen beiden Sprachen zur Verfügung steht, hat m.E. einen äußerst zweifelhaften Informationswert; statt belastbarer Fakten finden sich oftmals die sprichwörtlichen „Räuberpistolen“. Dabei sind die ehemaligen Angehörigen durchaus schreib- und mitteilungsfreudig; der Verband der „Alfa“-Veteranen gibt sogar eine eigene Zeitschrift heraus.

Ausdrücklich warnen möchte ich an dieser Stelle vor zwei Büchern. Zum einen vor dem "KGB Alpha Team Training Manual" von Paladin Press. Dieses Buch, das dem Leser Einblicke in Geheimmaterial verspricht, ist nicht mehr als eine eigentümliche Kompilation von sowjetischen Dienstvorschriften aus den 1940er und 50er Jahren, die kaum jemandem wirklich neue Erkenntnisse vermitteln dürfte.
Das von dem dersierten GRU-Offizier Wladimir Resun unter dem Pseudonym Viktor Suworow publizierte Pamphlet "Speznas - Geheimnis hinter Glasnost" ist noch schlimmer. Resun-Suworow hat immer munter drauflosgeschrieben, und da er aufgrund seiner Dienststellung in der GRU nur wenig über die Spezialeinheiten der Militäraufklärung wußte, hat er seiner Phantasie freien Lauf gelassen. Dieses Buch ist mehr ein Roman denn ein Sachbuch und war schon zum Zeitpunkt seines Erscheinens in den 80er Jahren obsolet. Heute ist es das noch viel mehr, liegen doch mittlerweile viele, z.T. mehrbändige Darstellungen des Themas vor - aber eben zumeist nur in russischer Sprache. Dennoch ist Resun-Suworows Buch nicht einmal als drittklassiger Ersatz zu empfehlen, wenn man so etwas sucht, sollte man sich lieber bei Osprey umschauen.

Um dem beklagten und in der Tat beklagenswerten Mangel abzuhelfen, werden hier auf Backyard Safari in den nächsten Tagen einige Artikel über die Entwicklung jener Spezialeinheiten publiziert, die heute dem Föderalen Sicherheitsdienst (FSB) der Rußländischen Föderation unterstehen. Beiträge über die Spezialkräfte der anderen Sicherheitsbehörden, insbesondere des Innenministeriums (MWD), werden in Zukunft folgen, ohne daß ich mich allerdings hier und jetzt auf einen Zeitrahmen festlegen kann.
Insofern kann mein Ziel schon aus Platzgründen nicht in einer vollständigen und allumfassenden Darstellung dieser Einheiten bestehen. Vielmehr geht es darum, einige Eckdaten und Basisinformationen zu vermitteln sowie die historische Entwicklung der jeweiligen Behörde bzw. Einheit grob nachzuzeichnen. (Dabei ist es unerläßlich, bereits in den Sowjetzeiten zu beginnen.) Detailliertere Abhandlungen müssen jedoch der Zukunft vorbehalten bleiben.

Der Name „Spetsnaz“, der dieser Reihe ihren Titel gibt, ist die russische Abkürzung für „spetsialnogo naznacheniya“, was auf Deutsch nichts anderes als „spezielle Bestimmung“ heißt und mittlerweile zu einem Sammelbegriff für militärische und polizeiliche Spezialeinheiten geworden ist. Das Adjektiv findet sich auch in vielen offiziellen Bezeichnungen, z.B. „Otryad spetsialnogo naznacheniya“ (dt.: Abteilung spezieller Bestimmung oder - kürzer - Spezialabteilung).

Bei der Erstellung der folgenden Texte werde ich vornehmlich auf russischsprachige Quellen und Sekundärliteratur zurückgreifen. Selbige wird am Ende jedes Artikels in einer kurzen Bibliographie aufgeführt.
Leider sehe ich mich außerstande, ein einziges System bei der Transkription russischer Worte durchzuhalten. Dafür hat sich die englische Transkription bestimmter Begriffe wie Spetsnaz (statt Speznas) oder Vympel (statt Wympel) auch im deutschen Sprachraum zu sehr durchgesetzt. Ich bitte meine Leser insoweit um Verständnis.

Für sachliche und kritische Kommentare meiner Leser bin ich, wie immer, dankbar.
Dieser Beitrag wird als Einführungs- und Leitseite der Serie dienen und in der rechten Spalte des Blogs entsprechend verlinkt. Die thematischen Beiträge können später ggf. noch ergänzt bzw. überarbeitet werden. Evtl. Änderungen werde ich dann via Twitter bekanntgeben.


Folgebeiträge:

Spetsnaz I: Die Gruppe "Alfa" 1974-1991

Spetsnaz II: Die Gruppe "Vympel" 1981-1991

Spetsnaz III: Der FSB nach 1991

Spetsnaz IV: Einsätze von Alfa und Vympel seit 1992

Spetsnaz V: Alfa und Vympel heute


Spetsnaz VI: Der Föderale Wachdienst (FSO)

Spetsnaz VII: Die Spezialkräfte des FSO


Spetsnaz VIII: Geschichte der Marineinfanterie (1)

Spetsnaz IX: Geschichte der Marineinfanterie (2)

Spetsnaz X: Die Marineinfanterie heute

Spetsnaz XI: Spezialkräfte der Seekriegsflotte


Spetsnaz XII: KGB-Truppen in der DDR


Spetsnaz XIII: Der Föderale Drogenkontrolldienst (FSKN)




Donnerstag, 11. Februar 2010

Wahlspiele in der Ukraine


Die politische Lage in der Ukraine ist seit der "Orangenen Revolution" 2004 immer spannend gewesen und hatte bisweilen einen echten Unterhaltungswert. Bedauerlich ist nur, daß dies in den deutschen Medien meist sehr stereotyp verkauft worden ist. Da gab und hibt es sog. "pro-westliche" Politiker - gemeint sind der scheidende Präsident Viktor Juschtschenko und die Noch-Ministerpräsidentin Julia Timoschenko - und andererseits sog. "pro-russische" Politiker, womit vor allem auf den vermutlichen Wahlsieger Viktor Janukowitsch abgestellt wird. Doch die Situation in der Ukraine ist erheblich komplexer und wird durch solche extrem simplifizierenden Adjektive nicht einmal ansatzweise korrekt erfaßt.
Hier ist jetzt (leider) nicht der Platz, um eine vollständige Korrektur des medialen Zerrbildes zu leisten; ich muß mich mit einigen kurzen Stichpunkten begnügen.

Die Figur Timoschenko ist doch ziemlich schillernd (um es milde auszudrücken). Diese Frau scheint mir nicht einmal ansatzweise von ideologischen Motiven, sondern ausschließlich vom Willen zur persönlichen Macht getrieben. (Noch viel stärker, als wir es von deutschen Berufspolitikern gewöhnt sind.) Das führt einserseits zu einem ausgeprägten Sinn für Realpolitik (was sie von Juschtschenko unterscheidet), andererseits war Timoschenko in häufig wechselnden Koalitionen zu finden. Im Frühjahr 2007 hat sie beispielsweise in Foreign Affairs noch für eine Eindämmung Rußlands durch die USA plädiert, ein Jahr später ist sie hingegen für eine gedeihliche Kooperation mit der RF in der Gasfrage eingetreten, während Juschtschenko auf stur geschaltet und im Januar 2009 die Pipelines nach Mittel- und Westeuropa zugedreht sowie die Unterzeichnung eines neuen bilateralen Vertrages wochenlang blockiert hat. (Ganz zu schweigen von seinen zahlreichen Drohungen gegen die Regierungschefin.)

Andererseits war sich Juschtschenkos Partei nicht zu fein, kurz vor der Stichwahl mit Janukowitschs Partei der Regionen zusammenzuarbeiten, um das Wahlgesetz zu ändern. Das mag andeuten, wie unscharf ein Begriff wie "pro-westlich" im Kontext der ukrainischen Politik ist. Überhaupt: Was soll dieser Begriff denn aussagen? Was ist denn der "Westen"? Nichts mehr als ein höchst unscharfes Konstrukt, mehr Ideologie denn Realität (vgl. D. Gress: "From Plato to Nato"). Etwas deutlicher ist da schon die Kennzeichnung Timoschenkos als "pro-europäisch". Doch ist diese Zuordnung ebenfalls nicht zutreffend, hat die Ministerpräsidentin doch im Wahlkampf erklärt, sie wolle die Seegrenze zum benachbarten Rumänien (immerhin EU- und NATO-Mitglied) neu ziehen. Insofern dürfte Timoschenkos Wahlniederlage auch für die EU besser sein.

Andererseits ist die Titulierung Janukowitschs als "pro-russisch" maßlos übertrieben. Er wird vermutlich im Kulturbereich die von seinem Amtsvorgänger forcierte "Ukrainisierung" abschwächen. Denn immerhin ist die Sprache, die man heute Ukrainisch nennt, kaum 150 Jahre alt; sie ist nicht nur ein künstliches Konstrukt, sondern außerdem in vielen Teilen des Landes (vor allem im Osten und Süden) bis heute eine Fremdsprache geblieben. Dort spricht man seit altersher Russisch. Doch in hochpolitischen Fragen ist Janukowitschs Spielraum stark eingeschränkt (Stichworte: Wirtschaftskrise und Auslandsverschuldung; siehe dazu auch diese gute Analyse). Die Ukraine hängt finanziell am Tropf des IWF, weshalb dieser einen Gutteil von Janukowitschs Politik bestimmen wird und kein grundstürzender Politikwechsel zu erwarten ist. Vielmehr dürfte Janukowitschs Wahl einen Wechsel des politischen Stils bedeuten: weg von hektischen Emotionen, hin zu einer ruhigen Sachpolitik.

Zudem lehrt das Beispiel des bereits seit 1999 existierenden Unionsstaates zwischen Rußland und Belarus, wie eng begrenzt alle Versuche einer Reintegration im postsowjetischen Raum sind. Wenn manche europäischen und amerikanischen Autoren von der angeblichen Gefahr einer Wiederherstellung der Sowjetunion reden, dann gehen sie lediglich den Blütenträumen einiger Hinterbänkler von einer "Sammlung der slawischen Erde" auf den Leim. In der Realität steht dergleichen nicht zur Debatte. Die schablonenhafte Vorstellung, es gehe in der Ukraine um eine Art Zweikampf zwischen dem (lichten) "Westen" und (dem finsteren) Rußland ist absurd und wird den (geo-) politischen und ökonomischen Gegebenheiten des Landes nicht einmal ansatzweise gerecht.

Dennoch wird sich Janukowitsch stärker als seine "orangenen" Vorgänger um ein gedeihliches Verhältnis zu Moskau bemühen. Das ist jedoch nicht Ausdruck finsterer Absichten, sondern Zeugnis seines Realitätssinnes. Denn der etwa von Timoschenko angestrebte EU-Beitritt der Ukraine würde fast zwangsläufig dazu führen, daß zwischen beiden Staaten die gegenseitige Visapflicht eingeführt würde. Das würde für viele Familien, die Verwandte im jeweils anderen Land haben, erhebliche Erschwernisse mit sich bringen. Was sollen diese Menschen im Gegenzug mit dem möglicherweise visafreien Reiseverkehr in die EU-Staaten anfangen?
Dasselbe Problem stellt sich auch auf volkswirtschaftlicher Ebene. Heute werden ukrainische Staatsbürger als Bürger aus einem GUS-Staat bevorzugt behandelt, wenn es z.B. um die Erteilung von Arbeitserlaubnissen geht. Das würde wohl zwangsläufig wegfallen. Und welcher EU-Staat wäre im Gegenzug bereit, großzügig ukrainische Arbeitskräfte aufzunehmen?
Beispiel Tourismus: Die Krim ist seit Jahrzehnten das bevorzugte Urlaubsziel vieler Russen (und anderer ehem. Sowjetbürger). Wie wollte die dortige Wirtschaft den eventuellen Ausfall dieser Kunden kompensieren? Wären wirklich so viele Deutsche bereit, statt nach Mallorca auf die Krim zu fahren?

Man kommt nicht um die Feststellung herum, daß die kulturellen, ökonomischen und familiären Verbindungen zwischen der Ukraine und Rußland sehr viel enger sind als die mit der EU. Vom Wahlsieger Janukowitsch ist in Zukunft eine Politik zu erwarten, die diesen Tatsachen verstärkt Rechnung trägt. Wir Mittel- und Westeuropäer dürften damit auch einen weiteren, ganz handfesten Vorteil haben: Denn die seit Jahren zu einer sehr häßlichen Neujahrstradition gewordenen Streitigkeiten um den Transit von Erdgas und Erdöl sollten hinfort der Vergangenheit angehören. Vorbei die Zeiten, als Politiker aus der EU nach Kiew reisen mußten, um mit einer Mischung aus Zuckerbrot und Peitsche um die Sicherstellung der europäischen Gasversorgung zu "werben".
Positive Folgen sind auch für die deutsche Wirtschaft zu erwarten. Juschtschenko hat mehrfach ein unangenehmes Doppelspiel getrieben, indem er parallel mit europäischen und amerikanischen Unternehmen verhandelt hat, um im Zweifelsfall letzteren den Vorzug zu geben. (Ob es insoweit wohl einen Zusammenhang mit seiner Ausbildung in den USA und seiner Ehe mit einer Amerikanerin gibt?)

Am deutlichsten wird sich der anstehende Wechsel im Präsidentenamt in der Außen- und in der Geschichtspolitik auswirken. Juschtschenkos Vision eines NATO-Beitritts der Ukraine ist im Volk immer äußerst unpopulär gewesen und wird jetzt ad acta gelegt. Juschtschenko hat sich zu einer Neutralitätspolitik bekannt. Der Verzicht auf den Beitritt zur EU dürfte den Europäern sehr gelegen kommen, schließlich hat man mit den "armen Schluckern" im eigenen Haus schon genug Probleme.

Geschichtspolitisch erwarte ich, daß Janukowitsch von der von seinem Vorgänger betriebenen Heroisierung von NS-Kollaborateuren Abstand nehmen wird. So hatte der noch amtierende Präsident vor kurzem den Separatisten und Terroristen Stepan Bandera zum Helden der Ukraine erklärt, was weltweite Proteste hervorgerufen hat. Die polnische Regierung verurteilte diesen Schritt und man verwies in Warschau darauf, daß das Todesurteil eines polnischen Gerichts gegen Bandera aus den 1930er Jahren nach wie vor rechtskräftig sei. Bandera war damals am Attenat auf einen polnischen Minister beteiligt. In Polen soll es sogar zu Protestdemonstrationen gekommen sein. Das Simon-Wiesenthal-Zentrum und andere jüdische Funktionäre erinnerten an die Beteiligung Banderas und seiner Organisationen OUN und UNA bei der Vernichtung der ukrainischen Juden während der deutschen Besetzung im 2. WK.
Dies ist ebenfalls ein Thema, welches viele deutsche Medien wohlweislich verschwiegen haben, um den Mythos des angeblich "pro-westlichen" Juschtschenko nicht zu beschmutzen. Und es spricht Bände über die "pro-westliche" Julia Timoschenko, daß sie sich ausgerechnet um Unterstützung durch die Nachfolger der OUN/UPA bemüht hat.

Bleibt zu hoffen, daß Janukowitsch diese Entscheidungen seines Vorgängers, die – gelinde gesagt – zu Irritationen geführt haben, revidiert und sich um die Aussöhnung der beiden Landesteile bemüht, um deren Spaltung sich Juschtschenko so sehr bemüht hat. Denn es war ausgerechnet dieser einstmals strahlende Held der "orangenen Revolution", dessen Politik die Ukraine in die internationale Isolierung treiben könnte – allen NATO- und EU-Ambitionen zum Trotz. Das Schicksal des gewesenen Präsidenten zeigt die Differenz zwischen der Wahrnehmung dieses Mannes im Ausland und im Inland.

Doch der Wahlkrimi scheint noch nicht zu Ende zu sein. Obwohl alle internationalen Beobachter von einer fairen Wahl sprechen und bereits mehrere Staatschefs Janukowitsch zum Wahlsieg gratuliert haben, weigert sich Timoschenko beharrlich, ihre Niederlage einzugestehen. Statt dessen behauptet sie, es habe massive Fälschungen zu ihren Ungunsten gegeben – was nicht einmal mehr ihre eigenen Anhänger überzeugt. Dennoch scheint sie das Wahlergebnis gerichtlich anfechten zu wollen (für Massendemonstrationen wie 2004/2005 fehlt ihr jetzt jedoch das Fußvolk). Hoffentlich ändert sie ihre Haltung schnell, sonst kommt das Land nach mehreren turbulenten Jahren immer noch nicht zur Ruhe und die endlos scheinende Serie von Anschuldigungen und Schlammschlachten geht in eine neue Runde.

Über die neuesten Schach- und Winkelzüge der ukrainischen Politik kann sich der geneigte Leser zeitnah hier und hier informieren; dort passiert zu viel, als daß ich an dieser Stelle vollständig darüber berichten könnte.

Nachtrag: Zwei eher witzige Aspekte muß aber noch vermelden. Nachdem Timoschenko behauptet hatte, ihr Gegner Janukowitsch plane einen Putschversuch, hat der Ukrainische Sicherheitsdienst (SBU; ebenfalls eine Nachfolgebehörde des KGB), der bisher treu zu Juschtschenko stand, erklärt, daß dies keineswegs den Tatsachen entspreche. Und am 5. Februar ist ein georgischer Staatsbürger, der mit Sprengstoff und Schußwaffen ausgerüstet war, festgenommen worden. Was der wohl wollte?

Sollte sich jemand noch weiter in die Lage in der Ukraine vertiefen wollen, dann kann ich das folgende Video empfehlen:



Verwandte Beiträge:
Osteuropäische Unübersichtlichkeit
Bemerkungen zum Gasstreit I
Bemerkungen zum Gasstreit II
Bemerkungen zum Gasstreit III
Sowjetisch oder russisch?

Grafik: Wahlkreisergebnisse des Präsidenten-Stichwahl am 07.02.2010; blau = Janukowitsch, pink = Timoschenko (Quelle: Wikipedia).