Donnerstag, 11. Februar 2010

Wahlspiele in der Ukraine


Die politische Lage in der Ukraine ist seit der "Orangenen Revolution" 2004 immer spannend gewesen und hatte bisweilen einen echten Unterhaltungswert. Bedauerlich ist nur, daß dies in den deutschen Medien meist sehr stereotyp verkauft worden ist. Da gab und hibt es sog. "pro-westliche" Politiker - gemeint sind der scheidende Präsident Viktor Juschtschenko und die Noch-Ministerpräsidentin Julia Timoschenko - und andererseits sog. "pro-russische" Politiker, womit vor allem auf den vermutlichen Wahlsieger Viktor Janukowitsch abgestellt wird. Doch die Situation in der Ukraine ist erheblich komplexer und wird durch solche extrem simplifizierenden Adjektive nicht einmal ansatzweise korrekt erfaßt.
Hier ist jetzt (leider) nicht der Platz, um eine vollständige Korrektur des medialen Zerrbildes zu leisten; ich muß mich mit einigen kurzen Stichpunkten begnügen.

Die Figur Timoschenko ist doch ziemlich schillernd (um es milde auszudrücken). Diese Frau scheint mir nicht einmal ansatzweise von ideologischen Motiven, sondern ausschließlich vom Willen zur persönlichen Macht getrieben. (Noch viel stärker, als wir es von deutschen Berufspolitikern gewöhnt sind.) Das führt einserseits zu einem ausgeprägten Sinn für Realpolitik (was sie von Juschtschenko unterscheidet), andererseits war Timoschenko in häufig wechselnden Koalitionen zu finden. Im Frühjahr 2007 hat sie beispielsweise in Foreign Affairs noch für eine Eindämmung Rußlands durch die USA plädiert, ein Jahr später ist sie hingegen für eine gedeihliche Kooperation mit der RF in der Gasfrage eingetreten, während Juschtschenko auf stur geschaltet und im Januar 2009 die Pipelines nach Mittel- und Westeuropa zugedreht sowie die Unterzeichnung eines neuen bilateralen Vertrages wochenlang blockiert hat. (Ganz zu schweigen von seinen zahlreichen Drohungen gegen die Regierungschefin.)

Andererseits war sich Juschtschenkos Partei nicht zu fein, kurz vor der Stichwahl mit Janukowitschs Partei der Regionen zusammenzuarbeiten, um das Wahlgesetz zu ändern. Das mag andeuten, wie unscharf ein Begriff wie "pro-westlich" im Kontext der ukrainischen Politik ist. Überhaupt: Was soll dieser Begriff denn aussagen? Was ist denn der "Westen"? Nichts mehr als ein höchst unscharfes Konstrukt, mehr Ideologie denn Realität (vgl. D. Gress: "From Plato to Nato"). Etwas deutlicher ist da schon die Kennzeichnung Timoschenkos als "pro-europäisch". Doch ist diese Zuordnung ebenfalls nicht zutreffend, hat die Ministerpräsidentin doch im Wahlkampf erklärt, sie wolle die Seegrenze zum benachbarten Rumänien (immerhin EU- und NATO-Mitglied) neu ziehen. Insofern dürfte Timoschenkos Wahlniederlage auch für die EU besser sein.

Andererseits ist die Titulierung Janukowitschs als "pro-russisch" maßlos übertrieben. Er wird vermutlich im Kulturbereich die von seinem Amtsvorgänger forcierte "Ukrainisierung" abschwächen. Denn immerhin ist die Sprache, die man heute Ukrainisch nennt, kaum 150 Jahre alt; sie ist nicht nur ein künstliches Konstrukt, sondern außerdem in vielen Teilen des Landes (vor allem im Osten und Süden) bis heute eine Fremdsprache geblieben. Dort spricht man seit altersher Russisch. Doch in hochpolitischen Fragen ist Janukowitschs Spielraum stark eingeschränkt (Stichworte: Wirtschaftskrise und Auslandsverschuldung; siehe dazu auch diese gute Analyse). Die Ukraine hängt finanziell am Tropf des IWF, weshalb dieser einen Gutteil von Janukowitschs Politik bestimmen wird und kein grundstürzender Politikwechsel zu erwarten ist. Vielmehr dürfte Janukowitschs Wahl einen Wechsel des politischen Stils bedeuten: weg von hektischen Emotionen, hin zu einer ruhigen Sachpolitik.

Zudem lehrt das Beispiel des bereits seit 1999 existierenden Unionsstaates zwischen Rußland und Belarus, wie eng begrenzt alle Versuche einer Reintegration im postsowjetischen Raum sind. Wenn manche europäischen und amerikanischen Autoren von der angeblichen Gefahr einer Wiederherstellung der Sowjetunion reden, dann gehen sie lediglich den Blütenträumen einiger Hinterbänkler von einer "Sammlung der slawischen Erde" auf den Leim. In der Realität steht dergleichen nicht zur Debatte. Die schablonenhafte Vorstellung, es gehe in der Ukraine um eine Art Zweikampf zwischen dem (lichten) "Westen" und (dem finsteren) Rußland ist absurd und wird den (geo-) politischen und ökonomischen Gegebenheiten des Landes nicht einmal ansatzweise gerecht.

Dennoch wird sich Janukowitsch stärker als seine "orangenen" Vorgänger um ein gedeihliches Verhältnis zu Moskau bemühen. Das ist jedoch nicht Ausdruck finsterer Absichten, sondern Zeugnis seines Realitätssinnes. Denn der etwa von Timoschenko angestrebte EU-Beitritt der Ukraine würde fast zwangsläufig dazu führen, daß zwischen beiden Staaten die gegenseitige Visapflicht eingeführt würde. Das würde für viele Familien, die Verwandte im jeweils anderen Land haben, erhebliche Erschwernisse mit sich bringen. Was sollen diese Menschen im Gegenzug mit dem möglicherweise visafreien Reiseverkehr in die EU-Staaten anfangen?
Dasselbe Problem stellt sich auch auf volkswirtschaftlicher Ebene. Heute werden ukrainische Staatsbürger als Bürger aus einem GUS-Staat bevorzugt behandelt, wenn es z.B. um die Erteilung von Arbeitserlaubnissen geht. Das würde wohl zwangsläufig wegfallen. Und welcher EU-Staat wäre im Gegenzug bereit, großzügig ukrainische Arbeitskräfte aufzunehmen?
Beispiel Tourismus: Die Krim ist seit Jahrzehnten das bevorzugte Urlaubsziel vieler Russen (und anderer ehem. Sowjetbürger). Wie wollte die dortige Wirtschaft den eventuellen Ausfall dieser Kunden kompensieren? Wären wirklich so viele Deutsche bereit, statt nach Mallorca auf die Krim zu fahren?

Man kommt nicht um die Feststellung herum, daß die kulturellen, ökonomischen und familiären Verbindungen zwischen der Ukraine und Rußland sehr viel enger sind als die mit der EU. Vom Wahlsieger Janukowitsch ist in Zukunft eine Politik zu erwarten, die diesen Tatsachen verstärkt Rechnung trägt. Wir Mittel- und Westeuropäer dürften damit auch einen weiteren, ganz handfesten Vorteil haben: Denn die seit Jahren zu einer sehr häßlichen Neujahrstradition gewordenen Streitigkeiten um den Transit von Erdgas und Erdöl sollten hinfort der Vergangenheit angehören. Vorbei die Zeiten, als Politiker aus der EU nach Kiew reisen mußten, um mit einer Mischung aus Zuckerbrot und Peitsche um die Sicherstellung der europäischen Gasversorgung zu "werben".
Positive Folgen sind auch für die deutsche Wirtschaft zu erwarten. Juschtschenko hat mehrfach ein unangenehmes Doppelspiel getrieben, indem er parallel mit europäischen und amerikanischen Unternehmen verhandelt hat, um im Zweifelsfall letzteren den Vorzug zu geben. (Ob es insoweit wohl einen Zusammenhang mit seiner Ausbildung in den USA und seiner Ehe mit einer Amerikanerin gibt?)

Am deutlichsten wird sich der anstehende Wechsel im Präsidentenamt in der Außen- und in der Geschichtspolitik auswirken. Juschtschenkos Vision eines NATO-Beitritts der Ukraine ist im Volk immer äußerst unpopulär gewesen und wird jetzt ad acta gelegt. Juschtschenko hat sich zu einer Neutralitätspolitik bekannt. Der Verzicht auf den Beitritt zur EU dürfte den Europäern sehr gelegen kommen, schließlich hat man mit den "armen Schluckern" im eigenen Haus schon genug Probleme.

Geschichtspolitisch erwarte ich, daß Janukowitsch von der von seinem Vorgänger betriebenen Heroisierung von NS-Kollaborateuren Abstand nehmen wird. So hatte der noch amtierende Präsident vor kurzem den Separatisten und Terroristen Stepan Bandera zum Helden der Ukraine erklärt, was weltweite Proteste hervorgerufen hat. Die polnische Regierung verurteilte diesen Schritt und man verwies in Warschau darauf, daß das Todesurteil eines polnischen Gerichts gegen Bandera aus den 1930er Jahren nach wie vor rechtskräftig sei. Bandera war damals am Attenat auf einen polnischen Minister beteiligt. In Polen soll es sogar zu Protestdemonstrationen gekommen sein. Das Simon-Wiesenthal-Zentrum und andere jüdische Funktionäre erinnerten an die Beteiligung Banderas und seiner Organisationen OUN und UNA bei der Vernichtung der ukrainischen Juden während der deutschen Besetzung im 2. WK.
Dies ist ebenfalls ein Thema, welches viele deutsche Medien wohlweislich verschwiegen haben, um den Mythos des angeblich "pro-westlichen" Juschtschenko nicht zu beschmutzen. Und es spricht Bände über die "pro-westliche" Julia Timoschenko, daß sie sich ausgerechnet um Unterstützung durch die Nachfolger der OUN/UPA bemüht hat.

Bleibt zu hoffen, daß Janukowitsch diese Entscheidungen seines Vorgängers, die – gelinde gesagt – zu Irritationen geführt haben, revidiert und sich um die Aussöhnung der beiden Landesteile bemüht, um deren Spaltung sich Juschtschenko so sehr bemüht hat. Denn es war ausgerechnet dieser einstmals strahlende Held der "orangenen Revolution", dessen Politik die Ukraine in die internationale Isolierung treiben könnte – allen NATO- und EU-Ambitionen zum Trotz. Das Schicksal des gewesenen Präsidenten zeigt die Differenz zwischen der Wahrnehmung dieses Mannes im Ausland und im Inland.

Doch der Wahlkrimi scheint noch nicht zu Ende zu sein. Obwohl alle internationalen Beobachter von einer fairen Wahl sprechen und bereits mehrere Staatschefs Janukowitsch zum Wahlsieg gratuliert haben, weigert sich Timoschenko beharrlich, ihre Niederlage einzugestehen. Statt dessen behauptet sie, es habe massive Fälschungen zu ihren Ungunsten gegeben – was nicht einmal mehr ihre eigenen Anhänger überzeugt. Dennoch scheint sie das Wahlergebnis gerichtlich anfechten zu wollen (für Massendemonstrationen wie 2004/2005 fehlt ihr jetzt jedoch das Fußvolk). Hoffentlich ändert sie ihre Haltung schnell, sonst kommt das Land nach mehreren turbulenten Jahren immer noch nicht zur Ruhe und die endlos scheinende Serie von Anschuldigungen und Schlammschlachten geht in eine neue Runde.

Über die neuesten Schach- und Winkelzüge der ukrainischen Politik kann sich der geneigte Leser zeitnah hier und hier informieren; dort passiert zu viel, als daß ich an dieser Stelle vollständig darüber berichten könnte.

Nachtrag: Zwei eher witzige Aspekte muß aber noch vermelden. Nachdem Timoschenko behauptet hatte, ihr Gegner Janukowitsch plane einen Putschversuch, hat der Ukrainische Sicherheitsdienst (SBU; ebenfalls eine Nachfolgebehörde des KGB), der bisher treu zu Juschtschenko stand, erklärt, daß dies keineswegs den Tatsachen entspreche. Und am 5. Februar ist ein georgischer Staatsbürger, der mit Sprengstoff und Schußwaffen ausgerüstet war, festgenommen worden. Was der wohl wollte?

Sollte sich jemand noch weiter in die Lage in der Ukraine vertiefen wollen, dann kann ich das folgende Video empfehlen:



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Bemerkungen zum Gasstreit I
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Grafik: Wahlkreisergebnisse des Präsidenten-Stichwahl am 07.02.2010; blau = Janukowitsch, pink = Timoschenko (Quelle: Wikipedia).

Sonntag, 7. Februar 2010

Neue Geschichtsbilder

Heute sollen drei von ihrem Charakter her sehr unterschiedliche Bücher vorgestellt werden, die ich während der letzten Monate gelesen habe und die ein gemeinsames Thema verbindet: der Zweite Weltkrieg und die Stalin-Ära – und wie sie heute, im nachkommunistischen Rußland erinnert werden.

Zunächst ein Roman aus der Feder Georgij Wladimows: „Der General und seine Armee“ (München 1997). Dieses Buch ist zunächst für den Leser nicht ganz leicht zugänglich, doch dann breitet sich eine spannende und einfühlsame Erzählung aus. Der Held des Buches, ein General der Roten Armee, hat so ziemlich alle Höhen und Tiefen durchlebt, die es für ihn geben konnte. Erst Aufstieg als fähiger Offizier, dann in die Fänge der Säuberungen geraten und inhaftiert – lediglich der Kriegsbeginn am 22. Juni 1941 rettet ihn vor dem Exekutionskommando. Daraufhin wieder als Kommandeur eingesetzt, macht er den Rückzug und die Winterschlacht vor Moskau mit und wird dort schwer verwundet. 1943/44, während des Vormarsches, ist er in der Ukraine eingesetzt, verkracht sich dabei mit den maßgeblichen Teilen der Frontnomenklatura (einschließlich Chruschtschow) und wird schließlich nach Hause beordert.

Der Roman ist sehr dicht geschrieben, wobei – für den Leser nicht immer ganz leicht zu durchschauen – verschiedene Zeitebenen miteinander verwoben werden. Inhaltlich spiegelt er die ganze Tragik und die seelischen Verwüstungen des 2. WK aus der heutigen russischen Sicht wieder: die Einsicht, daß auch der eigene Staatschef ein Verbrecher ist, die Nationalitätenkonflikte innerhalb der UdSSR (mit zwei Georgiern – Stalin und Berija – im Zentrum der Macht), die Bewertung des Generals Wlassow und jener Soldaten, die ihm in die Russische Befreiungsarmee (ROA) gefolgt sind, das Verhältnis zwischen den Sowjetbürgern, die Intrigen und Ränke innerhalb der Elite usw. usf.

In diesem Buch gibt es kein einfaches Gut und Böse, weiß und schwarz, hingegen werden sehr viele Grautöne sichtbar – so, wie das Leben nun einmal ist. Doch der Autor setzt ganz bewußt Akzente, die sich von dem gängigen sowjetischen Geschichtsbild unterscheiden und so einen Kontrapunkt zu den überkommenen Vorstellungen setzen – ohne dabei allerdings in den Fehler zu verfallen, die ideologischen Vorzeichen einfach umzukehren.
Nicht ganz einfach zu lesen, aber dennoch gut und (ich muß gestehen) ergreifend.

Der zweite Titel – „Der Krieg hat kein weibliches Gesicht“ (Berlin 2004) von Swetlana Alexijewitsch – ist in der zeitgenössischen Geschichtsschreibung zu verorten und ergänzt den Ausstellungsband des Museums Karlshorst hervorragend. Die Autorin hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Berichte von weiblichen Soldaten der Roten Armee zu sammeln und aufzubereiten. Das ist ihr im großen und ganzen auch gelungen, doch ich bin – mit gutem Grund – gegenüber einem solchen reinen „Oral History“-Ansatz skeptisch, insbesondere wenn mehr Wert auf die Vermittlung von Gefühlen als auf eine korrekte Darstellung der Fakten gelegt wird. Daher sollte das Buch als Baustein und keineswegs als Gesamtgeschichte betrachtet werden, denn dafür ist es zu subjektiv. Letzteres gibt die Autorin auch unumwunden zu, wenn sie ausführt, daß sie die weibliche Geschichte des Krieges schreiben wolle. Abgesehen von dieser methodischen Kritik zeigt sich auch bei Alexijewitsch eine erfreuliche Abkehr von den sterilen und unpersönlichen Heldenmythen der Sowjetzeit.

Die beiden soeben genannten Bücher hätten ohne eine grundstürzende Veränderungen in der sowjetischen und russischen Geschichtsschreibung nicht entstehen können. Ich meine damit den gegen die tradierten sowjetischen Geschichtsbilder gerichteten Revisionismus. Mitte der 1980er Jahre begann die öffentliche Auseinandersetzung mit den Verbrechen der Stalin-Ära und seither gibt es keine Fragestellung, vor der russische Historiker zurückschrecken würden (z.B. die Präventivkriegsthese für das Jahr 1941 oder die Opfer des Archipel Gulag).

Eine erste Dokumentation dieses Revisionismus in der Geschichtswissenschaft hat 1998 Wolfgang Strauss unter dem Titel „Unternehmen Barbarossa und der russische Historikerstreit“ vorgelegt.
Vieles von dem dort geschriebenen ist aufgrund unserer schnellebigen Zeit heute nur noch von wissenschaftsgeschichtlichem Interesse. Wichtig und m.E. bis heute zutreffend sind jedoch die von Strauss skizzierten Unterschiede der rußländischen im Vergleich zur deutschen „Vergangenheitsbewältigung“. Z.B.:
"[…]

Der russische Revisionismus berücksichtigt die schwer traumatisierten Verfolgungs- und Kriegsopfer, in der Gewißheit, daß das Verzeihen in den Lagern und Schützengräben nicht gestorben ist. Das russische Volk verweigert sich einer Selbstverhöhnung und Selbstverdammung, es will keinen nachträglichen Bürgerkrieg, eine neue „Tschistka“, keine demokratische Entkommunisierung per Ächtungslisten, Publikationsverbote, Tribunale.

Vergangenheitsbewältigung in Rußland kennt keine russophobe Seelenlandschaft. Betroffenheitsfanatiker sucht man vergeblich, Betroffenheitsrituale sind nicht an der Tagesordnung.

[…]" (S. 23 f.)
Ein Beispiel dafür ist etwa der von einer kleinen, aber lautstarken Minderheit kritisierte Versuch, die Bewertung der Geschichte dem Bürger zu überlassen anstatt sie staatlicherseits vorzugeben.
Auch im Schlußwort hat der Autor eine Beobachtung gemacht, die sich mit meinen Erfahrungen – insbesondere hinsichtlich der Außenpolitik der RF – deckt:
"[…]

Vom Internationalismus jeglicher Art, ob kommunistischen oder kapitalistischen Ursprungs, hat das schwergeprüfte russische Volk genug, genug mit Sicherheit für die nächsten 100 Jahre, genug vermutlich für alle Zukunft. Diese Erkenntnis liegt dem Schaffen der Revisionisten Rußlands zugrunde, und sie vereint alle Kontrahenten im „russischen Historikerstreit“." (S. 181 f.)

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Dienstag, 2. Februar 2010

Warum immer auf die Eisenbahn?


Die Eisenbahnstrecken von und nach St. Petersburg müssen auf Terroristen und sonstige gestörte Personen eine große Faszination ausüben. Bereits 2007 und 2009 war es zu Bombenanschlägen gekommen. Für das erste Attentat, bei dem es "nur" 60 Verletzte gegeben hatte, sind mittlerweile zwei Inguschen verurteilt worden. Und auch für das im letzten November, bei dem 26 Menschen ums Leben gekommen sind, und bei dem es - besonders perfide! - eine zweite Bombe gab, die sich gegen die Hilfskräfte richtete, haben Islamisten die Verantwortung übernommen.

Heute früh um 04.15 Uhr Ortszeit kam es nun zu einem Sprengstoffanschlag auf den Gleiskörper im südlichen Stadtgebiet von Petersburg, an einer Strecke, die zum Baltischen Bahnhof führt und über die großteils Regional- und Vorortzüge (sog. Elektritschkas) fahren. (In der Nähe des Tatortes wohnen übrigens Freunde von mir, die glücklicherweise nicht betroffen sind.) Ersten Ermittlungen zufolge soll der Sprengsatz relativ schwach gewesen sein (200 bis 400 g TNT-Äquivalent), weshalb es lediglich einen Verletzten gab - ein Bahnmitarbeiter, der mit einer Motordraisine unterwegs war, um die Strecke zu kontrollieren. Mittlerweile konnte wohl auch ein Versteck, von dem aus die Bombe gezündet worden ist, gefunden werden. (Vgl. z.B. hier, hier und hier.)

Dieses Video (leider nur auf Russisch) vermittelt einen (zumindest visuellen) Eindruck von der Unfallstelle (ein direktes Einbinden des Videos ist leider nicht möglich):

Новости дня

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У пострадавшего в результате взрыва машиниста перелом ноги

Состояние здоровья 37-летнего Константина Махонина - машиниста, пострадавшего в результате взрыва на железной дороге в Петербурге, оценивается как удовлетворительное. Он находится на лечении в травматологическом отделении Дорожной больницы, куда он поступил с переломом ноги.

Da in der deutschsprachigen Berichterstattung einiges durcheinander läuft, hier noch zwei Klarstellungen von Fakten:
1. Die Strecke war beschädigt und deshalb für einige Stunden gesperrt, schließlich mußten Gleise ausgetauscht werden.
2. Die Ermittlungen führen derzeit drei Behörden: Die Transport-Miliz, weil sie auf dem Bahngelände örtlich zuständig ist; der Föderale Sicherheitsdienst (FSB), weil er bei Straftaten im Zusammenhang mit terroristischen Aktionen immer sachlich zuständig ist (der FSB-Chef ist in Personalunion Leiter des gesamtstaatlichen Anti-Terror-Komitees); sowie das Ermittlungskomitee der Generalstaatsanwaltschaft (so hoch gehangen ebenfalls wegen des Terrorverdachts). Das ist ein ganz normales Prozedere und bietet keinerlei Anlaß für irgendwelche Spekulationen.
3. Dasselbe gilt für den Straftatbestand, aufgrund dessen das Ermittlungsverfahren eingeleitet worden ist. Illegaler Sprengstoffbesitz (Art. 222 des StGB der RF) ist bei solchen Fällen der Standardvorwurf, der ggf. auf andere Tatbestände erweitert wird.

Aufgrund der Durchführung des Anschlags, insbesondere der geringen Menge an Sprengstoff, schießen schon wieder die wildesten Gerüchte über den Hintergrund ins Kraut. Die Durchführung erscheint auch aus meiner Sicht für eine der bekannten islamistischen Terrorgruppen zu unprofessionell. Diese Leute können das besser.
Aber auch die These, irgendjemand (die Regierung? oder gar der Bösewicht Putin persönlich?) wolle Terrorangst schüren, ist doch ziemlich abwegig. Gerade nach den Attentaten im November 2009 (ja, es gab noch ein zweites) ist die Terrorangst real und es wird gerade an neuen Sicherheitskonzepten für den Bahnverkehr gearbeitet (vgl. hier und hier). Da muß niemand künstlich nachhelfen nachhelfen.
Am wahrscheinlichsten erscheint mir als Täter ein einzelner Amateur: entweder jemand mit einem islamistischen Hintergrund oder einfach ein Jugendlicher, der die Experimente mit seinem Chemiebaukasten übertrieben hat. Alles andere, auch die Variante mit dem "Warnschuß" einer kriminellen Organisation, ist m.E. abwegig. (Doch auch meine Gedanken sind derzeit nur spekulativ und es kann auch gar nicht anders sein!)

Dies waren meine Überlegungen, bis ich die Ausführungen eines Funktionärs der Partei "Jabloko" lesen mußte:
"[...]

Die oppositionelle Jabloko-Partei befürchtet, die Explosion könnte von der Regierung als Anlass benutzt werden, um die oppositionelle Bewegung im Land an den Pranger zu stellen.
Der Vorsitzende der Petersburger Jabloko-Sektion Maxim Resnik gab zu bedenken, dass dies bereits bei der Bombenexplosion im Mac Donald’s-Restaurant am Newski Prospekt geschehen sei. Weil am selben Tag eine Demonstration der Opposition stattgefunden habe, seien sie damals sofort als Urheber für den Anschlag verdächtigt worden, obschon sich später herausgestellt hatte, dass ein Rechtsextremer den Sprengsatz gelegt habe.

[...]"
Wie kommt der Mann nur auf die Idee, einen Zusammenhang zwischen der Politik seiner Partei und dem heutigen Anschlag herzustellen? Diese Idee erscheint doch absurd und sie ist, soweit ich das überblicke, auch in den spekulationsfreudigen russischen Medien bisher nicht erörtert worden. Warum also? Oder waren Resniks Sätze eine freudsche Fehlleistung und die Linksliberalen von Jabloko gehen insgeheim doch schon mit dem Terrorismus schwanger - so wie ihre Gesinnungsgenossen im 19. Jahrhundert?


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Foto: www.vesti.ru.